Schweizer Monat
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Von Michael Wiederstein
Liebe Leserinnen und Leser
 
In dieser Ausgabe präsentieren wir Ihnen die Schweizer Literaturpreisträgerinnen und -preisträger des Jahres 2016 (ab S. 34). Unser Print-und-Online-Schwerpunkt versammelt Einsichten in die prämierten Werke, neue Kurzgeschichten und Essays der Ausgezeichneten, aber auch exklusives Photo- und Hintergrundmaterial. Wir wollen informieren und vermitteln, aber auch begeistern. Dieser Schwerpunkt ist nur entstanden dank der Förderung des... » Mehr
«Ich werde ein Glanz, und was ich dann mache, ist richtig – nie mehr brauch ich mich in Acht nehmen und nicht mehr meine Worte ausrechnen und meine Vorhabungen ausrechnen – einfach betrunken sein – nichts kann mir mehr passieren an Verlust und Verachtung, denn ich bin ein Glanz.» – Irmgard Keun: «Das kunstseidene Mädchen»
Von Stefanie Sourlier

Stefanie Sourlier, photographiert von Ayse Yavas.

Es ist nach Mitternacht und ich sollte zwar nicht den Roman, aber zumindest diese Kolumne bis morgen früh fertig schreiben. Ich überlege Dopingstrategien, Kaffee und Clubmate hab ich schon hinter mir, Arno Schmidt trank angeblich abwechselnd Nescafé, Schnaps und Maggi, Irmgard Keun empfiehlt Champagner, den man sich aber leisten können muss. So schreibt sie 1936 aus Ostende an ihren Verlobten im amerikanischen Exil: «Man müsste als Schriftsteller so viel...
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Von Urs Mannhart
Das Blatt dieser kleinen, im Jardin des Plantes stehenden Zypresse, das ich während meines Spaziergangs zerkaue, schmeckt aromatisch, vollmundig hölzern. Es lässt sich gut nachvollziehen, weswegen Winzer einst ihren Wein damit würzten. Eine kurze Weile stehe ich alleine an der Fussgängerampel, dann holt er mich ein. Steht neben mir, richtet wie ich den Blick in den rauschenden Verkehr, wartet wie ich auf das grüne Feuer, wie die Franzosen sagen. Wir sind zwei... » Mehr
Was der Literaturbetrieb mit seinen Kritikern macht – und umgekehrt
Von Redaktion
Der «Literaturbetrieb», liebevoll auch «Literaturkuchen» genannt, das ist die kleine Schar Menschen, die sich in irgendeiner Form an der Entstehung von Büchern beteiligen: Autoren, Agenten, Verleger,  Lektoren, Korrektoren, Schriftsetzer, Drucker, Presseverantwortliche, Kritiker... – Kritiker? Sollten diese «Gatekeeper» nicht jenseits des Betriebs darüber wachen, dass darin gute Arbeit gemacht wird? So einfach ist es leider... » Mehr
Oder: Liebevolle Annäherung
Von Sarah Pines
Buchladen – Antiquariat» steht in tabakbraunen Lettern auf dem senfgelben Schild. Beim Eintreten bimmelt ein Glöckchen, dann noch mal beim Schliessen der Tür, die nicht richtig schliesst. Drinnen gelbes Neonlicht, der Geruch von Tabak und Muff, auf dem Verkaufstisch ein aufgefaltetes braunes Papier mit Kornbrot und einer Tomate darauf, dahinter der Inhaber, ein Mann mit Schnauz, lesend. Um ihn herum konzentrische Halbkreise aus Buchregalen, hinten stöbert eine Frau in... » Mehr
Meine Kritiker und ich haben häufig unterschiedliche Auffassungen von Literatur. Das ist gut so. Aber zuweilen geht ersteren der Fokus auf das, was eigentlich zählt, völlig verloren. Eine Kritik der Kritik.
Von Peter Stamm

Photographiert von Stefan Kubli.

Meine ersten Erfahrungen mit der Kritik machte ich nicht als Opfer, sondern als Täter. Als freier Journalist schrieb ich neben Reportagen und Satiren auch Film- und gelegentlich Theater-, Kunst- und Fernsehkritiken für den «Nebelspalter» und den «Züritipp». Ich ging nicht zimperlich um mit den Künstlern, lobte gern, aber verriss noch lieber. Die meisten Filme, die ich kritisierte, kamen von weither, kaum einer der Filmemacher las wohl jemals meine...
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Der Medienwandel verändert alle Lebensbereiche, auch den Literaturbetrieb und die Literaturkritik. Einst herrschte zwischen Dichtern und Kritikern strikte Arbeitsteilung. Heute stecken beide im selben Räderwerk der Digitalisierung.
Von Thierry Chervel
Wenn eine Jolle ins Schlingern gerät, denkt die Besatzung, sie sei in der Krise. Der Standpunkt ist logisch: Man hat Angst vorm eigenen Untergang. Aber in der Angst verengt sich der Blick.
Journalisten denken sich den Medienwandel deshalb als «Zeitungskrise». Dabei ist er sogar mehr als ein Medienwandel, mehr als ein Strukturwandel der Öffentlichkeit. Zieht man den Fokus auf, sieht man viele Jollen in Not: Der Bruch der Digitalisierung betrifft alle Bereiche des Lebens,... » Mehr
Liebe, Inklusion und PR-Damen: Ein Jahr Feuilletonalltag in Deutschland
Von Michael Angele
12.3.
Heute beginnt die Buchmesse in Leipzig. Über 3000 Autoren werden an 3200 Veranstaltungen teilnehmen, die an 410 verschiedenen Orten stattfinden. Ich werde dieses Jahr nicht dabei sein. Macht nichts.

12.5.
Michael Wiederstein vom «Literarischen Monat» in Zürich schreibt mir, dass ich mir mit meinem geplanten Artikel über den Literaturbetrieb und seine Korruptionen noch etwas Zeit lassen könne. Ich hoffe, das ist kein Vorwand, um das Vorhaben zu...
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…für mich nicht – längst wäre ich ihr sonst davongelaufen.»
Von Serena Jung, Elsbeth Pulver

Elsbeth Pulver (1957), zvg.

Im Jahr 1982 führt die Literaturkritikerin Elsbeth Pulver ein «imaginäres Gespräch über Literatur»1 in dieser Zeitschrift – genauer: deren Vorgängerzeitschrift, den «Schweizer Monatsheften». Darin versucht ein fiktiver Journalist, sie über ihr Verhältnis zur Literatur kritisch zu befragen. Und das Gespräch verläuft nicht gut, wie so oft, wenn ein Interview «besonders kritisch» sein soll. So fallen die...
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Oder: Warum man sich selbst fremd werden muss, um ein guter Kritiker und Leser zu sein.
Von Stefan Zweifel
Da sitzt er, der Literaturkritiker, den Stift in der Hand, und notiert, was ihm am Text, am «Fall», der vor ihm liegt, auffällt. Er sitzt da wie der Psychoanalytiker, aufrecht, in der Position der Macht. Vor ihm, vertikal hingestreckt und ausgeliefert, der Patient. Der Text.
Es ist der rechte Winkel der geometrischen Vernunft, die sich seit Descartes die Welt der Objekte untertan macht – und der sich der Mensch als neuzeitliches «subjektum»... » Mehr
Marlon James:
A Brief History of Seven Killings.
New York: Riverhead, 2015.
Von Gregor Szyndler
Jamaika, 1976. Bob Marley steht vorm grössten Auftritt seines Lebens: ein Friedenskonzert, gratis, organisiert vom Premierminister, der um seine Wiederwahl bangt. Jamaika ist zerrissen zwischen Gangs, CIA und der Hoffnung, die von «the Singer», wie Marley genannt wird, ausgeht: Politiker eliminieren ihre Gegner, Kubaner agitieren, Kolumbianer rekrutieren Drogenschmuggler, Soldaten massakrieren Zivilisten und die, die können, emigrieren in die USA. Dann überfallen... » Mehr
Von Lesern für Leser
Von Redaktion
Am Himmelsrand
Franz Hohler: Ein Feuer im Garten. München: Luchterhand, 2015.besprochen von Nora Zukker, Schriftstellerin und Radiomoderatorin, Urdorf.
Franz Hohler begleitet mich ins Krankenhaus. 52 Erzählungen auf 126 Seiten. Bevor ich durch die Schiebetüre der Intensivstation gehe, lese ich «Ins Leere» zu Ende. «Der Anblick ist erwartet und doch bestürzend.» Ja. Ich stehe in einer Zwischenwelt. In einer Welt, in der es piepst und keucht und ringt.... » Mehr
Bern–Emmenbrücke: 1 Stunde, 34 Minuten
Von Francesco Micieli

Francesco Micieli, photgraphiert von Michael Wiederstein.

Es gibt Momente, in denen Dinge geschehen, die so unerwartet und unerhört sind, dass wir sie erst viel später wirklich bemerken. Auch im Zug nach Emmenbrücke. Ich war soeben von Bern kommend in Olten umgestiegen, in meinen Händen und vor meinen Augen: das «Mäanderland» von Andrea Maria Keller (Edition Howeg). «Prickelnd / unter der haut / das zirpen der grillen.» Der Vers ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Es regnete. Das Land war grau und trotz...
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Von Michael Wiederstein
Ulrich Schacht «Grimsey » (Aufbau, 2015) / Ein Mann sammelt Inseln. Bevorzugt solche von arktischer Kargheit. Spitzbergen hat er ebenso besucht wie den Franz-Josefs-Archipel. Nun ist das isländische Grimsey dran. Der Mann ist alleine. Alleine mit erschossenen Möwen, deren Leiber in den Wiesen verstreut liegen, und seinen Erinnerungen. Ihn verfolgt das Bild eines kleinen Jungen, aufgewachsen in einer nicht gerade demokratischen Demokratischen Republik. In... » Mehr
Von Markus Rottmann
Zum ersten Mal begegnete ich ihm im Zentrum für Gegenwartskunst bei Scuol. Ich hatte gerade eine Ton-Installation aufgebaut über Skiliftbügelgeber, die Bademeister der Berge, die Idole meiner Kindheit. Da trat dieser neugierige Hüne herein, zwängte sich in das enge Lifthäuschen und sog geräuschvoll die Luft durch die Nase. «Ahhhh, hier riecht’s nach... nach Mann!» Gian war damals ein junger Schauspieler, der im Keller der... » Mehr
Von Redaktion
Deutsch, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch – nein, das ist nicht die Aufzählung der Schweizer Sprachen nach ihrer Gewichtigkeit oder Kaufkraft, sondern für einmal nur die alphabetische Reihenfolge der Zungen, in denen die mit dem diesjährigen «Schweizer Literaturpreis» ausgezeichneten Werke verfasst sind. Zum fünften Mal hat das Bundesamt für Kultur herausragende Neuerscheinungen des vergangenen Literaturjahres gewürdigt. Wir... » Mehr
Von Andrea Bianchetti
Dieses Jahr gehen die Schweizer Literaturpreise 2016 in der italienischsprachigen Schweiz an Massimo Gezzi und Giovanni Fontana. Massimo Gezzi wurde 1976 in Sant’Elpidio a Mare, in den Marken, geboren und lebt heute als Lehrer in Lugano. 2015 erschien unter dem Titel «Il numero dei vivi» sein jüngster Gedichtband, mit dem er in Italien auch den prestigereichen Premio Carducci gewonnen hat und in dem er, wie ein passionierter Abenteurer, die poetische Parabel... » Mehr
Von Ruth Gantert
Die jurierenden Schülerinnen und Schüler des «Roman des Romands» haben unter den acht in diesem Jahr nominierten Werken Xochitl Borels «L’alphabet des anges» (L’aire) ausgezeichnet. Die Ich-Erzählerin des schmalen Bandes muss erleben, wie ihr einäugiges Kind Aneth langsam die Sehkraft verliert. Partner, Stiefmutter und (ebenfalls einäugiger) Hund sorgen für liebevolle Zuwendung, doch es fliessen Tränenströme, bis das... » Mehr
Von Daniel Mezger
Wer ist eigentlich dieser ältere Herr (so alt auch wieder nicht), der nun aufsteht (Ende fünfzig?), der kurz zum Moderator nickt (nein, darüber) und sich räuspert. Er ist immer da, kommt an jede meiner Lesungen und nicht nur an die, auch bei Kollegen tauchen er und sein Sakko mit den Ellbogenschonern auf. Er setzt an, wie er immer ansetzt: «In Ihrem Buch schreiben Sie ja…» Er fasst den Roman zusammen (korrekt). Er sagt, an welche Autoren ihn das erinnere... » Mehr
Online Spezial: Die Lokalzeitungen müssen sparen. Das trifft nicht zuletzt die Buchseiten. Und hat mitunter absurde Folgen für uns Kritiker.
Von Oliver Pfohlmann
Kürzlich wechselte bei meiner Heimatzeitung wieder einmal die Leitung der Wochenendbeilage. Meine Mitarbeit bei diesem Blatt hat eine wechselvolle Geschichte: Seit Mitte der Neunzigerjahre erschienen dort meine ersten Besprechungen überhaupt, hier konnte ich während meines Germanistikstudiums das literaturkritische Schreiben lernen. Aber Mitte der Nullerjahre endete die Zusammenarbeit vorübergehend, nachdem eine neue Chefredaktion alles reformiert hatte. Kultur hatte... » Mehr
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