7 Werke, 7 Köpfe

Zum vierten Mal hat das Bundesamt für Kultur im Februar herausragende Neuerscheinungen des vergangenen Bücherjahres gewürdigt und sieben «Schweizer Literaturpreise» an hiesige Autoren vergeben, die 2014 mit einem literarischen Werk Furore gemacht haben. Furore? Allzu häufig bleiben feine Texte in kleinen Nischen und die Autorinnen und Autoren einem breiteren Publikum unbekannt. Dies gilt umso mehr […]

7 Werke, 7 Köpfe

Zum vierten Mal hat das Bundesamt für Kultur im Februar herausragende Neuerscheinungen des vergangenen Bücherjahres gewürdigt und sieben «Schweizer Literaturpreise» an hiesige Autoren vergeben, die 2014 mit einem literarischen Werk Furore gemacht haben. Furore?
Allzu häufig bleiben feine Texte in kleinen Nischen und die Autorinnen und Autoren einem breiteren Publikum unbekannt. Dies gilt umso mehr in einem Land, in dem in vier verschiedenen Sprachen und vor dem Hintergrund ganz unterschiedlicher regionaler Sensibilitäten geschrieben wird. Dass die Auszeichnung im Plural daherkommt, hat deshalb seinen guten Grund: Die Preise bilden die Vielfalt des schweizerischen Literaturschaffens ab – und wir hoffen, Sie auf den folgenden Seiten nicht nur mit ausgezeichneten und von Sébastien Agnetti abgelichteten Köpfen bekannt zu machen, sondern auch die Lust auf Expeditionen in unbekannte literarische Welten zu wecken!

Schweizer Literaturpreise 2015: Dorothee Elmiger, Eleonore Frey, Hanna Johansen, Guy Krneta, Frédéric Pajak, Claudia Quadri, Noëlle Revaz

Schweizer Grand Prix Literatur 2015: Adolf Muschg

Spezialpreis Vermittlung 2015: «Roman des Romands»

Photographie: Sébastien Agnetti / OFC 

www.literaturpreise.ch

 

 

 

Dorothee Elmiger, photographiert von Sébastien Agnetti / OFC.

Dorothee Elmiger

«Umso mehr als die Schweiz ein Binnenland und scheinbar zentral gelegen ist, begeht man oft den Irrtum, dieses Land nicht nur als einen persönlichen, sondern auch als einen faktischen Mittelpunkt zu betrachten, in Portugal war mir stets deutlich vor Augen, dass ich mich an einem äussersten Rand befinde, auch in Wien oder in Kalifornien habe ich eine ganz andere Orientierung empfunden als in der Schweiz, dievordergründig ja in sich schlüssig ist.»

Aus «Schlafgänger» (DuMont, 2014)


Dorothee Elmiger, geboren 1985 in Wetzikon, Studium der Philosophie und Politikwissenschaft in Zürich, macht es sich nicht leicht. Während andere mit 25 Jahren bestenfalls erste Gehversuche in Literaturzeitschriften unternehmen, gewann die Autorin mit ihrem Erstling «Einladung an die Waghalsigen» den aspekte-Literaturpreis. Darin erzählt sie von zwei Schwestern, die durch eine Stadt streifen, unter der ein Stollenbrand schwelt. Von wegen Jungliteraten neigten zur Nabelschau! Auch in «Schlafgänger» widmet sie sich einem Stoff, von dem viele die Finger liessen: der Migration. Die Protagonisten, namenlose Grenzüberschreiter, sinnieren über die Schwierigkeit, sich als Bewohner der «Festung Europa» zu dieser Thematik zu äussern. Elmiger besuchte die Literaturinstitute Biel und Leipzig. Wer sie deswegen in die Creative-Writing-Nische einordnen möchte, dem entgeht eine Erzählerin, die mit der Sprache und einem schwierigen Stoff auf eine ganz neue, mutige Weise umgeht. 

 

 

Eleonore Frey, photographiert von Sébastien Agnetti / OFC.

Eleonore Frey

«Ob es der Titel ist, der die Leser lockt? ‹Unterwegs nach Ochotsk›: Wer will schon nach Ochotsk? Auf der Landkarte, die in blassen Farben auf den Umschlag des Buches gedruckt ist und die das Gebiet von Wladiwostok bis zur Beringstrasse und vom Ural bis zum Pazifik zeigt, kann man den Ort nicht finden. Immerhin macht aber der Umschlag klar, dass Ochotsk in Sibirien liegt. Und da wollen alle hin. Fast alle. Solange mindestens, als sie nicht müssen.»

Aus «Unterwegs nach Ochotsk» (Engeler, 2014)


«Ochotsk»: der nach fremder Ferne klingende Name ist eine Chiffre für die Sehnsucht nach dem Nirgendwo – und der gleichnamige Roman eine Ode an die Fiktion als Fluchthelferin aus der Trägheit des Alltags. Um auf die magische Kraft der Literatur zu stossen, hat Eleonore Frey indes keine weiten Wege gehen müssen: Als Tochter des Zürcher Germanisten Emil Staiger ist die Autorin 1939 in eine Buchfamilie hineingeboren worden. In Zürich und an der Pariser Sorbonne studierte sie Germanistik und Romanistik und begann in den 1980er Jahren, inzwischen als Literaturprofessorin an der Universität Zürich tätig, eigene Erzählungen zu veröffentlichen. Die feinen, persönlichen Texte der auch als Übersetzerin arbeitenden Zürcherin entwickelten sich über die Jahre zu einer ganz eigenen Stimme im helvetischen Literaturkanon, so dass der diesjährige Literaturpreis ein langsam gewachsenes Werk würdigt und alles andere als «Aus der Luft gegriffen» (Droschl, 2011) ist.

 

 

Hanna Johansen, photographiert von Sébastien Agnetti / OFC.

Hanna Johansen

«Einen Satz Postkarten hat er mir gekauft mit dramatischen Schwarzweisszeichnungen über die schwere Arbeit des Walfangs, erst die ferne Fontäne, dann die Riesenhaftigkeit des Wals, der Kampf der Harpuniere in ihren winzigen Booten und die Schwere der See. Ölzeug und Südwester. Das Aufbäumen und die langsam fortschreitende Verwundung des Tiers, die Harpunen, die in ihm stecken blieben, bis die Männer in den Booten es zum Mutterschiff mit seinen Masten ziehen und an seiner Seite festmachen konnten. Sehr klein kletterten die Männer dann in dem Kadaver herum, um ihn auszuweiden.»

Aus «Der Herbst, in dem ich Klavier spielen lernte» (Dörlemann, 2014)


Hanna Johansen, geborene Meyer, geschiedene Muschg, wurde 1939 in Bremen geboren, einem Vater, der schon bald in den Krieg zu ziehen hatte, um bei seiner Rückkehr die entfremdete Frau und die Scheidungspapiere vorzufinden, und einer Mutter, die zur selben Zeit die Schneidermeisterprüfung ablegte, wie sie sich in den Dreher der umfunktionierten Kriegsmaterialfabrik verliebte, die Tochter aber immer selbst auf dem Fahrrad zum Bunker fuhr, Geborgenheit unter dem hell erleuchteten Sternenhimmel stiftend. Im gegenwärtigen Kilchberg, wo sich Hanna Johansen vor 40 Jahren niedergelassen hat – nicht um Wurzeln zu schlagen, aber doch um zu bleiben –, versucht sie sich neuerdings am Klavier wie damals beim Hausbezug am Gärtnern.

 

 

Guy Krneta, photographiert von Sébastien Agnetti / OFC.

Guy Krneta

«Ds Vrschwinde macht d Sache wärtvou. Vrwandlet sen ine Lücke, wo geng grösser wird. Ine Schmärz, wo nümm wott höre. Vrschtändlech, dass mir unger denen Umschtäng vrsuecht sy, ds Vrschwinde z vrhindere. O we mr wüsse, dass mr letschtlech chancelos sy. U letschtlech de Sache nume würde d Chance nä z fähle.»

Aus «Unger üs. Familienalbum» (Der gesunde Menschenversand, 2014)


Guy Krneta, geboren 1964 in Bern, hat eine Vorliebe für die Mundart und begeistert als Spoken-Word-Künstler auf der Bühne – mal allein, mal im Kollektiv «Bern ist überall», mal mit Musikern wie Greif oder Apfelböck. Auch grössere Bühnen haben es ihm angetan: er arbeitete als Dramaturg an der Landesbühne Esslingen und am Staatstheater Braunschweig, in der Schweiz als Co-Leiter des Theaters Tuchlaube in Aarau und als Dramaturg beim Freien Theater Marie ebendort. Er initiierte ausserdem das Schweizerische Literaturinstitut in Biel sowie das linke Künstlernetzwerk «Kunst+Politik». Krneta lebt heute mit seiner Familie in Basel, immer auf der Suche nach liebenswürdig-kauzigen Figuren für seine Texte und Performances. 

 

 

Frédérix Pajak, photographiert von Sébastien Agnetti / OFC.

Frédéric Pajak

«J’ai grandi dans les Trente Glorieuses. J’en étais l’enfant, et non l’acteur. J’ai vécu dans le confort, dans la mollesse, dans une large ignorance de l’âpreté de la vie. Tout fut plutôt paisible, même si j’ai connu le malheur, et des événements déchirants. J’en ai été angoissé. J’en ai été triste. J’ai traversé des crises de désespoir. Et puis j’ai connu la pauvreté. Je n’ai pas pu régler mon loyer. J’ai eu faim. J’ai mendié pour manger. J’ai connu l’injustice, la brutalité. Je ne m’en plains pas.»

Aus «Manifeste incertain 3. La mort de Walter Benjamin. Ezra Pound mis en cage» (Noir sur Blanc, 2014)


Kein einziger Tag vergehe, an dem er nicht acht bis zehn Stunden arbeite, sagte uns der französisch-schweizerische Autor Frédéric Pajak 2013 in einem Interview. Was aus diesem pausenlosen Einsatz entsteht, ist ein Werk, das sich jeder Schublade entzieht: Es ist eine ureigene Mischung aus Zeichnung und Prosatext, eine Allianz aus Bild und Wort, mit der der Sohn eines Malers seit 1999 («L’immense solitude») ein vielfältiges Lesepublikum für sich einnimmt. In der Folge verschmolz der in Paris und Lausanne lebende Vielfachkünstler nicht nur unterschiedliche Ausdrucksformen, sondern auch verschiedene Zeitebenen und begann mit dem auf neun Bänden angelegten «Manifeste incertain» ein Universum zu schaffen, in dem Vergangenheit und Gegenwart ineinander übergehen und die Weltgeschichte und die Biographien von Walter Benjamin und Ezra Pound ebenso erzählt werden wie die Kindheit des behüteten Buben, der der Autor einst war.

 

 

Claudia Quadri, photographiert von Sébastien Agnetti / OFC. 

Claudia Quadri 

«Perché si usa il verbo cadere, quando si parla di sentimenti?»

Aus «Suona, Nora Blume» (Casagrande, 2013)


Claudia Quadri, geboren 1965, lebt mit ihrer Familie in Lugano. Neben ihrer Familienarbeit hat sie lange für das Tessiner Radio gearbeitet, ist bis heute für das Schweizer Fernsehen im Tessin tätig. Im Jahr 2000 veröffentlichte sie – direkt beim renommierten Tessiner Verlag Casagrande in Bellinzona – ihr Romandebüt «Lupe», 2003 legte sie mit «Lacrima» ihren gefeierten Zweitling vor. Ihre Prosa zeichnet sich durch die gefühlvolle Nachzeichnung von Familiengeschichten und Schicksalen kleiner Leute aus – die Sprache ist mitunter filmisch, dann wieder poetisch. Wann immer in ihren Romanen und Kurzgeschichten das Kleine im Grossen verlorenzugehen droht, findet sich das Grosse rasch…