Schweizer Monat
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Von Michael Wiederstein
Liebe Leserinnen und Leser
Als in den Mittagsstunden des 13.11. bekannt wurde, wer den «Schweizer Buchpreis» erhält, ging verhaltener Jubel durch den Schweizer Literaturbetrieb. Während die einen die Würdigung Christian Krachts für längst überfällig hielten und andere die Vergabe in den sozialen Medien immerhin mit einem wortlosen «Like» kommentierten, wurden auch rasch Stimmen laut, die darauf hinwiesen, dass Kracht sich nach der... » Mehr
«Trunken» – zum Verhältnis von Literatur und Alkohol
Von Stefanie Sourlier
«Aber ich bin von der Anlage her sensibel und nervös in sehr ungewöhnlichem Masse. Ich wurde wahnsinnig, mit Zwischenphasen grausamer Klarheit. In Anfällen absoluter Bewusstlosigkeit trank ich Gott weiss wie oft oder wie viel. Natürlich machten meine Feinde das Trinken für den Wahnsinn verantwortlich, nicht den Wahnsinn fürs Trinken.» – Edgar Allan Poe
Ich sitze im Zug und schaue durch das Fenster auf die von Bahnmasten rhythmisch zerhackte...
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Von Urs Mannhart
Zwei sympathische Buchhandlungen hatten mich nach Deutschland eingeladen, und also eilte ich mittags zum nächsten Bahnhof, um pünktlich zu meiner Lesung im ruhrpottschen Essen einzutreffen.
Der dortige Abend wird mir auch deswegen erinnerlich bleiben, weil es einen Zuhörer gab, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die schönsten Sätze gleich mitzuschreiben. Nach der Lesung kam er zu mir, seine Ernte zu teilen. «Eine lange sich hinziehende Eile ereignete sich...
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Von Redaktion
Schweizer Wirtschaftsflüchtlinge sollen die ersten gewesen sein, die unter «Heimweh» litten – Reisläufer, Söldner, die im 17. Jahrhundert ihren Lebensunterhalt in Kriegen verdienten. «In der Brust schlägst du, Heimat, mir stets / Lässt sie pochen vor Freude und Lust», schreibt einer der vielen Tessiner Auswanderer nach Kalifornien 1881 an seine Familie in Broglio.
Und heute? Wächst noch Herzschmerz aus der Distanz zur Schweiz? Kann man... » Mehr
Von Pablo Haller
neinheimweh hatte ich niewenn ich weg warpersonen fehlten mirzuweilen die sprachein der ich zuhause binda gehe ich mit goytisolo– ein autor ist nicht in einem landeinem kulturkreis heimischsondern in seiner spracheneinheimweh hatte ich nie
 
ich bereiste die rändermich interessierten die abgründedie kriege, die vorüber warendie narben, die bliebendie neue kolonialisierung, die begannich hörte die abgründeaus dem mund alter männerjunger frauenmich... » Mehr
Von Daniel Goetsch

Daniel Goetsch, photographiert von Annette Hauschild / Ostkreuz.

Während des Studiums gewöhnte ich mir an, die freien Nachmittage im Kunsthauscafé zu verbummeln. Ich las mich durch einen Stapel Zeitungen. Das hielt ich damals für lebenswichtig. Der gläserne Anbau mit den Topfpflanzen, den Tischtüchern und den einsam vor ihrem Gedeck kauernden Weisshaarigen erscheint mir im Nachhinein wie aus der Zeit gefallen. Vielleicht war es dieser Gegensatz, der mich reizte: das rasende Zeitgeschehen in Druckbuchstaben vor einer...
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Budapest, Luzern, Rom – drei Orte, dreimal ein Zuhause.
Was bleibt, wenn man sich verpflanzt?
Ein Gespräch über ein Gefühl.
Von Serena Jung, Christina Viragh

Christina Viragh mit Marie, photographiert von Serena Jung.

Frau Viragh, Sie sind 1960 mit Ihren Eltern in die Schweiz gekommen. War das eine bewusste Entscheidung?
Ja, mein Vater war ein grosser Fan der Schweiz und irgendwie auf sie geprägt, schon von Jugend auf. Noch vor dem Krieg hat er hier Ferien gemacht. Und er hatte einen guten Freund in Luzern, der uns auch geholfen hat, aus Ungarn herauszukommen. Es war eine bewusste Wahl, ja, jedenfalls vonseiten meiner Eltern.
Was haben Sie über die Schweiz gehört, bevor Sie hingezogen...
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Christian Kracht ist einer, von dem man nie weiss, wo er ist. Von dem man bloss ahnt, dass er irgendwo sein muss. Sein Verschwinden war lang geplant, wird aber medial noch immer nicht akzeptiert. Ein Treffen mit dem Schweizer Buchpreisträger in Zürich.
Von Christian Kracht, Michael Wiederstein

Christian Kracht, photographiert von Frauke Finsterwalder.

Willkommen in meinem Schrank!», sagt er, als ich an einem Spätsommertag die «Kronenhalle»-Bar betrete, hebt grüssend seine Flasche Rivella, zupft mit der anderen Hand am neuen, wohlgepflegten Rauschebart – darunter, fast versteckt: ein warmes Lächeln.
Eigentlich wollte ich Christian Kracht in Los Angeles besuchen, nicht an dieser Haarnadelkurve mit Aussicht, sondern daheim, er hätte mich sogar reingelassen, sagte er am Telefon, dann aber kam –...
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Schweizer Schriftsteller in Diktaturen
Von Oliver Lubrich

Mosaik der «360-Grad-3-D-Inszenierung» am Eingangstor der Chollima Filmstudios, Pjöngjang, Nordkorea, photographiert von Eric Lafforgue / Invision / laif.

Viele Schweizer haben totalitäre Länder bereist: als Reporter, Diplomaten, Geschäftsleute oder Touristen. Wie nehmen Besucher aus einer Demokratie eine Diktatur wahr? Welche Einblicke haben sie in die fremde Gesellschaftsform? Wie lassen sie sich aber auch täuschen oder sogar faszinieren? Und was erfahren sie dabei über sich selbst? Wir begleiten drei Autoren auf ihren Reisen: nach Nordkorea, in die DDR und nach Nazideutschland. In ihren Berichten verfolgen sie drei...
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Zwischen künstlerischer Freiheit und behördlicher Zensur schrieb und schreibt eine wenig beachtete Sorte Autoren: Schriftstellerdiplomaten.
Von Pauline Milani, Matthieu Gillabert
Diplomatie ist mehr als die Wahrung strategischer und wirtschaftlicher Interessen. Ebenso repräsentiert sie Kultur und Werte eines Landes. Und es gibt einen kulturell relevanten, wenn auch nicht offiziell berücksichtigten Aspekt der internationalen Beziehungen: Diplomaten, die auch als Schriftsteller in Erscheinung treten. Diese zwei Funktionen sind zwar voneinander getrennt, doch sobald die kulturelle Aussenwirkung eines Landes institutionalisiert wird, öffnen sich den... » Mehr
Von Stefanie Sourlier
Thomas Bernhards «Wittgensteins Neffe» beschreibt der Erzähler die Odyssee einer Suche nach der «Neuen Zürcher Zeitung», die weder in der «weltberühmten Festspielstadt» Salzburg, den ebenso weltberühmten Kurorten Bad Reichenhall und Bad Hall noch in Wels erhältlich ist. Im nicht ganz so weltberühmten Wels gibt es aber zumindest ein Wirtshaus, wo der Erzähler und Wittgensteins Neffe auch landen, um eine Hymne auf die... » Mehr
Tessiner in der Neuen Welt
Von Redaktion
Zwischen 1850 und den 1950er Jahren suchten so viele Tessinerinnen und Tessiner ihr Glück in den USA, dass eigens für sie «Ausreiseführer» geschrieben wurden: mit allen Bahn- und Schiffsverbindungen von Chiasso über Le Havre bis zu Ellis Island vor New York. Einige, die die beschwerliche Reise wagten, kamen reich zurück, viele blieben dort und arm. Die Emigrationsgeschichten der kargen Täler, ja der lange Zeit bitteren Armut des ganzen Südkantons...
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Kurze Sätze über Grate
Von Markus Rottmann
Ich steige tief hinab in die kühle Höhle. Und siehe da, nach Jahrzehnten gibt mein Keller ein verschollen geglaubtes Relikt aus vergangener Zeit frei: meinen Schallplattenspieler.
Kurz darauf das erwartungsvolle Absinken der Nadel. Anhalten des Atems. Dann die ersten Töne. Es ist der Gesang eines Gletschers, sein tiefes Gurgeln, Knirschen, das plätschernde Stakkato seiner Auflösung, unerbittliches Tropfen auf polierte Kälte, gläserne Schönheit zerbirst,... » Mehr
Buch des Monats
Von Michael Wiederstein
Die Wahrscheinlichkeit, vom Blitz getroffen zu werden, ist extrem gering. Die Chance, einen Blitzschlag zu überleben, dagegen hoch: nur jeder Zehnte stirbt daran. Blitzschlag setzt den menschlichen Körper allerdings auch dann nicht selten für Stunden ausser Gefecht, der spinale Schock, der die Funktion des Rückenmarks mindestens kurzfristig unterbindet, zieht dann nicht selten Lähmungen der Arme und Beine nach sich. Die Langzeitfolgen sind zahllos – körperlich... » Mehr
Von Lesern für Leser
Von Redaktion
Nicht noch ein E-Mail-Roman…

Rudolf Bussmann: Das andere Du. Hitzkirch: edition bücherlese, 2016. Besprochen von Alicia Romero, Germanistin, Zürich.

Liebe Leute, was tun gegen Trostlosigkeit?» – Mit dieser Frage beginnt Rudolf Bussmanns Roman. Alexis, ein Student aus Kopenhagen, stellt sie auf einer Social-Media-Plattform. Unter den Antworten – «Vitamine einnehmen», «Alte Menschen besuchen», «Kalt duschen» –... » Mehr
Micieli reist
Von Francesco Micieli
Der IC hält nie in Olten. Nur diesmal bleibt er stehen. Nichts geht mehr. Ich sitze im SBB-Restaurant, als ein lautes Klopfen unter mir ertönt. Die Frau gegenüber sagt, schon gestern habe es hier geklopft. Sie trägt enge Trainingshosen und eine sehr farbenfrohe Sportjacke. Wir schauen uns beruhigt an. Ich lese weiter, «Inselreise» von Corinna Lanfranchi in der Collection Montagnola. «Inseln bieten keine Fluchtmöglichkeit, schon gar nicht ohne Boot.... » Mehr
Meinrad Inglins «Schweizerspiegel» von 1938 ist eine grosse Erzählung über das Zerfallen der alten Ordnung, den Untergang der gewohnten Welt – tröstlich und beunruhigend zugleich, vor allem aber: brandaktuell.
Von Christof Moser
«Riechst du, wie es brenzelt? Es ist eure Welt, die zu brennen anfängt.»
Meinrad Inglin: Schweizerspiegel
 
Vielleicht erinnern Sie sich noch: Bei meiner letzten Buchbesprechung – «Simeliberg» von Michael Fehr – sass ich im Flieger nach Tel Aviv, mit dem Ziel, mich zu befremden. Jetzt hat mich das Befremden eingeholt, ist zu mir aufgerückt, deshalb flüchte ich davor.
Orbàn, Trump, vielleicht bald Hofer in Österreich, Le... » Mehr
Von Nadeshda Müller

Welten

Wenn die Welt kommtin unsere Welt kommtwelcomein unserer Weltkommt ins Weltreichreich kommtin unsere Weltkommt zur Weltreich zur Welt kommtwenn die Welt reichtin unser Weltreich
 
Teilzeitgehirne gehen Gassi
auf der Wiese nix zu fressenund wessen Hundkackt heute in meinen Garten?Kuhhaut über den Dächernfällt in den Regenund die wunderbare Scheinweltsich dagegen aufblähtIm Kopf platzt der Kragenaus allen Nähtenund unsichtbare kleine... » Mehr
Von Andrea Bianchetti
Hier kommt man glücklich zur Welt, lebt man glücklich / besagen gleichsam der Fernblick, der fruchtbare / Boden, das ferne Meer, blumengeschmückt, wie es ist / mit Schiffen und Fischerbooten. / Und doch keimte an diesem herrlichen Ort / inmitten von so viel Lust / (…) / ein vergiftetes Kraut auf, das verachtet wucherte / wie Brennnesseln in der Grube.» Massimo Gezzi (geboren 1976) unterrichtet am Gymnasium in Lugano und veröffentlichte vor einem knappen Jahr sein... » Mehr
Von Ruth Gantert
Bonjour, vous êtes Entre les lignes jusqu’à midi…» Für literaturinteressierte Hörerinnen und Hörer war dieser Satz der Auftakt zu einer fast täglichen, vertieften Sendung über eine frankophone Neuerscheinung. Die Sendung wurde aus dem Programm der RTS gestrichen, ebenso wie «Zone critique», in der eine fröhliche Kritikerrunde einmal pro Monat über neue Bücher debattierte. Ein herber Verlust! Die literaturkundigen... » Mehr
Schlussfrage XII
Von Redaktion
Wer einen wirklich langweiligen Roman schreiben möchte, der greife sich ein Thema1 und behandle es. Es bietet sich an, die unterschiedlichen Figuren für einen jeweils unterschiedlichen Aspekt des Themas2 stehen zu lassen. Im besten, also langweiligsten Fall bleibt man beim Thema3 und arbeitet es umfassend ab.
Wer einen wirklich erfolgreichen Roman schreiben möchte, der greife sich ein Thema4 und behandle es. Vorgehensweise wie oben. Die... » Mehr
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