Schweizer Monat
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Von Michael Wiederstein
Liebe Leserinnen und Leser
Seinen Namen hörte ich erstmals in der S-Bahn. Ein Bekannter wies mich auf sein Werk hin: das sei ein Ausnahmeschriftsteller gewesen, Emigrant aus Deutschland, Säufer, Skandale, profilierter Literaturbetriebskritiker, grosse Verlage, aber heute vergessen. Ich stockte. Wie konnte das sein? Wie konnte es sein, dass ich von diesem Autor nie gehört oFder gelesen hatte, trotz Literaturstudiums, trotz Feuilletonlektüre, trotz ständigen Austauschs... » Mehr
Von Stef Stauffer
Da trifft man sich wieder. Und was kommt als Erstes? Ich hab es noch nicht – gelesen, mein ich, gelesen. Gekauft natürlich schon. Nicht dass du denkst. Aber du verstehst. Es gibt so viel anderes. Und momentan ist da einfach ein Berg, so manches zu tun. Bis zur Erschöpfung. Wer könnte da noch lesen, abends im Bett. Darum, auf dem Nachttisch, du weisst.
Und nun kommt die typische Geste – die Hand bewegt sich bis auf Nasenhöhe, bis zur Stirn. Bei solchen, die gern... » Mehr
Grundlagen der Kanonbildung.
Von Matthias Beilein
Wie wird man ein unvergesslicher, ein kanonischer Autor? Angesichts des medialen Aufsehens, das jedes Jahr die Verleihung des Literaturnobelpreises auf sich zieht, könnte man verleitet sein zu glauben, dass die Ausgezeichneten zu den kanonischen Autorinnen und Autoren zumindest ihres Landes zählen. Doch es gibt genügend Beispiele, die zeigen, dass dies nicht der Fall ist. Wer kennt heute etwa noch Paul Heyse, den ersten deutschen belletristischen Nobelpreisträger (vgl.... » Mehr
Wer Gedichte schreibt, marginalisiert sich? Ach was! Über Vorurteile, verblassende Zeilen und das, was wirklich zählt: Leidenschaft.
Von Claire Plassard

Claire Plassard, zvg.

Als ich an einem bitterkalten Wintertag mit Fieber im Bett lag, schickte mir eine lange nicht mehr gesehene Bekannte eine Whatsapp-Nachricht: «Magst du dich noch erinnern an dieses wunderschöne Gedicht von Friederike Mayröcker, von dem du mir vor Jahren eine Abschrift gemacht hast? Es hat mit einem Flüsschen unter der Erde zu tun und deine Abschrift ist jetzt leider total verblichen. Dabei würde ich es so gerne wieder lesen! Kannst du es mir noch einmal schicken?»...
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Runzlige Musen
Von Frédéric Zwicker
Mitte April war ich am Internationalen Buchfestival Budapest. An einer Diskussion mit anderen europäischen Debütautoren fragte die Moderatorin, warum sich viele von uns mit alten Protagonisten befassen. Die Holländerin Roos van Rijswijk, Jahrgang 1985, antwortete: «Unsere Grosseltern sind die letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs. Es droht das Vergessen des grössten und folgenreichsten Schreckens europäischer Geschichte.» Ich pflichtete ihr bei und... » Mehr
Vom Hörensagen
Von Catherine Lovey
Bringt es das wirklich? Irgendwelche «unglücklichen» Schriftstellerinnen aufzuspüren, deren Existenz und Werk vergessen sind? Nein! Meiner Meinung nach genügt es, die «etablierten Marken» (Hugo, Tolstoi, Mann, Woolf, James, Moravia, Camus usw.) einem Test zu unterziehen. Dafür braucht es keine Laborgeräte, sondern nur einige Fragen. Wir stellen sie den Menschen um uns herum, nahen, fernen und völlig unbekannten. Wir beharren nur auf einem... » Mehr
Wer als Schriftstellerin oder Schriftsteller erinnert werden will, ist auf eine intakte intellektuelle Trägerschicht angewiesen. Dass diese in der Schweiz seit Jahren kleiner wird, hat nicht nur Einfluss auf den literarischen Kanon, sondern auch auf die Identität des ganzen Landes.
Von Peter von Matt, Gregor Szyndler, Alicia Romero

Peter von Matt, photographiert von Jos Schmid.

Herr von Matt – was ist Ihre erste literarische Erinnerung?
Mein erstes gelesenes Buch hiess «Peterli, die Geschichte eines Wellensittichs». Das zweite: «Der dicke Peter» (lacht). Ich weiss auch nicht, warum meine Eltern, die sonst ganz vernünftige Leute waren, dachten, es fasziniere mich, wenn eine literarische Figur Peter heisst.
Würden Sie sich lieber an mehr Literatur erinnern oder mehr Literatur vergessen?
Ich möchte mir «Die Brüder...
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Rainer Brambach war einer der bekanntesten Dichter der Schweiz – heute kennt ihn kaum noch jemand. Eine Spurensuche zum 100. Geburtstag.
Von Felix Philipp Ingold

Rainer Brambach in seiner Dachkammer in der St. Alban-Vorstadt, Basel, 28.6.1978, photographiert von Kurt Wyss.

Ein Jahrhundert ist vergangen seit der Geburt von Rainer Brambach. Der Basler Schriftsteller, einstmals Frontmann der Schweizer Lyrik, ist zum Geheimtipp regrediert, doch auch die wenigen, die ihn noch lesen, würden wohl sagen, er habe mehr Zukunft als Vergangenheit. Man hat seinen 100. Geburtstag abgewartet, um ihn endlich, Rückschau haltend, mit einer Monographie zu Leben und Werk zu ehren. Ob er damit erneut ins Bewusstsein gebracht und seinem Rang entsprechend aufgestellt werden...
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Sprache und Macht
Von Eva Maria Leuenberger
Theresa Hak Kyung Cha war alles Mögliche: eine koreanische Immigrantin in Amerika, eine Frau in der Avantgarde, Performance- und Videokünstlerin, Autorin. Sie hat ein einziges Buch geschrieben: «Dictee» (1982). Ein verwirrendes, grosses, schönes, trauriges und befreiendes Buch, irgendwo zwischen Lyrik, Memoire, Oral History und Sprachexperiment. Geteilt in neun Kapitel, die nach den neun Musen benannt sind, tastet sich das Buch durch Gebiete der Erinnerung und der... » Mehr
Von Alain Claude Sulzer
Manchmal kamen für ein, zwei Stunden fremde Männer in die Schule. Es hiess, sie seien Schriftsteller und stammten aus der Region, einer nannte sich Earnie Hearting. Er hatte neben einer Vielzahl weiterer Indianerbücher eine Biografie Geronimos verfasst, die ich gern gelesen hatte, obwohl mich Indianerbücher sonst nicht interessierten. Ein anderer war Adolf Heizmann, der den Roman «Kopf hoch, Gunnar» geschrieben und den Anerkennungspreis des Schweizerischen... » Mehr
Warum der Kanon auch nur eine Sammlung von Stereotypen ist. Eine Provokation.
Von Christoph Grube
Paul Heyse (1830–1914) ist heute kaum mehr als ein Strassenname in Berlin und München. Zu seiner Zeit jedoch war er einer der berühmtesten Schriftsteller. 1910 erhielt er als zweiter Deutscher (nach Theodor Mommsen) den Literaturnobelpreis. Kaiser Wilhelm II. wollte ihn per Dekret fest im Schulkanon verankern. Theodor Fontane war überzeugt, dass man eines Tages eine ganze Epoche nach ihm benennen würde – so wie man heute noch von der «Goethe-Zeit»... » Mehr
Von Gallus Frei-Tomic
Als ich noch studierte und mir das Geld für neue Bücher fehlte, erklärte ich Antiquariate zu meinen Jagdgründen. Damals das Antiquariat Ribaux an der Bahnhofstrasse in St. Gallen. Und weil auch dort die schiere Menge mich zu erdrücken drohte, kaufte und las ich ausschliesslich Schweizer Literatur: Edwin Arnet, Kurt Guggenheim, Ruth Blum, Felix Moeschlin oder Elisabeth Gerster.
Namen, die noch immer meine Regale zieren, die etliche...
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Bücher enden
Von Gregor Szyndler
Alle angefragten Archive und Antiquare haben angesichts der lebenslang liebevoll zusammengetragenen Sammlung abgesagt. Zu spezialisiert. Zu unbibliophil. Zu Mulde. Also werfen wir Buch um Buch um Buch in die Mulde. Die Zähne der Pressvorrichtung schnappen nach den Hundertschaften der Bücher. Warum fällt der Abschied von ihnen auch jetzt noch so schwer, wo die Beerdigung, der Abschied von ihrem Besitzer, bereits Wochen her ist? Warum fällt es fast noch leichter, mit dem Ende... » Mehr
Eine Erinnerung an Guido Bachmann in zwei Akten.
Von Martin R. Dean

Guido Bachmann am 21. August 1978 mit seinem eben erschienenen Werk «Die Parabel», und darunter: «Gilgamesch». Photographiert von Kurt Wyss.

1.
«Ich bin kein Schweizer. […] Ich kann mich mit diesem Land nicht identifizieren.» – Mit diesen Worten beginnen die unter dem Titel «lebenslänglich» erschienenen Jugenderinnerungen von Guido Bachmann. Es ist eine Abrechnung mit seinem Vater wie mit der Schweiz. Verglichen mit Hermann Burgers Heimateuphorie, gemessen auch an Peter Bichsel oder Adolf Muschgs «kritischem Patriotismus», waren Bachmanns Sätze eine radikale Absage ans...
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Ist der Kanon nun tot oder riecht er bloss? Gero Gantenbein ermittelt.
Von Jan Decker
Sein Name ist Gantenbein, Gero Gantenbein. Schriftsteller und Privatermittler. Er hat eine anerkannte Schreibausbildung durchlaufen (Deutsches Literaturinstitut Leipzig) und einen ehrenwerten Karriereweg eingeschlagen: Statt sich durchs enge Nadelöhr des Belletristikgeschäfts zu quetschen, hat er seine Nische im Rundfunkgeschäft gefunden. Natürlich stellt auch er sich bisweilen bei Literaturzeitschriften unter. Und so versteht er es gut, dass die Zeitschrift... » Mehr
Kraut & rüber
Von Urs Mannhart

photographiert von Beat Schweizer.

Kaum sind die letzten, von einer Bö verwehten Tropfen in mein Gesicht geprasselt, legen bereits die weit ausgreifenden Äste eines uralten Nussbaumes ihre schnurschlanken Schatten über mich; die Sonne bricht hervor. Unvermittelt schwebt leuchtend ein strotzend blaues Himmelsfenster über dem Weissenstein, schwergraue Wolkenschiffe verreisen ins Luzerner Hinterland, und ich biege von der schmalen Strasse hinter dem Hof auf einen Feldweg ab, der genau jetzt seinen grossen...
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Sport schreiben & Wort treiben
Von Laura Wohnlich

Bild: zvg.

«Im Profitennis geht es also um Bewegungsabläufe, die so schnell sind, dass dem Spieler bewusste Entscheidungen nicht mehr möglich sind. Wir befinden uns hier im Bereich von Reflexen, von unbewusst ablaufenden physischen Reaktionen.» – «Poesie in Bewegung», David Foster Wallace
Ich habe mir nie viele Gedanken darüber gemacht, wie andere Autoren es halten mit der Fitness oder welche Gründe sie haben, lieber zu schreiben, als Sport zu...
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Buch des Monats
Von Serena Jung

Die drei haben als Kinder den Abzug der Japaner erlebt. Während des Trennungsprozesses der beiden Koreas – von den verwalteten Landesteilen über separate Regierungen bis zu den heftigen territorialen Invasionen im Krieg – sind sie erwachsen geworden. Yunho und Johnny im Süden, Eve, wahrscheinlich, im Norden, entgegen ihren eigenen Behauptungen.

Sie treffen 1959 aufeinander, rauchen amerikanische Markenzigaretten – so sie denn verfügbar sind – und... » Mehr
Von Lesern für Leser
Von Redaktion
«Nina ist eine schöne Leiche»

Tom Kummer: Nina & Tom. Berlin: Aufbau, 2017. besprochen von Christoph Steier, Literaturwissenschafter, Zürich.
Tom Kummers Roman «Nina & Tom» ist ein Medienereignis. Angesichts des zweifelhaften Ruhms des Berner «Bad Boys» und des aktuellen Interesses an autofiktionaler Trauerarbeit im Stile Schlingensiefs, Herrndorfs oder Stuckrad-Barres ist das kein Wunder. Doch droht der Hype um die Medienfigur Kummer und... » Mehr
Von Redaktion
Richard Russo: Diese gottverdammten Träume. Übersetzt von Monika Köpfer. Köln: Dumont, 2016. Der Lack war nie wirklich dran, ist aber nun definitiv ab: Das Städtchen Empire Falls im US-amerikanischen Maine hat schon bessere Zeiten gesehen, wenn auch nicht viel bessere. Miles Ruby führt hier (mehr oder weniger unfreiwillig) seinen Empire Grill, den fossil anmutenden Nukleus des örtlichen Arbeiter- und Soziallebens, sofern man aufgrund der Wirtschaftslage von... » Mehr
Kurze Sätze über Grate
Von Markus Rottmann
Ein Stein ist ein Stein. Oder doch ein Matterhorn? Eine Eigernordwand? Ein Schicksal? Eine Erfüllung? Ein Killer? Die Berge gibt es schon etwas länger. Doch seit es den Menschen gibt, erfindet er sie. Gibt ihnen Namen, Bedeutung, macht sie zum Symbol für eigene Belange. Er erfindet, was er vorfindet. Das ist so seine Eigenart. Er steht vor dem Grand Canyon, aber im Grunde sieht er seine Verlorenheit. Die Gebirge sind steinerne Leere, bis jemand kommt und eine innere Landschaft in... » Mehr
Von Andrea Bianchetti
In einem kurzen, aber dichten Vorwort zu Alberto Nessis neuem Gedichtband «Un sabato senza dolore» (Interlinea, 2016) schreibt Fabio Pusterla: «2016 ist für Alberto Nessi und seine Leser ein glückliches Jahr. Nachdem Nessi vor wenigen Monaten mit dem höchsten Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet worden ist, dem Grand Prix Literatur, findet er nun mit einer neuen Gedichtsammlung – der sechsten seiner breitgefächerten Laufbahn – endlich auch den... » Mehr
Von Ruth Gantert
Als einer, der «nichts mit seinen Händen anzufangen weiss», dafür umso mehr mit seinen Füssen, präsentiert sich der Genfer Claude Tabarini, der in «Rue des gares et autres lieux rêvés» (Héros-Limite) seine Heimatstadt und ihr Umland durchstreift. Der Band brachte dem Dichter und Jazzmusiker zwei der wichtigsten Preise der Romandie ein: den Prix Michel-Dentan und den Prix Pittard de l’Andelyn. Achtzig poetische... » Mehr
Kind schaukeln. Schreiben.
Von Laura Vogt

Bild: zvg.

Das sagt sie, ohne das kleinste Zucken im Gesicht, kein Wimpernschlag, nicht einmal der Wind bewegt ihr Haar, nur dieser Satz zwischen meiner Tante, zwei grossen Stück Kuchen, die der Kellner eben serviert hat, und mir.
«Wie meinst du das?»
«Hauptsache, du kommst zum Zug. Das war schon als Kind deine Devise.»
Die Kuchengabel gleitet von oben durch das weiche Gebäck, die Buttercrème ist schon angeschmolzen, viel zu süss in meinem Mund. Ja, ich...
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Schlussfrage XIV
Von Redaktion
Wer, und sei es nur gelegentlich, in der Öffentlichkeit steht, kennt sie: diese eine Frage. Nicht diese, aber die eine, die immer gestellt wird. Nur ihr, nur ihm.
Während andere erzählen sollen, wie es ist als Kind eines Rockstars («Einmal hat er mir die Verlobte ausgespannt») oder wie als Frau in einer Männerdomäne («Schlechter bezahlt!») oder warum er das Pilotendasein aufgegeben habe, um Haikus zu schreiben («Atme Kerosin / Bis du... » Mehr
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