Schweizer Monat
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Von Michael Wiederstein
Was beim Bücherkauf nachhelfen soll, hat mich meist abgeschreckt, mindestens stutzig gemacht. Die Rede ist von jenem kurzen Satz, der Ihnen auf Buchdeckeln sicher auch schon begegnet ist: «Nach einer wahren Begebenheit». Hier, ruft der Klappentext, haben wir es mit dem echten Leben zu tun! Hier steckt – wenn schon nicht das Gute oder Schöne – zumindest das Wahre! Hier jauchzen Kritik, Marketing und Urheber im Chor: «Das Leben schreibt die schönsten... » Mehr
Eine Einleitung
Von Adam Schwarz
Wenn ich als Kind mit meinem Solothurner Grossvater unterwegs war, forderte er mich bei jedem Wegkreuz auf, mich zu bekreuzigen. Mein Innerschweizer Grossvater sass zwar lieber in der Werkstatt als auf der Kirchbank. Doch als meine Zürcher Grossmutter ihn in den Fünfzigern heiratete, musste sie als Reformierte trotzdem einen Kurs über interkonfessionelle Ehen besuchen. Beide Grossväter sprachen oft von einem anderen Innerschweizer: Bruder Klaus. Bruder Klaus, der seine... » Mehr
Wie sich Geschichte und Literatur gegenseitig befruchten und ins Gehege kommen.
Von Sabine Haupt, Tobias Lambrecht

Bocca della Verità. Bild: fotolia

Der altbekannte Kinderreim von der «Kuh, die sass im Schwalbennest» behält auf jeden Fall recht mit seiner paradoxen Schlussfolgerung: «Und wenn das nicht die Wahrheit ist, so ist es doch gelogen.» Denn die Phantasie hat immer ihre Finger im Spiel. Nicht nur, wenn Kühe in Schwalbennestern hocken und Esel übers Haus fliegen. Es gibt keine Rede, keinen noch so sachlichen Bericht, in dem nicht das eine oder andere Detail perspektiviert, rekonstruiert oder...
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Seit vielen Jahrzehnten beschäftigt sich Adolf Muschg mit Goethe – literarisch und akademisch. Trotzdem ist er froh, noch immer nicht mit ihm fertig geworden zu sein. Ein Austausch.
Von Adolf Muschg, Gregor Szyndler
Lieber Herr Muschg, wo verorten Sie Ihr Werk zwischen Geschichte und Geschichten, Fakten und Fiktionen?Gibt es kulturelle Fakten per se? Geschichte ist nicht prinzipiell faktischer als ein literarischer Text: sie ist immer ein bestimmtes Bild der Tatsachen, das von mehr oder weniger gelehrten Erzählern – Historikern – geschaffen und von einer gesellschaftlichen Übereinkunft mehr oder weniger angenommen, approbiert wird. Eine neue Perspektive, ein verändertes... » Mehr
Treffen sich zwei Tessiner und ein Zürcher im Grotto – was bisher geschah.
Von Yari Bernasconi
Das Gebiet (Gesamtansicht)
«Also, bellissimo ist es da. So schön.Das ist die Sonnenstube. Il paradiso.»
«Sie übertreiben. Gott bewahre, schön ist es schon,aber nichts weiter als ein winziges Fleckchen zwischenEbene und Gebirge. Ein typischer Transitort:zu nördlich für den Süden, zu südlich für den Norden.Ein paar hundert Kilometer, der Ceneri in der Mitte.Denk an den Verkehr, das passendste Symbolfür so ein Durchgangsland,... » Mehr
Trotz vieler verschlossener Archive hat die Schriftstellerin Anna Kim neue Dokumente zum Koreakrieg erschlossen. Wie schreibt es sich über die Geschichte zweier Länder bei ungesicherter Faktenlage? Und wie für ein Publikum, das kaum etwas über diese Weltregion weiss?

Ein Gespräch über Quellenlagen, Erzählperspektiven und: Gut und Böse.
Von Serena Jung, Anna Kim

Anna Kim, photographiert von Daniel Hofer / laif.

Frau Kim, in der deutsch- und englischsprachigen Gegenwartsliteratur – sagen wir: seit etwa 20 Jahren – gibt es erstaunlich viele «Enkelromane», in denen sich Autorinnen und Autoren aufmachen, herauszufinden, ob und was ihre Grosseltern im Zweiten Weltkrieg verbrochen oder erlitten haben. Beobachten Sie in der koreanischen Literatur etwas Ähnliches im Hinblick auf den Koreakrieg?Schon die Romane der 1950er und ’60er Jahre haben sich sehr stark mit dem...
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Von Benjamin von Wyl
Viele Arbeitsschritte im Alltag von Journalisten haben etwas Erbsenzählerisches: transkribieren, alle Fakten doublechecken, zig Durchgänge machen durch den Text, die nur darauf abzielen, ihn ohne Substanzverlust um 500 Zeichen zu kürzen. Wieso tut man sich das an? Der Antrieb ist nicht der Text, sondern das Geschehene. Etwas Reales. Mit Sprache kann man Reales nur vermitteln. Die Wiedergabe ist unmöglich. Das journalistische Schreiben versucht asymptotisch der Realität... » Mehr
Von Christoph Steier
Mit den Mythen ist es so eine Sache. Sie zu entzaubern macht Spass, aber nicht unbedingt klug. Sitzt der emsige Aufklärer doch selbst dem Mythos auf, ein reines Gemüt hätte einst an diese oder jene Sage aus tiefster Seele geglaubt. Wer das meint, hat nichts begriffen. So segeln die Pfeile, die der emsige Entzauberer in Richtung mythischer Luftschiffe feuert, vom Blauen ins Ungefähre. Was ihre Small-Talk-Qualitäten indes nicht mindert. Und auch gerade zu Tell... » Mehr
Von einem Glarner Dorf namens Engi in die Weite Chiles. Eine kriminalistische Spurensuche über Kontinente und Zeiten hinweg.
Von Daniel de Roulet

Daniel de Roulet, photographiert von Héloïse Jouanard / Libella.

Am Freitag, dem 4. Januar 2013, an einem schönen chilenischen Sommerabend, begrüssen Werner Luchsinger, 75, und seine Frau wie gewohnt die letzten rosigen Sonnenstrahlen auf dem ewigen Schnee des mächtigen Vulkans, weit über ihrem Landgut. Zufrieden blicken sie auf das umfangreiche Gehöft: Weizenfelder, so weit das Auge reicht, riesige Weiden, Speicher, Tannen-, Eukalyptuswälder und Pappelreihen. Orion und das Kreuz des Südens leuchten auf und die Luchsingers...
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Der Biograph überblendet Geschichte und Geschichten sowie eine Vielzahl weiterer Diskurse, um vergangene Zeiten erlebbar zu machen. Aber: wie genau macht er das eigentlich? Begegnung mit einem Kafka-Biographen.
Von Gregor Szyndler, Reiner Stach

Reiner Stach, photographiert von Jürgen Bauer / © juergen-bauer.com

Herr Stach, Sie haben sich achtzehn Jahre der Lebensgeschichte Kafkas verschrieben, kennen wie kein zweiter die Fakten und Fiktionen rund um Kafka, die Geschichte Kafkas, auch die Geschichte seiner Rezeption. Welches landläufige Kafka-«Faktum» würden Sie am liebsten per Dekret aus der Welt schaffen?Vor allem die Ansicht, dass Kafka vom Ersten Weltkrieg nicht berührt wurde – nur, weil er kein Soldat war. Ich bin viel an Gymnasien unterwegs, da hört man das...
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Kraut & rüber
Von Urs Mannhart

photographiert von Beat Schweizer

Überlingen, gelegen am nördlichen Ufer des Bodensees, ist eine schmucke Kleinstadt, aber ihr Bahnhof ist ein Abgrund. Mitten in der Stadt kippt unerwartet der Boden weg, und in fünf, sechs Metern Tiefe, eingeklemmt zwischen Mauern, verkehren die Züge. Also immer nur einer, denn es gibt nur ein Gleis. Über ihm steht ein schmaler Streifen Himmel; für den Dieselruss, den die Lok ausstösst.
Irritiert durch diesen im Bodensee versenkten Unort spaziere ich zum...
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Sport schreiben & Wort treiben
Von Laura Wohnlich

zvg.

«Wenn ein Schriftsteller fett wird, dann ist das das Ende.» – «Von Beruf Schriftsteller», Haruki Murakami
Es gibt Phasen im Leben eines Sportlers, in denen er keinen Sport machen kann. Ich befinde mich in so einer Phase. Ich habe kein Geld fürs Fitnesscenter und eine Fussverletzung, die das Joggen verunmöglicht. Jetzt könnte man denken, dass ich so eine Phase nutzen kann, um mehr zu schreiben. Das denken viele, sogar ich. Ich denke: ich kann nicht...
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Buch des Monats
Von Michael Wiederstein
Es ist immer wieder erstaunlich, wie in Interviews aus ganz hervorragenden Schriftstellerinnen und Schriftstellern naive Einfaltspinsel werden. Jüngstes Beispiel: Virginie Despentes. Die ehemalige Pornofilmkritikerin, Plattenverkäuferin, Regisseurin und mehrfach und zu Recht ausgezeichnete Schriftstellerin, seit 2016 Mitglied der Académie Goncourt, durfte anlässlich der Frankfurter Buchmesse den dortigen Auftritt Emmanuel Macrons im «Spiegel» kommentieren und... » Mehr
Von Lesern für Leser
Von Redaktion
Letzter Seppruf

Markus Bundi: Planglück. Tübingen: Klöpfer & Meyer, 2017.besprochen von Clemens Umbricht, Lyriker und Verlagsleiter, Teufen.
Was tun, wenn die Welt aus den Fugen gerät? Auch unter Hausgeistern ist die Frage unentschieden. Sepp, einer dieser guten Geister, welche den Menschen seit der letzten Eiszeit mit Rat und Tat beistehen, ist am Ende, «total ausgeseppt». Kriege und Elend, Globalisierung und Digitalisierung haben ihm und seinen Kollegen... » Mehr
Kurze Sätze über Grate
Von Markus Rottmann
Wer denkt, in den Alpen sei früher nicht so ein Zirkus gewesen, dem komme man mit der Antike, mit Elefanten, Menschenopfern und Weinanbau. Ein Rummel war da oben, da kracht einem das beschauliche Älpleridyll ins Käsekessi! Das ging schon in der Bronzezeit los, als nicht etwa Abgeschiedenheit und Ruhe in den Bergen herrschten, sondern oligarchisch organisierte Stämme, die Kupfer und Erz schürften, ein Handelsnetz aufbauten und die Alpen zum Bergbauzentrum Europas machten.... » Mehr
Von Daria Wild
Du sitzt mit der Decke bis zur Hüfte gezogen auf dem Bett, ich an deiner Seite, meine Geschwister am Fussende. Nur Silhouetten in meinem Augenwinkel. Mein Stiefvater hält deine Hand, ihr sprecht leise. Auf dem Nachttisch neben deinem Bett ein Glas Wasser und das braune Plastikfläschchen. Fünfzehn Gramm Pentobarbital-Natrium, Bewusstlosigkeit nach dreissig Minuten, Lähmung des vegetativen Systems nach ein bis zwei Stunden. Ich bin erschöpft.
Vier Tage ist es her. Du... » Mehr
Von Andrea Bianchetti
«‹Il fondo del sacco› erzählt die Geschichte des jungen, im frühen 20. Jahrhundert geborenen Tessiners Gori Valdi und seines Lebens zwischen Cavergno, einem 400-Seelen-Dorf im Maggiatal, und Amerika, wohin ihn wie so viele andere Landsleute der Traum von einer besseren Zukunft führt.» So beginnt das Vorwort von Matteo Ferrari und Mattia Pini zur jüngst erschienenen Neuausgabe dieses Klassikers der Tessiner Literatur: «Il fondo del... » Mehr
Von Ruth Gantert
Getrennt von meinen letzten Worten bleibt ein Nichts, gleitet meine Hand über ihre Wurzel auf Erden, adieu.» So beschloss Philippe Rahmy sein erstes Buch, «Mouvement par la fin» (Cheyne, 2005). «Ein Porträt des Schmerzes» und «Gesang des Abscheus» nannte der an der Glasknochenkrankheit leidende Autor zwei seiner poetischen Bände. Trotz körperlicher Fragilität unternahm der kleine Mann mit Brille, Hut und sonorer Stimme weite... » Mehr
Kind schaukeln. Schreiben.
Von Laura Vogt

zvg.

Das hörte ich ganz nebenbei vor etwa drei Jahren. Damals studierte ich noch Literarisches Schreiben in Biel, der junge Typ, den ich noch nie am Institut gesehen hatte, schob sich das dunkle Haar hinter die Ohren und fuhr fort, einem meiner Kommilitonen zu erörtern: «Du weisst schon, wie ich das meine. Sie hat seither halt einfach nicht geschrieben. Zumindest nicht publiziert.» Die beiden balancierten ihre Kaffeetassen die Treppe hoch und ich hätte dem Bürschchen...
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«Herr Mezger, recherchieren Sie eigentlich oder erfinden Sie bloss?»
Von Daniel Mezger
Liest wohl noch irgendwer Johannes Mario Simmel? Man könne sich das Kursbuch sparen, wenn man genügend Simmel-Romane zu Hause habe, hatte es einst geheissen. Jede Zugverbindung akkurat recherchiert. Heute spart man sich die Kursbücher und den Simmel und heute ist Recherche keine Respekt abverlangende Leistung mehr, Recherche ist das, was der Daumen so tut, wenn der Restmensch auf dem Klo oder in der Bahn sitzt. Für einen Autor ist Recherchieren die willkommenste Form der... » Mehr
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