Schweizer Monat
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Von Michael Wiederstein
Liebe Leserinnen 
und Leser
Sie sind die kleinen Helferlein des Literaturredaktors ebenso wie der Schriftstellerin: Zettel. Man sammelt sie in Zettelkästen, zettelt Literaturstreite damit an, verzettelt sich aber auch gern. Die einen notieren darauf, stecken sie ein, finden sie bestenfalls zur rechten Zeit wieder, die anderen spannen sie, wie die neue Franz-Tumler-Literaturpreisträgerin Julia Weber auf unserem Titelbild, in ihre Schreibmaschine (hier). Manche beheften sie dann... » Mehr
Von Ariane von Graffenried
Alles hat gut angefangen, das Sprachgarn aufgespannt in Reih und Glied. Dann ein gut gewobener erster Satz. Einer, der sitzt, ein Beau in messerscharfen Bügelfalten. Alle, die ihm folgen sollen, stechen gemeinsam in See: Sie wollen vom grossen Ozean der Verzettelung erzählen. Der Beau strahlt. Der Grössenwahn hält alle Fäden in der Hand.
Kann ja nichts mehr schiefgehen. An diesem Punkt walzert in schwarzem Kleid der Stalker Zweifel übers Parkett. Mit starkem... » Mehr
Verzettelt sind sie alle – ob Petrarca oder Sargnagel. 
Ein Disput über Bilder von der Schriftstellerei, 
geführt mit Max Frisch aus der Tube.
Von Gregor Szyndler

In Reih und Glied: Stifte von Ludwig Hohl (SLA, Bern).
 © Schweizerische Nationalbibliothek (NB), Simon Schmid.

In der Mitte meines Lebens wollte ich mir die Zähne putzen. Dass «Max Fresh» auf der Tube stand, schien mir am Anfang nicht viel zu bedeuten. Da stand ja auch «with cooling crystals» und «cool mint» drauf. Ich drückte drauf. Nichts. Ich wendete Gewalt an, galt es doch, saure Regenbogenstreifen, Kaffee- und Rotweinrückstände wegzuputzen. Gerade als ich dachte, jetzt platze sie gleich, zwängte sich ächzend ein Wanderer mit...
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Oder: Wie mir einer meiner Berufe passierte.
Von Julia Weber

Julia Weber, zvg.

Von der Möglichkeit des Schreibens dachte ich immer schon: das ist die Kunst, die ich liebe und machen will. Ich will Kunst machen, weil sie sinnlos ist, weil sie ein Gegenentwurf zu den funktionalen und logischen gesellschaftlichen Strukturen ist, weil sie frei ist. Ich liebe den leisen Wahnsinn, habe ich gedacht, und dass das Schreiben aus 26 Buchstaben besteht. Das ist nicht viel, da sind klare Grenzen, das beruhigte mich. Da ist keine Möglichkeit von Material, es hat nichts mit...
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Nebenjob #1
Von Rolf Hermann
Und dann kam der Nebel. Plötzlich. Er war über den Grat gekrochen und senkte sich über mich und meinen Hund, der mir ein paar Schritte voraus war. Das Tier verschwand im kühlen Gewölk. Mir stockte kurz der Atem. Ich ging weiter, mit nach vorne gebeugtem Oberkörper, den Pfad und seine Unebenheiten streng im Blick. Jetzt bloss nicht stolpern. Von meinen täglichen Rundgängen wusste ich, dass die Flanke zu meiner Linken jäh – über eine felsige... » Mehr
Eine Kurzgeschichte.
Von Matteo Terzaghi
Herr Marziani arbeitet an einem Buch. Er spürt schon dessen Form, ahnt die Inhalte und Bezüge und erkennt den Sinn, auch wenn er manchmal den Eindruck hat, das bereits Geschriebene sei nicht mehr als ein Sammelsurium abgedroschener oder unverständlicher Sätze.
Vor Herr Marzianis Haus hat man innerhalb weniger Monate zwei siebenstöckige Wohnblöcke hochgezogen. Herr Marziani steht mit einer Tasse in der Hand am Fenster, beobachtet den Kran und das Treiben der... » Mehr
Nebenjob #2
Von Annette Hug
In was für eine Szene war ich da hineingeraten? War das noch Job oder schon Theater? Der Schauplatz: das Sitzungszimmer eines Altersheims, irgendwo im Mittelland. Die Figuren: ein Präsident, ein Geschäftsführer und eine Hilfspflegerin.
Mit ihr hatte ich telefoniert, sie hatte mir einige Dokumente geschickt. Die beiden Männer wollten zuerst nicht, dass ich dabei war, liessen mir dann aber oft das Wort. Es blieb ihnen nämlich die Luft weg, wenn die Pflegerin etwas... » Mehr
Nebenjob #3
Von Azouz Begag
Meine Eltern immigrierten 1949 von Algerien nach Frankreich – sie waren Analphabeten und sehr arm. 1957, mitten im Krieg zwischen Frankreich und Algerien (1954 bis 1962), kam ich in Lyon auf die Welt. Da sind doch schon einige biographische Elemente, die einem jungen Menschen, der Schriftsteller werden will, Stoff bieten!
In jedem meiner 50 Bücher findet man Verweise auf meine Autobiographie, meine Eltern, meine Familie, meine Suche nach Identität, meine Herkunft, meine Kultur,... » Mehr
Auch «Fitzel» können unter die Haut gehen. Eine Collage.
Von Nora Gomringer
Der Zettel ist die wohl kleinste Blatt-Sinn-Einheit für einen Schreibenden. Vielleicht noch der «Fitzel», das «Fitzelchen», das sich dann proverbial auch auf den Verstand legt. Bist du «verzettelt», so hast du dich verfahren, wie man sich etwa im Rahmen eines Ver-fahrens oder im Rahmen eines «Anzettelns» von allerlei Dubiosem vertun, verbummeln, verschleudern, verstreuen kann. Verzettelt hast du dich, wenn alles fragmentiert, nicht im Ganzen...
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Von der Studierstube auf den Rummelplatz: Selbst renommierte Verlagshäuser 
versenken Literatur immer häufiger zwischen Banalitäten und Hochglanzfotos. Kritik der zeitgenössischen Verlagsvorschau.
Von Gert Ueding

Mann mit Buch und Schirm, im Toten Meer treibend. 
Photo Department der «American Colony» in Jerusalem, 
heute ein Hotel, um 1900 / Library of Congress.

Wer sich über den Zustand der deutschen und internationalen Literaturkritik informieren möchte, sollte nicht in Feuilletonseiten, sondern in Verlagskatalogen blättern: in ihnen begegnet man der Quintessenz an kritischem Geist und Formulierungskunst, die man heute darin erwarten kann. «Dieses Buch nimmt es mit dem ganzen Leben auf.» Oder: «Eine tief bewegende Parabel.» Oder: «Ein Roman wie ein wunderbarer, schwindelerregender Spiralnebel.» Oder:...
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Nebenjob #4
Von Lukas Holliger
Wann wird ein Schreibender zum «Schriftsteller»? Seit ich schreibe, wage ich nicht, mir diesen Hut aufzusetzen. Was fehlt mir zum Schriftsteller? Per definitionem bin ichʼs. Aber es gibt auch «gefühlte Definitionen». Ausserdem. Wenn ich mich Schriftsteller nenne, welches Wort bliebe mir dann für Robert Musil? Schreibende, die ich gedankenlos Schriftsteller nenne, sind ausnahmslos gute Schriftsteller. Schriftsteller, die ich bewundere, studiere und wieder und... » Mehr
Werbetexter, Programmierer, Hausmann und Bordeaux-Kenner. Was einer alles tut, um das eine tun zu können.
Von Claude Cueni, Gregor Szyndler
Wenn eine Hexe Sie zu einer Entscheidung zwingen würde: wären Sie lieber faul oder phantasielos?«Phantasielos» ist kaum möglich, da ich seit frühester Kindheit Geschichten tagträume. «Faul», vielleicht, aber eher nicht, der Drang zum Schreiben ist stärker als mein innerer Schweinehund.
Zeitungsverträger, Französisch-Nachhilfelehrer, Privatsekretär eines Roulettespielers, Werbetexter und Angestellter in einem Waffen- und... » Mehr
Kraut & rüber
Von Urs Mannhart

photographiert
 von Beat Schweizer.

Wer in der Provinz wohnt, wo die Sonne noch hinter dem Waldrand untergeht, ehe sich der Mond über die Flachdächer der Toyota-Garagen erhebt, die neuerdings auch Motorsägen und selbstfahrende Rasenmäher verkaufen, wer also in der Provinz wohnt und sich den Luxus des autofreien Lebens gönnt, wird manchmal auch gegen seinen Willen auf eine Wanderung gesandt.
Gerade gestern ist mir das passiert, an diesem schwülheissen Tag, einem Sonntag mit Sommersprossen, als ich von...
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Sport schreiben & Wort treiben
Von Laura Wohnlich

Bild: zvg.

In diesem Sommer flatterten nicht nur Pollen, sondern auch Selbstzweifel in mein 
Leben. Im März erschien mein Debütroman, er wurde anständig besprochen, 
sorgte für viel positives Echo bei den Leserinnen und Lesern. Aber die ganzen Fragen, die mit der Publikation einhergehen! Komme ich ob dieser medialen Flut noch zum 
literarischen Schreiben? Bin ich dem Druck gewachsen? Komme ich über die Runden? Aus diesem konstanten inneren Krampf erwuchs ein Ritual, das mir...
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Buch des Monats
Von Michael Wiederstein
«Dann werde ich den ersten Schritt machen, auf die Strasse gehen. Ich werde heraustreten aus der schützenden Nacht und mich hineinstellen in das gleissende Licht des Tages. Mich meinem Lebenslauf ausliefern. Den Geistern Genüge tun. Ihr werdet schon sehen. Aber vorher lasst mich noch einmal in den Sand zeichnen. Eine Spur hinterlassen für alle, die noch erschütterbar sind. Für sie ist das hier geschrieben.» – Wenige Zeilen vor Schluss von «Sieben... » Mehr
Von Lesern für Leser
Von Redaktion
Literarische RaketenglacesRomana Ganzoni: Granada Grischun. Zürich: Edition Blau, 2017.besprochen von Lukas Tonetto, Autor, Aarau.
Was sind das für Texte, die ohne aussertextuelle Bezüge im Vagen bleiben, weil ihnen innerer Halt fehlt? Was machen Texte mit der Leserschaft, bei denen man alles, was sie versprechen, im Subtext suchen muss? Texte wie «Granada Grischun» von Romana Ganzoni – eine Sammlung von Miniaturen oder Splittern, die um eine Kindheit im Engadin... » Mehr
Kurze Sätze über Grate
Von Markus Rottmann
Zuerst einmal musste er sich aus ihr herauskämpfen. Es war kein seliger Zustand, als der Mensch mit der Natur eins war in grünfinsterer Vorzeit, er wurde von ihr gefressen und verschlungen, musste sich seinen Platz schlagen, um aus ihr herauszutreten, sich freiroden und vom umherschleichenden Jäger zum schlauen Bauern werden, dem die Natur in winzig kleinen Königreichen untertan werden sollte. Er zog einen Zaun und grenzte sich ab. Teile und herrsche. Hier die Tiere, dort die... » Mehr
Von Hanna Widmer
Und dann kam einer den Berg heruntergelaufen, der war nicht ganz
Der war bloss Teile seiner selbst, 
als hätte er sich zusammengesammelt auf dem Weg ins Tal
Unten im Tal munkelten die Leute,
da oben schicke jemand die Männer auf den Weg, um sie nicht mehr sehen zu müssen
Und dann schimpften die Leute über halbfertige Gestalten im Wirtshaus, die stets mehr Bier tranken als alle 
anderen
Einmal wollte einer so einem eine Hand anbieten, aber der andere lehnte sie... » Mehr
Von Andrea Bianchetti
«Er war ein normaler Mann, wie die anderen wohl, / und schön, unser Bruno. Der Anfang ist hier / und jetzt: die gewöhnliche Geschichte eines normalen Mannes / in Nachkriegsjahren des Hungers / und des Kummers.»
So lautet der gelungene Anfang des neuen, vom Publikum ungeduldig erwarteten Versromans von Fabiano Alborghetti. Nach dem wunderbar lebhaften «Registro dei fragili» (Casagrande, 2009) und der Suite «Supernova» (L’arcolaio) legt der im... » Mehr
Von Ruth Gantert
Dunkle Wolken hingen über Morges, als am 1. September das Literaturfestival «Le livre sur les quais» begann, und auch die Stimmung zwischen Festivalleitung und Autoren war getrübt: Zum ersten Mal wurde für einen Teil der im Städtchen verstreuten Veranstaltungen Eintritt erhoben, während die Autoren immer noch gratis auftraten. Man müsse doch das Mobiliar bezahlen, war die Begründung – worauf der Autorenverband AdS in einem offenen Brief... » Mehr
Kind schaukeln. Schreiben.
Von Laura Vogt

Bild: zvg.

Fast panisch blickt sie zuerst zu mir, dann wieder zum Kind auf meinen Knien, dann wieder zu mir. Die S-Bahn fährt an, ein Ruck geht durch die Körper 
der Passagiere, mein Sohn lacht auf und legt sich eine Hand auf den Kopf. Kurz schaut die Frau mit dem schulterlangen, grauen Haar vis-à-vis weg, dann wieder 
zu uns; die oberen Strähnen hat sie Rosamunde-Pilcher-mässig zusammengebunden. 
Abgefahren. Die feinen hellen Haare meines Sohnes reichen ihm bis über...
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Schlussfrage XV
Von Daniel Mezger
Ich bin links, seit ich denken kann. Und wenn die 
Rechten denken könnten, sie wären es auch. Denn denken können heisst, nicht bloss an sich 
selbst zu denken.
Als Teenager war mir klar, wie die «politische» Geste geht: dagegen sein. Gegen Regeln, das 
System, gegen die Polizei. Dabei waren es längst neue Zeiten. Wer heute aus dem Staat Gurkensalat machen will, 
sind die Parteien rechts der Mitte, und die politische Geste, die nun fällig ist, ist... » Mehr
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