Schweizer Monat
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Von Michael Wiederstein
Liebe Leserinnen und Leser
 
Vor genau einem Jahr setzten wir uns an dieser Stelle mit dem urbanen Raum, der in der Schweiz sogenannten «Agglo», auseinander. Damals versuchten wir herauszufinden, was einen literarischen Raum auszeichnet, in dieser Ausgabe gehen wir nun einen Schritt weiter: wir reisten nach Olten. In der nun selbsternannten «LiteraTour-Stadt» wurde in diesem Jahr nämlich feierlich der «Schweizer Schriftstellerweg»...
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«Vier Uhr nachmittags, und jemand hat ein Glas Wein vergossen – es kriecht über das Tischtuch und verbreitet sich zu einem Muster von trübsinnigem Rot – es ist Morgen im Land der Bohème.» – Djuna Barnes: Die Bohème, von nahem besichtigt
Von Stefanie Sourlier
Manchmal wenn erfolgreichere Bekannte oder Freunde von früher bei einem meiner jeweiligen Nebenjobs in der Bar oder an der Kinokasse auftauchen, an einem Abend mehr ausgeben, als ich an drei Abenden verdiene, mich über mein Leben ausfragen, bewundernd oder mitleidig, überlege ich, ob und wann bei mir etwas falsch gelaufen ist. Die Leute schwärmen von Berlin, wo sie gerade ein langes Wochenende verbracht haben, von all den Künstlern und Kreativen, la vie de la...
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Von Urs Mannhart
In La Queue-les-Yvelines, vierzig Kilometer westlich von Paris, begleitet ein milder Wind den frühen Abend. Aus einem altersschwachen Regionalzug steigen drei müde Seelen, schlendern an dem verwaisten Bahnhof vorbei zum Parkplatz und setzen sich, kaum ziehen die graffitibemalten Waggons davon, in ihre tadellosen Renaults. Am Saum des Platzes steht eine telefonlose Telefonkabine, die als subtile Bibliothek dient: Offen rund um die Uhr, sind ihre Leihfristen unendlich, die Ausleihen...
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Von Redaktion
«Verkehrsknotenpunkt», raunte man sich in meiner Jugend zu, wenn die Kleinstadt Olten im Gespräch fiel, und: «Da wirst du auf offener Strasse erschossen!» – mehr Street Credibility war damals, in den 1990ern, nirgends. Olten ist ein hartes Pflaster geblieben, vergleichbar mit jurassichen Verhältnissen, immer ein bisschen im Abseits. Aber eben: Olten liegt in der Mitte – zumindest, wenn man den Gleisen folgt. Und anders als in den meisten Fällen,...
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Streifzug durch eine Stadt zwischen Sein, Schein und Schienen.
Von Daniel Kissling
«Olten ist die beste Stadt der Welt», antwortete ich mit voller Überzeugung. Ich war wieder mal weg von hier und wieder mal gefragt worden, woher ich komme. Und wurde auf meine Antwort «Olten» hin wieder mal angeschaut, als habe mein Gegenüber nur Bahnhof verstanden. Dabei hat Olten so viel mehr zu bieten als nur den Bahnhof! Olten hat den «Outsider», den besten Metal-Plattenladen der Schweiz. Und früher den längsten Strassenstrich des... » Mehr
Ein Schriftsteller über seine Stadt, den Neid der Kollegen, abgesagte Schullesungen, Literaturförderung, den Kunstmarkt und darüber, wie man 200 Auftritte im Jahr übersteht. Ach ja, und auch über sein neues Buch.
Von Pedro Lenz, Florian Oegerli, Gregor Szyndler

Pedro Lenz, photographiert von Daniel Rihs.


Pedro, als YB-Fan bist du oft in Bern, aufgewachsen bist du in Langenthal, du arbeitest in Baden, hast ein Büro in der Lorraine, eine Wohnung in Olten, zig Lesungen pro Jahr in der ganzen Schweiz – du bist viel unterwegs, aber wo bist du daheim?

Im Mittelland. In Olten und Langenthal, das ist ja alles eins. Auch in Zürich. Basel. Und natürlich in Bern.
Es heisst, Alex Capus hätte dich vor fünf Jahren mit den guten Zugverbindungen nach Olten gelockt.
Ich habe...
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Die Schriftstellerdichte Oltens war und ist bemerkenswert. Dass die ansässigen Autorinnen und Autoren sich aber auch mit der Stadt auseinandergesetzt haben, ist literaturhistorisch noch bedeutender. Nachrichten aus dem beschädigten Gestern – und von Alex Capus’ Tresen.
Von Mike Wunderlin
Olten ist, wenn es nach Philipp Schumacher, dem Stadtpräsidenten von 1983 bis 1997, geht, «ein ganz der Gegenwart zugewandter Ort». Doch was bedeutet das in einer Zeit, in der die Gegenwart durch finanzielle Engpässe, Verschwinden der Eisenbahnkultur und Migration in die Metropolen bestimmt ist? Umbruch bedeutet Umstrukturierung, und mit ihr geht auch kultureller Wandel einher: Durch das zunehmende Abrücken vom Image als historische «Eisenbahnstadt» stellt...
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Kulinarische Verlegerfreuden am Jurasüdfuss.
Von Thomas Knapp
Der Wurstsalat wurde im Bahnhofbuffet erfunden. Schon im 19. Jahrhundert führte kein Weg an diesem Eisenbahnknotenpunkt vorbei. Zugreisen machen hungrig – und Sitzungen sowieso! In Olten sind sie alle gesessen – Politiker, Verbände, Autoren. So wurde etwa 1863 der Schweizerische Alpenclub, 1882 das Buchzentrum, 1894 die FDP und 1971 die Autorenvereinigung Gruppe Olten hier gegründet. Verköstigt wurden die Sitzungsteilnehmer mit Cervelats. Bis zum Wurstsalat...
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Otto F. Walter wagte in den 1950ern und 1960ern, das System von innen zu zerstören – zumindest jenes des väterlichen Verlags. Er scheiterte. Eine Heldengeschichte.
Von Georg Gerber
Im Schatten der kulturellen und politischen Zentren gab Otto F. Walter in den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren eine Reihe von Büchern heraus, die die Schweiz wieder auf die literarische Landkarte Europas setzte. Ein grosses Verdienst, nachdem man sich in den Jahren zuvor, angetrieben durch die «geistige Landesverteidigung», in eine mehr oder weniger starke kulturelle Isolation begeben und aus dem In- und Ausland nur die sogenannten Klassiker der... » Mehr
Überfälliger Abschied von den Klischees.
Von Lisa Christ

Das war’s. Wir haben es jetzt wirklich alle begriffen: In Olten leben Menschen, die schreiben. Wenn das jemand immer noch nicht weiss, dann liest er keine Zeitung, keine Magazine und bestimmt auch keine Bücher, ist nicht auf Facebook und hält sich beim Radiohören die Ohren zu. Vielleicht interessiert es ihn auch einfach nicht, woher die Menschen kommen, die gute Bücher schreiben, gute Literatur fabrizieren, gute Spoken-Word-Performances auf die Bühne bringen....
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Kurze Sätze über Grate
Von Markus Rottmann
Es war nicht das Alter, es waren die Bewegungen, die ihm von weitem auffielen. Ruhige, präzis gesetzte Schritte, eine Beständigkeit im Gang, die ein Leben in den Bergen verrät, und dennoch glitt die Gestalt einmal aus, löste etwas Geröll. Der Fels muss dort oben brüchig sein, dachte der jüngere Mann. Aber es war nicht der Fels, der unter dem Alten wegbrach. Als er ihn auf einer Felszinne eingeholt hatte, nickten sie sich stumm zu. Keiner tat einen Schritt zur... » Mehr
Buch des Monats
Von Michael Wiederstein
Der gefeierte Schweizer Filmregisseur Emil Nägeli flieht aus seiner «verknöcherten» Heimat nach Deutschland. Christian Krachts neuer Roman folgt seiner Odyssee durch die frühen 1930er Jahre – Zürich–Berlin–Tokio und retour. Immer wieder erinnert Nägeli sich an seine fürchterliche Kindheit im Berner Oberland, begegnet dazwischen Filmgrössen wie Heinz Rühmann (hier: «Schrumpfgermane») und Charlie Chaplin (hier:... » Mehr
Von Lesern für Leser
Von Redaktion

Das Lesen ist gut
Alex Capus: Das Leben ist gut. Roman. München: dtv-Verlag, 2016. besprochen von Michael Harde, Lehrer, Schalkenbach.
«Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt» – dieses Lied singen heute nur noch wenige Literaten. Vergangen sind die Zeiten, in denen windstossvergnügte Taugenichtse auf Tour in Richtung Glück geschickt wurden, denn wo immer dieses auch zu finden sein mag: Ryan Air fliegt dreimal täglich hin,... » Mehr
Vorrede
Von Thomas Bodmer
Am Tag von Gottfried Kellers 102. Geburtstag, dem 19. Juli 1921, gründete der erst 22jährige Martin Bodmer auf Anregung seines Mentors Eduard Korrodi die «Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis» mit dem Ziel, «schweizerische Dichter und Schriftsteller für Schöpfungen zu ehren, die sich durch künstlerische Form und geistigen Inhalt auszeichnen und die Ausdruck eines neuen zielsuchenden Willens sind. Auch Dichter und... » Mehr
Von Matteo Terzaghi
Eine Skizze über Pietro De Marchi? Doch, ich versuche es gern, aber betrachten Sie es als Spiel, meine Zeichnungen geraten «nicht ähnlich», wie meine Tochter urteilt.
Nun, als Erstes ziehe ich eine Linie von Mailand nach -Zürich, folge dabei möglichst der Bahnlinie und sorge dafür, dass sie sicher Lugano, Bellinzona und Altdorf berührt. Mailand und Zürich markiere ich mit zwei grossen schwarzen Punkten und male einen Kreis darum. Von diesen beiden... » Mehr
Von Pietro De Marchi

Pietro De Marchi, photographiert von Sébastien Agnetti.

Ein schönes Gedicht von Jorge Luis Borges, «Un lector», beginnt mit diesen zwei denkwürdigen Versen: «Que otros se jacten de las páginas que han escrito; / a mí me enorgullecen las que he leído.» Sollen die anderen sich rühmen mit dem, was sie geschrieben haben, ich bin stolz auf das, was ich gelesen habe. Jedes Mal, wenn mir diese Verse in den Sinn kommen, denke ich unweigerlich an meinen Vater zurück. Denn auch mein Vater...
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Drei Fragen an Pietro De Marchi, von Vanni Bianconi
Von Pietro De Marchi, Vanni Bianconi
Erstens
Dein Buch beginnt mit einem Gedicht über die Schüler der alten Meister der flämischen Malerei, und danach dient dir selbst, wie einem Schüler, das Gedicht eines alten Meisters – Wystan Auden – als Ausgangspunkt. Beide Gedichte sind Ekphrasen alter Gemälde, dein eigenes steht gleichzeitig auch im Dialog mit jenem Audens beziehungsweise es folgt ihm Schritt für Schritt, ohne Einwände zu haben: Das menschliche Leid ist nach wie vor im... » Mehr
Die Ehrengabe des Gottfried Keller-Preises erhält in diesem Jahr der Roman «Vivre près des tilleuls» von Esther Montandon. So einfach ist es aber nicht. Tatsächlich hat das Buch nämlich achtzehn Autorinnen und Autoren, die sich im Kollektiv AJAR zusammengeschlossen haben. Eine Würdigung.
Von Gregor Szyndler

L'AJAR, photographiert von Astrid di Crollalanza / Flammarion.

Wer oder was verbirgt sich hinter «L’AJAR»? «AJAR» steht für «Association de jeunes auteurs romandes et romands». Es ist also nicht der Name eines Autors, sondern jener von vielen Autorinnen und Autoren: von momentan achtzehn, um genau zu sein. «AJAR» spielt aber auch auf «Emile Ajar» an. Und was wissen wir über Emile Ajar? Vor allem, dass sein Name gar nicht Ajar war. Sondern Romain Gary: und der war Pilot der Freien...
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Von AJAR
Und dann ist da diese logische, unveränderliche, ständig wiederkehrende, nervige und unangenehm menschelnde Frage: «Und du? Was machst du so?»
And you, what do you do?
Was ich mache?
Yes, what do you do?
Äh…
Come on.
What do you do?
Was ich im Leben mache? Das weiss ich nicht so genau. Ich gehe. Das ist immerhin ein Anfang. Jeden Morgen schliesse ich die Tür, wobei ich sie etwas anheben muss, nur dann geht der Riegel leicht ins Schloss. Darauf lasse... » Mehr
Von Andrea Bianchetti
Diesen Sommer stiess ich auf einen kurzen Roman des Tessiner Autors Fabio Andina mit dem Titel «Uscirne fuori» (zu Deutsch etwa «Da wieder rauskommen»), der im umtriebigen Verlag ADV in Lugano erschienen ist. Es geht um einen Mann, der innerhalb weniger Tage von seiner Frau verlassen wird und plötzlich um das Recht kämpfen muss, seinen sieben- oder achtjährigen Sohn sehen zu dürfen.
Das klingt nach einem ziemlich abgedroschenen Setting. Aber Andina,... » Mehr
Von Ruth Gantert
War es in Morges auch noch sommerlich warm, so läutet das grosse Festival «Le livre sur les quais» doch unwiderruflich den Bücherherbst ein. Aus der Menge der Neuerscheinungen ragen drei Werke heraus, die sich einer historischen Figur mit tragischem Schicksal widmen: Ghislaine Dunant stellt in ihrem 600seitigen Wälzer «Charlotte Delbo. La vie retrouvée» (Grasset) die französische Autorin Charlotte Delbo (1913–1985) vor. Die Assistentin des... » Mehr
Schlussfrage XI
Von Redaktion
Meinen ersten langen Text, den ich damals «mein erstes Buch» nannte, wenn er auch eher «mein erstes längeres Word-Dokument, das ich selbst ausgedruckt habe», hätte heissen sollen, habe ich an alle Adressen der DACH-Region geschickt, in denen der Begriff Verlag vorkam. Damals machte man das noch per Post. Ich habe jetzt noch eine pelzige Zunge von all den abgeleckten Briefmarken und -besitze seither einen dicken Ordner mit Standardabsagen.
Jahre später... » Mehr
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