1

Als Mutter sich unter den Zug warf, musste wohl oder übel eine Putzfrau gefunden werden. Vater war der Arbeit wegen vom frühen Morgen an unterwegs, ich hörte ihn lange den Tabak vom Vortag aushusten, ungestüm die Kleider anziehen, rasch Brot und Käse hinunterschlingen. Dann rief er den Namen eines Kindes, den meinen, durch das Treppenhaus, ich solle die Schule ja nicht versäumen. Der Zuruf war trotz des zärtlichen Diminutivs so schroff und unbestreitbar, dass er auf einen Schlag die Rückkehr ins Tagesleben signalisierte. Vater schlug die Türe zu, und bis zum Abend herrschte Stille in der Wohnung.

Wohl oder übel musste eine Putzfrau gefunden werden, um Mutters Gesten auszuführen, allerdings nur diejenigen, die sich auf Fussböden, Fensterscheiben, Stoffe bezogen. Eine Hausangestellte für Vaters Hemden, die jeden Morgen frisch gebügelt sein mussten, für Vaters Socken, die er nicht flicken konnte.

An einem Sommermorgen war sie da, die Nachbarin, immer geschäftig, eine Raucherin, streng, aber nicht ohne Gutmütigkeit. Sie kannte mich seit eh und je, ich hatte auf dem Platz gespielt, alle Kinder hatten sich beim Brunnen mit Dreck bespritzt. Sie brachte ihr dreijähriges Mädchen mit, ich war noch keine zehn Jahre alt.

Es muss Ferienzeit gewesen sein oder das Fest eines Lokalheiligen, der uns einen freien Tag beschert. Ich bin in der oberen Etage mit dem Kind, das überall herumrennt, lacht, das Gesicht verzieht, den neuen Freiraum geniesst. Unten höre ich den Staubsauger gegen die Möbel stossen, das Auswringen des Putzlappens und mit jeder Zigarette das Klicken des Feuerzeugs.

Sogleich habe ich es liebgewonnen, das süsse, kleine, unwiderstehliche Kind. Es vertraut mir, folgt mir von einem Ort zum andern, versucht zu spielen. Ich gebe ihm Bücher, Stofftiere. Es lächelt.

Ich bin von einer Traurigkeit, die lautlos gärt wie ein stehen gebliebener Wein. Und das Lächeln genügt mir nicht, ich muss ein Wesen trösten, ein anderes. Wie von ungefähr fällt mir die List ein, auf einen Schlag ist das einfache und böse Spiel da, ich brauche nicht nachzudenken, es scheint von weit her, aus der Tiefe zu kommen.

Ich locke die Kleine in das Zimmer, und sehr schnell gehe ich wieder hinaus,  die Türe hinter mir schliessend. Sie spürt das plötzliche Eingeschlossensein, die Stille, meine Abwesenheit. Man hört ein leises Wimmern, dann bricht sie in heisse Tränen aus. Man hat sie verlassen, ausgesperrt. Dann zähle ich die Sekunden, denn ihre Tränen setzen mir zu. Fünf Sekunden, manchmal zehn. Dann öffne ich und komme ihr zu Hilfe. Sie liegt in meinen Armen, getröstet.

Besonders liebe ich ihre Tränen und diesen Moment, da sie sich beruhigt, entspannt, in meinen Armen Zufriedenheit findet. Ich brauche das Schauspiel der Tränen, dann die Rückkehr zur Ruhe, aber ich weiss nicht warum. Die Szene muss wiederholt, die Geste des Heilens noch und noch einmal ausgeführt werden. Durch sie das Verlassensein, dann das Beschütztwerden erfahren. Seit dies niemand mehr für mich tun kann, verstehe ich es nur zu gut, die anderen zu trösten.

Die Kleine bekommt von neuem ihr friedliches und rundes Gesicht, sie lächelt wieder. Da sie völlig in der Aufregung des Augenblicks aufgeht, erinnert sie sich nicht an die List des Vortags.

 

2

An grossen Feiertagen machte Mutter bei den Unglücklichen die Runde. Tausend Mal hatte sie gehört: 

Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

An Weihnachten schauten wir bei Pierre vorbei, einem hochbetagten Taubstummen, der in einer Baracke lebte. Eine einzige nackte Glühbirne hing über dem Küchentisch. Mutter hatte einen Salami, bisweilen einen Kuchen in farbiges Papier eingewickelt. Ich musste Pierre frohe Weihnachten wünschen und dabei die Lippen, auf die er angestrengt schaute, deutlich bewegen. Er hatte einen etwas demütigenden Spitznamen, den zu wiederholen mir untersagt wurde. Pierre stiess ein paar Kehllaute aus, und Mutter tat so, als ob sie verstehe. Sie nickte mit dem Kopf. Einen Moment lang verharrten wir unter der Lampe, musterten einander, still lächelnd. Pierre trug einen löchrigen Anzug, einen Wollschal, der aufgrund des Kontakts mit dem Ofen schwarz geworden war. Er hatte die Mütze auf den Tisch gelegt. Früher musste er ein Rotschopf gewesen sein. Hatte immer getrunken. War nie verheiratet. Völlig allein auf der Welt. So wartete er auf den Tod. Wir verliessen Pierre, um den Weihnachtsabend vorzubereiten, die Familie wird zahlreich erscheinen, Mutter hatte schon gekocht, ich werde das Zerreissen jedes einzelnen Geschenkpapiers hören.

 Läuteten die Osterglocken, gingen wir Madame Rose besuchen. Wir machten uns auf den Weg zum alten Quartier, gingen zwischen zwei Häusern durch, überquerten einen verlassenen, von Brennnesseln überwucherten Platz. Mutter musste mich bei der Hand ziehen. Sie ging voraus und stieg eine Holztreppe hoch, die zu einer feuchten, elenden Behausung führte, an den Wänden Salpeterflecken. Madame Rose liess die Türe offen, sie ging nicht mehr aus, nur noch ein wenig an die frische Luft. Wir fanden sie im Halbdunkel, auf einem Stuhl sitzend, ihre gewaltigen Beine, behaart und marmoriert, ragten aus dem malvenfarbenen Jupe hervor. Sogleich war der Geruch da, überall, in den Mauern, den Stoffen, er war die Aura von Madame Rose. Etwas wie eine verwelkte Blume, vermischt mit Schweiss und Pisse. Der Geruch des hohen, hilflosen Alters, des schiffbrüchigen Körpers. Der Geruch räudiger Kater. Wir taten so, als ob nichts wäre. Mutter grüsste, lächelte.  

Auch Madame Rose war unser Nächster, Gott hat Madame Rose nach seinem Ebenbild geschaffen, am Jüngsten Tag werde der Leib von Madame Rose auferstehen.

Ununterbrochen streckte sie eine grosse Zunge heraus, die sie über die Lippen rollte, und dabei konnte man ihren einzigen Zahn sehen, den letzten Überlebenden eines ganzen Lebens. Das obszöne Organ, das rosafarbene, klumpige Fleisch, jagte mir Entsetzen ein. Ich zog Mutter bei der Hand, hätte den Rückzug antreten wollen.

Madame Rose sprach nicht wie die Alten im Quartier. Die Leute sagten, sie sei hoffnungslos verwirrt. Ich fragte mich, ob sie seit eh und je hier war, ob sie eines Tages aufhören würde, voller Angst in diesem Zimmer zu warten. Ob ihr Haus eine der Türen zur Hölle sei. Trotz alledem sprach Mutter mit ihr wie mit jedermann, heute habe sie «ihren kleinen Engel mitgebracht». Madame Rose geiferte ein wenig zu mir hin. Sie schien nicht alles zu verstehen, aber Wohlwollen war ja nicht auf Worte angewiesen. Mutter legte das Paket auf den Tisch. Madame Rose rollte, einer lauen Schnecke gleich, die Zunge zusammen, so als ob sie es sich schmecken liesse. Nochmals zog ich Mutter bei der Hand. Sie war so in ihrem Ritual, dass sie nicht reagierte. Ich begann unruhig zu werden, dachte an das, was kommen würde, was letztes Jahr tatsächlich geschehen war. 

Auch Madame Rose war unser Nächster, Gott hat Madame Rose nach seinem Ebenbild geschaffen, am Jüngsten Tag werde der Leib von Madame Rose auferstehen.

Jetzt stiess mich Mutter in den Rücken, die Finger auf den Schulterblättern, dort, wo ich Flügel hatte. Je mehr ich mich Madame Rose näherte, desto lebhafter und heisser wurde der abscheuliche Geruch. Hier und dort auf ihrer Haut sah ich graue Haarbüschel. Dann musste ich die Augen schliessen und den Mund bis zur Wange vorschieben. Ihr zischender Atem ging schneller. Mutter wusste, dass um nichts auf der Welt ich auch nur ein einziges Wort hervorbringen würde: «Der Kleine wünscht Ihnen, Madame Rose, frohe Ostern.»

 

3

Der Krieg, den kannten wir nicht. Niklaus von der Flüe hat uns beschützt. Man müsse ihn einfach jeden Tag um Schutz bitten, sagte meine Tante. Der Einsiedler hatte auf Geheiss Gottes seine Familie verlassen, sich in eine Schlucht zurückgezogen. Wir aber dachten zuerst an ein Bildchen auf den Lebkuchen. Wir wussten nicht genau, ob er es war, der Heilige mit dem weiten roten Mantel, der Anfang Dezember all denen, die nicht brav gewesen waren, die Ruten brachte. Meistens aber hatte er eine Hutte, gefüllt mit Orangen und Süssigkeiten, denn zu jener Zeit war das Leben wie ein Spiel.

Es genügte, zum Nachbar zu gehen und ihm die Frage nach dem Krieg zu stellen. Wilfried hatte die Aufmärsche in Berlin unter dem Hakenkreuz gesehen. Im Alter von siebzehn Jahren war er mit der Reichsjugend an der russischen Front. Künftig sollten sie gleich nach der Kindheit eingezogen werden. Endlose Tage war er mit der Truppe in den Wäldern marschiert, jede Nacht hatte er gefrorene Füsse, er verstand nicht, worum es ging. Der Krieg glich einem Sturm, Gewehrschüsse aus allen Richtungen, ein unsichtbarer Feind. Das reine Chaos. Nach ein paar Wochen wurde die kleine Truppe von einer Granate getroffen. Der Helm wurde durchschlagen, sein Kopf war offen. Im Lazarett fiel er ins Delirium, er erinnerte sich an nichts. Schwindelanfälle. Und dann wurde der Krieg eines Tages beendet, die Russen haben sie evakuiert. Hitler hatte sich in seinem Bunker eine Kugel in den Kopf gejagt. Die Sieger haben ihnen nichts angetan, das Land kam bloss rechtmässig unter ihre Kontrolle. Wilfried hatte eine Kriegserinnerung heimgebracht, den Granatsplitter im Schädel. Später wollte er nicht im Osten bleiben, die Trostlosigkeit auf den Strassen, das neue Regime, viele Leute reisten weg. Bei uns erinnerte ihn nichts an die Kämpfe.

Der Krieg, den kannten wir nicht. Es genügte allerdings, zum Nachbar zu gehen, ihm die Frage zu stellen. Jetzt wohnte Wilfried in unserer Strasse, arbeitete in der Hauptstadt. Am Samstag und am Sonntag schlief er viel. Beständig plagte ihn eine Migräne. Man hätte gesagt, der ganze Krieg rumore in seinem blonden, bald schon weissen Kopf. Sein einziger Sohn kam selten zu Besuch. Wilfried sprach oft vom Berlin im Bombengewitter, von der russischen Front, vom zersplitterten Helm, er zeigte die Narbe hinten am Schädel. Das Französisch, rauh und abgehackt, zerschellte auf seinen Lippen, man verstand nicht alle seine Sätze. Er kam sicher aus einer andern Welt, man hätte gern Einzelheiten erfahren. Bei diesem Thema tuschelten meine Eltern bei Tisch. Eines Tages hatte er uns ein von Kugeleinschlägen durchlöchertes Bild gezeigt, das er aus Berlin mitgebracht hatte und eine Strasse der Stadt darstellte. Wilfried legte den Finger auf jeden Einschlag, einen nach dem andern, wie ein Schulmeister. Bei der Kapitulation des Reiches hatte er die Leute aus den Unterständen, den Trümmern herauskommen sehen.

Der Krieg, den hatten wir nicht gekannt. Niklaus von der Flüe hatte uns beschützt. Gewiss hatten wir ein paar Filme mit Deutschen gesehen, Offiziere in Lederstiefeln, mit Schäferhunden. Vater hatte es abgelehnt, Deutsch zu lernen, weil er die Nazis verachtete. In diesem Fach hatte er stets die schlechtesten Noten, nichts zu machen, seine Ansicht würde er nicht ändern. Damals sagte man noch les boches, die Schwaben, die Braunhemden. Und jeden Sommer kamen sie zur Ferienzeit in diese Region, ganz friedlich. Wir machten die Mercedes mit den deutschen Nummernschildern ausfindig. Grosse Kinder mit Sommersprossen stiegen aus, bleich wie eine Endivie. Nicht alle waren blond und hatten blaue Augen. Sie sahen beinahe nett aus.

Die grossen Ferien gingen nie zu Ende. Die Zeit auf der Strasse hatte einfach aufgehört zu verstreichen. Mitten in den Hundstagen sagte der Sohn des Nachbars: «Morgen kommt Onk'l Karlheinz.» Ein blauer VW-Bus mit gelben Vorhängen sollte eine Woche lang vor ihrem Haus parken. Onk'l Karlheinz kam aus Ostberlin, um seinen Bruder Wilfried zu besuchen. Da er ein steifes Bein hatte, ging er mit einer Krücke, vielleicht hatte auch er einen Granatsplitter abbekommen, jedenfalls war etwas passiert, aber niemand sprach davon. Nun wäre Karlheinz ohne Kleinbus und Krücke nicht Karlheinz gewesen. Er sprach kein Wort Französisch, machte aber Zeichen mit den Händen und lächelte. Wir mochten ihn sehr, sagten «Bonjour-Onk'l-Karlheinz», als ob es ein einziges Wort wäre. Karlheinz oder «carlingue»[1], diese Lautfolge bezeichnete für mich den Onkel und zugleich den Kleinbus. Dann spielten wir vorne in der Kabine, was ausnahmsweise erlaubt war. Die von der Sonne aufgeheizten Sitze rochen angenehm nach Plastik. Onk'l Karlheinz war die ganze Nacht gefahren. Nach dem Essen blieb er lange mit seinem Bruder zusammen, sie konnten sich stundenlang unterhalten. Tauschten Familienneuigkeiten aus, sprachen über die Unterschiede der beiden Länder, vielleicht auch über den vergangenen Krieg. Onk'l Karlheinz konnte sich, trotz allem, nicht vorstellen, Deutschland zu verlassen, trotz der Bilder grau in grau, trotz des Regens, des Betons und der Fabriken, Bilder, die man im Fernsehen zeigte, die uns zu sagen schienen: dort oben ist es grau und das Leben für immer traurig. Hier scheint die Sonne, auch dies sagte das Fernsehen, und Onk'l Karlheinz war gekommen, dies zu bestätigen.

Der Krieg, den kannten wir nicht. Niklaus von der Flüe hatte uns beschützt. Er blieb weit weg, in den rasch vergessenen Worten, dort, von wo Onk'l Karlheinz im Kleinbus herkam, dort oben, wo wir nie hingefahren sind.

Aus dem Französischen übersetzt von Kurt Meyer.



[1]     Führersitz, Autokabine


Jérôme Meizoz ist Schriftsteller, Literaturkritiker und Professeur associé für Literatursoziologie an der Universität Lausanne. Zuletzt auf Deutsch von ihm erschienen: «Hoch oben im Tal der Wölfe», Biel: Verlag die brotsuppe, 2017. Meizoz, im Wallis aufgewachsen, lebt in Lausanne.

Ausgezeichnetes Werk: «Faire le garçon», Genf, Editions Zoé, 2017


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