Schweizer Monat
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Tanz und Distanz

Buch des Monats
Von Serena Jung

Vom Leben einer Generation in ungekannten Dimensionen – davon handelt Zadie Smiths neuer Roman «Swing Time». Zugegeben, das lässt sich vom Leben jeder Generation seit 1800 behaupten, darum hier die aktuellen Eckdaten: Digitalisierung, Informationsflut und -unsicherheit, Mobilität (räumlich, sozial), Zugehörigkeit (familiär, sozioökonomisch, popkulturell). In diesen Kontext setzt Smith ihre namenlose Erzählerin, 32 Jahre alt, mit der wir ein Stück weit gehen – nach London, New York, in ein westafrikanisches, ebenso namenloses Dorf und zurück. Und wie es sich für einen Generationenroman gehört, begleiten wir die Protagonistin für just den Moment eines grossen Bruchs, eine jener Krisen, die ein Leben nochmals in eine andere Spur lenken, aber nicht ohne zurückzublicken: eine Kindheit in den 1980ern, ein frühes Erwachsensein in den Nullerjahren.

Die Protagonistin ist Tochter einer jamaikanisch-britischen Bürgerrechtsaktivistin und eines britischen, selbstgenügsamen Postmanns, in Blockbauten im Nordwesten Londons aufgewachsen. Mit Hilfe eines Stipendiums hat sie studiert, aber nichts «Rechtes», Medienwissenschaften; also im Pizzaladen angeheuert, geführt von einem Iraner, der sich seinen Mantel «like an Italian baron» über die Schultern hängt, bei einem Musiksender angefangen, dann 10 Jahre für den Popstar Aimee gearbeitet, wie sie in ihrer Übergrösse wohl nur das letzte Jahrtausend hervorbringen konnte. Das alles gilt es neu zu verhandeln, denn die Erzählerin sucht ob der Jetsetterei und des Schattendaseins einen «Tribe» – einen  Stamm im 21. Jahrhundert, Zugehörigkeit – oder hofft zumindest, einen zu finden, als sie in ein westafrikanisches Dorf entsandt wird, um die Mädchenschule unter dem Patronat Aimees mitaufzubauen.

In diese Jetztzeithandlung verwoben sind Rückblicke in ihre Kindheit, die sie mehrheitlich mit Tracey verbracht hat, jenem Mädchen, dem sie 7-jährig vor dem Tanzstudio erstmals begegnet ist. Die beiden erkennen sich auf Anhieb, sind sie doch aus exakt demselben Hautton «geschneidert» – «as if one piece of tan material had been cut to make us both». Tracey wohnt nur einen Block entfernt, wie Schwestern sind sie vermeintlich in dieselbe Schicht hineingeboren, samt ihrer complexion, eben jener Hautfarbe. Vieles aber trennt die beiden – und mit fortschreitender Zeit gar immer mehr: Tracey ist die talentierte Tänzerin, der absente Vater, so erklärt sie, sei mit Michael Jackson als Backgroundtänzer auf Tour, sitzt aber im Gefängnis, während die Mutter zu Hause Fertiggerichte auftischt und Seifenopern schaut. In Teenagertagen bricht die Freundschaft auseinander, die beiden begegnen sich in der Folge nur noch in kurzen Episoden, die ein unversöhnliches Ende heraufbeschwören. Vermutliche Bosheiten auf der einen Seite, der Versuch der Distanzierung – nicht ohne schlechtes Gewissen – auf der anderen Seite.

Smith ist eine formale Autorin, streng im Ein- und Auflösen ihrer erzählerischen Versprechen, streng in der zeitlichen und popkulturellen Verortung ihrer Geschichten, streng im Waltenlassen der unerbittlichen Logik des Lebens, die wiederum durch scheinbare Seitenerzählstränge grausam vorbereitet ist. Was in früheren Romanen auch bemüht formell wirken konnte – «The Autograph Man» war in kabbalistisch und buddhistisch überschriebene Kapitel strukturiert, «NW» versuchte den Plot numerologisch auszuloten –, kommt «Swing Time» in hohem Masse zugute. Ein singuläres Leben ist hier zu lesen zwischen Mikrokosmos North West London, in dem Smith selbst aufgewachsen ist und der den meisten ihrer Romane Schauplatz bietet, und der grellen Welt einer kleinen, globalisierten Oberschicht, die über scheinbar unendliche Möglichkeiten verfügt und selbst rechtliche Grenzen ohne Sanktionen überschreitet. Die Geschichte endet versöhnlich, irgendwie. Das heisst: es geht weiter. Denn die Frau ist zwar gescheitert, aber eben auch gescheit – und schliesslich erst zweiunddreissig. Kein Alter in unseren Zeiten, schon gar nicht für einen Bildungsroman.

 


Serena Jung
ist Redaktorin dieser Zeitschrift




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