Brief aus 
dem Tessin (sedici)

Friedrich Glauser war nicht nur einer der besten Schweizer Autoren des 20. Jahrhunderts, sondern auch einer der abenteuerlustigsten. Er lebte als Fremdenlegionär in der Wüste, war Gärtner, Krankenpfleger, Tellerwäscher in Paris und Gruben­arbeiter in Belgien. Seine Unrast – auch eine innere, Glauser wurde mehrfach in die Psychiatrie eingewiesen – wusste er unvergleichlich in seine Romane und Erzählungen zu übertragen:  «Man kann nur Sachen gut schreiben, die man erlebt hat», formulierte Glauser einst. Im Tessiner Verlag Casagrande ist nun die Übersetzung «Dada, Ascona e altri ricordi» mit sechs autobiografischen Episoden erschienen, aus dem Deutschen übertragen von Gabriella de’Grandi. Die Neugier des Autors, seine Offenheit und der Wille, die Lebensumstände um sich herum zu begreifen – von den Dada-Abenden in Zürich bis in die Tiefen einer Kohlengrube –, machen dieses Buch zu einem kostbaren und stellenweise sehr ergreifenden Zeugnis. Für uns Tessiner besonders interessant sind die Seiten, auf denen Glauser die skurrilen Gestalten im Dunstkreis des Monte Verità beschreibt – stets liebevoll und ironisch (auch selbstironisch, er gehörte ja selbst dazu). Glausers Aufenthalt im Tessin endete übrigens vor Gericht: Er wurde in Bellinzona wegen eines gestohlenen Fahrrads verhaftet und ins Gefängnis gesteckt.

Erwähnenswert ist auch Pierre Leporis Gedichtsammlung «Quasi amore» (Sottoscala). Mit einer Reihe kurzer, glasklarer Texte rund um das Thema Liebe, die auf den ersten Blick etwas Leichtes haben, dann aber auch schattigere Seiten offenbaren, kehrt Lepori nach fünf Jahren zur Lyrik zurück. Er ergründet die Beschaffenheit und Wandlungen einer Liebe, die mal leuchtet, dann wieder durch Abwesenheit zum Ausdruck kommt. Ein interessanter Versuch und eine neue Facette in Leporis dichterischem Schaffen. In die  Kategorie Lyrik fällt auch die unlängst publizierte Anthologie «Sempre altrove» (Marcos y Marcos) mit Texten von Federico Hindermann (1921–2012). Eine gute Gelegenheit, diesen Autor, der zwar zurückgezogen lebte, aber immer eine intensive, gedankenreiche Stimme war, für sich zu entdecken.