Brief aus dem Tessin (diciotto)


Literatur ist nicht dazu da, aus der Ferne bewundert zu werden. Sie muss sich einen Weg ins Herz, in die Seele bahnen, braucht ein Zuhause, in dem sie Wurzeln schlagen kann. Seit dem 30. März verfügt die italienischsprachige Schweiz über ein solches Zuhause: ein Literaturhaus. Es hat seinen Sitz in der stilvollen Villa Saroli in Lugano und wird von Fabiano Alborghetti geleitet. Anders als in der Deutschschweiz und der Romandie gab es auf der Alpensüdseite bisher keine vergleichbare Einrichtung.

Was ist ein Zuhause eigentlich? Jeder versteht darunter etwas anderes: Für den einen schliesst der Begriff die ganze Welt ein, für den anderen bezeichnet er die eigene Wohnung. Ein Zelt in der Wüste kann ein Zuhause sein, aber auch ein einsamer Berg, eine Person, die Zuneigung der Liebsten. In meiner Vorstellung ist das neue Literaturhaus (die schöne Villa möge mir dies verzeihen) eine Art Hütte, in der man, um ein Feuer geschart, gemeinsam seiner Leidenschaft für die Literatur und das Geschichtenerzählen frönt, das die Welt seit Jahrtausenden in Gang hält. Lyrik, Geschichten, ein sorgfältiger, präziser Umgang mit Wörtern: Das sind die Schlüsselelemente der Philosophie des Literaturhauses, das sich die Förderung des Schreibens und Lesens auf die Fahnen geschrieben hat. Die Saison wurde mit dem Mailänder Diogenes-Autor Marco Balzano eröffnet, im Mai entfachten die Preisträger des Terra-Nova-Preises der Schweizerischen Schillerstiftung – der Tessiner Fabio Andina, Romain Buffat, Matthias Amann und Usama Al Shahmani – sowie Claudio Piersanti auf der neuen Bühne ihr «Feuer».

Literatur braucht nicht nur ein schönes Zuhause, sondern auch ein passendes Gewand… Die ehemalige Spinnerei Filanda in Mendrisio, in der seit Herbst 2018 eine Bibliothek und ein Kultur- und Begegnungszentrum untergebracht sind, lud am Welttag des Buches den Buchbinder, Drucker und Verleger Josef Weiss ein. Vor einem bunt durchmischten, vielköpfigen Publikum stellte dieser kostbare kleine Meisterwerke der Buchkunst vor – ein aussergewöhnliches Handwerk, so kraftvoll und kostbar wie die Geschichten, die Weiss darüber zu erzählen wusste.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»