Literarische Kurzkritik #47

Neuerscheinungen aus der Schweiz

Literarische Kurzkritik #47

Katerstimmung mit Koala

Lukas Bärfuss: Koala. Göttingen: Wallstein, 2014.

besprochen von Nicolas Passavant, Germanist, Basel.

Lukas Bärfuss’ Ich-Erzähler reist nach jahrzehntelanger Abwesenheit in sein Heimatstädtchen zurück, um einen Vortrag zu halten und seinen dort noch wohnhaften Bruder zu treffen. Die beiden sprechen wenig miteinander, zu verschieden sind sie: der Erzähler agil, weit gereist und Familienvater, der Bruder hingegen ein phlegmatischer Ex-Junkie, der kaum aus seinem Kaff herausgekommen ist und in aussichtslosen Beziehungen dümpelt. Deprimiert von alledem betrinkt sich der Besucher nach seinem Auftritt und reist am nächsten Tag mit brummendem Schädel ab, ohne sich von seinem Bruder verabschiedet zu haben. Was er nicht ahnt: der Bruder hat längst den Entschluss gefasst, sich umzubringen.

Nach dem Suizid seines Bruders sucht das Ich nach Antworten, findet sie aber weder bei Freunden noch in der Philosophie oder der Psychologie. Bleibt das eigene Metier: das Erzählen – doch der Tod lässt sich nicht erzählen. Oder nicht direkt; aber erzählen kann man immerhin von etwas ganz anderem: von Koalabären. Weil «Koala» der gehasste Pfadfindername des Bruders war. Weil das Tier in seiner Langsamkeit und Scheu später aber doch gut zu ihm zu passen schien.

Erzählt wird fortan also von Aborigine-Mythen um den Koalabären, von der Kolonialisierung Australiens und der wissenschaftlichen Entdeckung des Tiers. Überraschend dabei: diese Recherchen des Ich-Erzählers nehmen fast den ganzen Rest des Romans ein. Doch was zunächst irritiert, liest sich je länger, desto schlüssiger: Vor der Folie des Fortschrittsglaubens der Kolonialpolitik um 1800 wird das behäbig-immobile Tier zum grossen Antihelden der Moderne. Und genauso quer, wie einst die Trägheit des Tiers zum pionierhaften Geist seiner Entdecker stand, stand später das unbedarft-wunderliche Leben des Selbstmörders zu einer auf Flexibilität und Leistung getrimmten Gesellschaft.

Nun ist es nicht das erste Mal, dass die Literatur zur Zeitkritik ein Tier aufbietet: Heinrich Heine exerzierte die Tristesse einer entzauberten Welt am Beispiel des Tanzbären «Atta Troll» durch, und Wilhelm Raabe hatte der beschleunigten Moderne in seinem «Stopfkuchen» ein träges Mammut gegenübergestellt. Doch besticht Bärfuss’ Beschreibung des Koala dadurch, dass er das Tier gerade nicht auf einen sympathischen Nenner bringt: Das plüschige australische Nationalmaskottchen stellt sich als zutiefst asoziales, hässliches und selbstgenügsames, aber auch beschränktes Tierchen heraus, das seine eigenen Jungen nicht von denen anderer unterscheiden kann und sich bei Gefahr in einen Ast verkrallt, von dem man es bloss herunterzuschütteln braucht.

Der Koala wird so zum Gegenbild der gesellschaftlichen Rasanz, ohne dass eine valable Alternative aufgezeigt würde. Doch indem Bärfuss diese düsteren Betrachtungen einem Trauernden zuschreibt, wirft der ins Depressive driftende Text auch wieder Fragen auf: Wie weit ist seine Kulturkritik Ausdruck des Haderns mit einem erlittenen Verlust? Oder mit der Welt, denn: betrauert der Erzähler nicht vielmehr sein eigenes Dasein als das Wegsein des Bruders? – Fragen, die dem Leser eine Distanz zum Pessimismus der Figur erlauben und ihn zugleich in die Denkbewegung dieses brillant geschriebenen Buchs hineinziehen.

 

Welcome to the Jungle

Matthias Nawrat: Unternehmer. Reinbek: Rowohlt, 2014.

besprochen von Michael Harde, Lehrer, Schalkenbach.

Die Rheinebene ist nuklear verseucht – es bleibt unklar, ob durch den Absturz einer russischen Sojus-16-Rakete oder durch einen Störfall im französischen AKW Fessenheim, aber schon in Nawrats Erstling «Wir zwei allein» wurde die Katastrophe kurz vor Schluss angetönt. Auf den Schwarzwald-Höhen geht das Leben derweil in geordneten Bahnen weiter: Krankenhäuser, Supermärkte, Schulen und Banken funktionieren, «bloss» die staatliche Obrigkeit ist zusammengebrochen, alle sozialen Netze sind zerrissen. Ein Traum für «wahre» Unternehmer mit Mut und Tatendrang! Denn wer weder Tod noch Teufel, weder Cäsium noch Polonium fürchtet, kann im Tal auf eigene Faust reich werden. In einem grandios eingespielten, wilden Medley aus Blue Grass und Dorf-Punk auf der einen, Dystopie und Räuberpistole auf der anderen Seite entwickelt sich die spannende, brutale, tieftraurige, herzenswarme, kalt lächelnde, lakonisch und bildreich erzählte Geschichte Linas, die am Ende des Buches ihren 14. Geburtstag feiern darf. Seit Jahren war sie nicht mehr in der Schule, weil sie als Assistentin ihres Vaters im hart umkämpften Schrottgewerbe tätig ist, in der verstrahlten Ebene Alteisen und seltene Metalle aus den Ruinen klaubt. Wie in Seethalers «Die Biene und der Kurt», Herrndorfs «Tschick» und Cantienis «Grünschnabel» tut Kindermund kund, was kein Erwachsener jemals so sagen würde: Nawrat lässt seine Lina in herrlich verdrehten Sätzen ihre neunmalklugen Unternehmereinsichten ausplappern, hält aber den roten Faden immer straff gespannt, es gibt nur das Hier und Jetzt, das Unsterblichkeitsgefühl, den absoluten Selbstbezug der gut erzogenen, aber bildungsfernen und erstmals über beide Ohren verliebten Göre.

Welcome to the Jungle – GunsʼnʼRoses haben es gesungen, Matthias Nawrat hat es nun geschrieben: In seinem Roman «Unternehmer» rockt er den südlichen Schwarzwald und zerlegt die Phantasien vom vermeintlich reinigenden, weil bodenständigen, verschwitzten Unternehmertum nach Wild-West-Manier. Unter dem Titel «Mutter Courage und ihre Kinder» war ein ähnlicher Song vor Jahren in den Charts, aber Nawrats Schwarzwaldmädel hat eine aktuellere, giftigere Melodie: Denn wird der Kapitalismus auf den Prüfstand gestellt – und das wurde er in der vergangenen Krise oft und gerne –, lautet eine wohlfeile Forderung zur künftigen Krisenprävention, dass Firmeninhaber, auch die grosser Banken, mit Leib und Leben für ihr Geschäft einstehen, sprich: haften sollten. «Skin in the game» nannte es Nassim Nicholas Taleb im «Schweizer Monat» und erinnert so an das gleichbedeutende, fast in Vergessenheit geratene «die Haut zu Markte tragen». Das klingt nicht nach Vorstandsetage, Laptop auf, Laptop zu und Evian-Wässerchen für alle am Konferenztisch. Das klingt nach schmaler Lippe, schmutzigen Fingernägeln und Hornhaut an den Ellbogen! Und genau dieser harte, treibende Blues einer brutalen Lebenswirklichkeit in der postapokalyptischen Kleinunternehmergesellschaft – «skin in the game» – wird in Nawrats Roman hautnah fühlbar. Etwa wenn Linas kleiner Bruder seine Gliedmassen bei der Arbeit einbüsst oder der Vater von einem Hirntumor niedergestreckt wird. Was Lina noch nicht weiss, aber niederschmetternd erleben muss: Für jede Art der glorifizierten Gier gibt es ein passendes Krankheitsbild – Verstümmelung, Erschöpfung, Krebs. Sie erleidet und erduldet alles, und Nawrat singt ihren Song. Welcome to the Jungle!

 

Schattologie

Reto Hänny: Blooms Schatten. Berlin: Matthes & Seitz, 2014.

besprochen von Serena Jung, Germanistin, Zürich.

Es gäbe kein «textgetreues» Nacherzählen, meinte Urs Widmer im Vorwort zu «Shakespeares Königsdramen», die er in einem schmalen Bändchen nacherzählt und in Umgangssprache übersetzt hat. Jonathan Safran Foer, der 2010 einen Grossteil der Worte aus Bruno Schulzens «Zimtläden» schnitt und somit eine neue Geschichte (ent)stehen liess, spricht von seiner Arbeit als Neuaufführung mit anderer Instrumentierung und vom Leser überhaupt als Co-Autor, der durch seine Lektüre das jeweilige Buch mitschreibt. Und Reto Hänny nun hat in «Blooms Schatten» James Joyces «Ulysses» nacherzählt. Methodisch nicht weit von Foers Intention gestartet, hat er erst einzelne Passagen unverändert übernehmen wollen, «illusorisch» aber nennt er dieses Vorhaben dann im Nachwort. Ob er mit der Undurchführbarkeit die technische Herausforderung meinte oder den Anspruch, trotz «der Devise, Literatur entstehe aus Literatur», die Wortfolgen auf eigene Weise zu gestalten, lässt Hänny offen. Die vorliegende Version begleitet also Leopold Bloom durch diesen einen Tag im Dublin des frühen 20. Jahrhunderts, aber eben nur streckenweise, grosse Stücke der Joyceschen Geschichte auslassend. Graphisch äussert sich das übrigens in vielen halbleeren oder mit nur wenigen Worten beschriebenen Seiten. Versetzt ist der Text – ein einziger Satz eigentlich nur – mit weiterer Lektüre Hännys, von der «Odyssee», dem ja «Ulysses» selbst nachempfunden ist, über Shakespeare bis zur «täglichen Lektüre», sprich Tageszeitungen, die nahtlos in das Joycesche Skelett eingraviert sind.

Dem Titel entsprechend haften wir Leser denn an Blooms Füssen wie sein Schatten, folgen Joyces Protagonist an die Orte, an denen er eigentlich schon gewesen ist, werden von Metzgerei über Post, Strand und Taverne wieder ins heimische Bett geschleppt. Je nach Sonnenstand – Hännys Erinnerung – sind die uns hingeworfenen Konturen verschwommen – und die Erzählung lückenhaft – oder schlagschattenscharf – da nämlich, wo sich Hänny gar an den exakten Wortlaut erinnert. Was also soll man schreiben über ein Buch, das schon «vollständiger» existiert und dessen Nacherzählung uns das Original zwar erfreulicherweise wieder etwas auffrischt, uns aber eher den Autor – als Leser – näherbringt, als dass es uns mit einem neuen Werk bekanntmacht?

Warum nicht das Hännysche Prinzip selbst anwenden? Und eine bereits existierende Rezension zitieren, die zu einem anderen Buch desselben Autors verfasst worden ist? Gerne.

«Dem Autor ist trotz bedeutender Vorbilder ein bedeutendes Buch gelungen; er will dem Text gar nicht den Anschein des Verlässlichen geben – Schreiben heisst vielmehr auf dem ­Papier erforschen, worüber man im unklaren ist, und wenn das Resultat der Forschung in Prosa als Bandwurm-, Ketten- oder Schachtelsatz daherkommt, dann ist dies ein formales End­ergebnis, dem sich die Lesegewohnheit anpassen muss». (Aus: Hermann Burger: Theatralische Sendung in Chur. Reto Hännys Bericht «Ruch». In: Schweizer Monatshefte 60, April 1980, S. 339–342.)

 

Klappen-Insuffizienz

Silvio Pacozzi: Vita Minima. Muri b. Bern: Cosmos, 2014.

besprochen von Michael Harde, Lehrer, Schalkenbach.

Blutdruck normal, Herzfrequenz leicht erhöht, durchgehend Sinusrhythmus, gute ventrikuläre Pumpfunktion, kein pathologischer Befund an Herz und Nieren. Oder um es für Nichtmediziner auszudrücken: Der Internist Silvio Pacozzi kann auch Krimi. Sein Erstling «Vita Minima» wird ohne Befund in die Welt der Leser entlassen. Die Handlung ist schlank, aber nicht mager, die…