Literarische Kurzkritik #48

Neuerscheinungen aus der Schweiz

Literarische Kurzkritik #48

Grüne Tomaten

Urs Faes: Sommer in Brandenburg. Berlin: Suhrkamp, 2014.

besprochen von Michael Harde, Lehrer, Schalkenbach.

Es war vermutlich ein kühler «Sommer in Brandenburg» im Jahr 1938: die Tomaten wollten nicht reifen in dem flachen Land in Deutschlands Nordosten, von dem es heisst, wenn man sich in seiner Mitte auf zwei Telefonbücher stelle, könne man in allen Himmelsrichtungen bis zu den Grenzen blicken. In dieser Region hat der emsige Zürcher Romancier und studierte Historiker Urs Faes ein wenig beachtetes Kapitel der Judenverfolgung im Nazireich nicht nur aufgegriffen, sondern auch «verdichtet» – im eigentlichen Sinne des Wortes. Seine Recherche mündet in einer möglichen Geschichte über die Macht und Ohnmacht der Liebe in Zeiten von Pest und Cholera, eingebettet in die Berichte eines Chronisten, der den realen Personen zu folgen versucht, solange sie Spuren hinterliessen. Die reale und die mögliche Geschichte spielen in einem «jüdischen Landwerk» (Hachschara) im brandenburgischen Ahrensdorf: Die Vernichtungsmaschinerie der Nazis läuft zu dieser Zeit an, während ausreisewillige junge Juden eben hier – in vermeintlich abgeschotteter Sicherheit – landwirtschaftlich ausgebildet werden, um für die Kibbuz-Arbeit in der ersehnten Heimat ­Palästina vorbereitet zu sein. Während sich die Schlinge immer weiter zuzieht, Ausreiseanträge kaum mehr bewilligt werden, die Haltung der Anwohner von geflissentlicher Ignoranz in ­offene Aggression umzuschlagen droht und daheimgebliebene Verwandte bereits in Lager verschleppt werden, verlieben sich im «Landwerk» der nachdenkliche Ron Berend und die schüchterne Lissy Harb – reale Personen, in deren spröde Gesichter der Leser auf dem Schutzumschlag des Buches blickt und ­deren Biographien der Chronist so weit verfolgt als möglich. Die historischen Fakten dramaturgisch zu bündeln gelingt Urs Faes, die Zerrissenheit der Existenz und das Verlangen nach Geborgenheit werden lebendig, ohne dass ein verstaubtes Hüsteln des Archivars über den Seiten erklingt.

Dennoch, Faes «verdichtet» sich im übertragenen Sinne des Wortes: Sprachlich schlingert er mehrfach in ein jungfräuliches Abfeiern des Angedeuteten und Hauchzarten, ein mehr streifendes als bewusstes Berühren, ein tapsiges Beschauen mit dem leeren Blick eines Rilkeschen Panthers, ein verträumtes 4-Zeilen-Vorlesen, ein flüchtiges Vögeln-nur-Hinterherblicken, statt selber… und dieser platte Kalauer ist hier bewusst gesetzt, denn es fehlt diesem Sommer in Brandenburg die Hitze, das Fieber, die Körperlichkeit, die Leidenschaft. Ron und Lissy werden deshalb nie zu Personen von Fleisch und Blut, Lust und Liebe, Schrot und Korn – ihre Geschichte bleibt Randnotiz des millionenfachen jüdischen Leids. Urs Faes erzählt andererseits aber auch von der Hoffnung «Landwerk», von der Hoffnung Palästina, von gelungenen und gescheiterten Fluchten jüdischer ­Jugendlicher. Und diese Erzählungen sind ihm wiederum interessant und sehr lesenswert gelungen.

Urs Faes bei «Zürich liest»: Sonntag, 26. Oktober 2014, 11.30 Uhr, ICZ Gemeindehaus Zürich

 

Kriegshandwerk

Blaise Cendrars: Ich tötete – ich blutete.  Basel: Lenos, 2014.

besprochen von Serena Jung, Germanistin, Zürich.

1914, kurz nach Kriegsbeginn, meldet sich der Schweizer Schriftsteller Blaise Cendrars, um für Frankreich, oder besser Paris, seine Wahlheimat, in den Krieg zu ziehen. 1915 verliert er bei einem misslungenen Angriff seinen rechten Unterarm. 1916 erhält er die französische Staatsbürgerschaft. 1918 erscheint «J’ai tué», kurze, rhythmisierte Kriegsprosa, die dem Puls der vielen und des einzelnen Soldaten nachfühlt. 1938 dann «J’ai saigné», die Beschreibung, wie Cendrars’ eigener Puls Blut ausspuckt, da, wo sein Unterarm sitzen sollte, und des langen Überlebens im Lazarett voller Lädierter. Irgendwann zwischen 1940 und 1958 entsteht ein Text über die ersten Kriegsurlauber in ­Paris, zu denen Cendrars zählt. Fragment geblieben, wird es von Übersetzer Stefan Zweifel «Die Frau und der Soldat» genannt. Er hat alle drei Texte erstmals ins Deutsche übertragen und unter dem Dach «Erzählungen aus dem Grossen Krieg» herausgegeben.

Den Vorwurf der Kriegsverherrlichung musste sich Cendrars bei Erscheinen von «J’ai tué» gefallen lassen. Und tatsächlich, im Herzstück des Bandes ist der Krieg nicht weit vom Vater aller Dinge entfernt. «Ich tötete» beginnt wie eine Berichterstattung im Live-Ticker-Takt: Die Sätze sind kurz, die Fakten eindringlich. Der Soldat Cendrars, einer von vielen, beschreibt mehr oder weniger unbeteiligt, was das Heer gerade tut, wohin es sich bewegt, sich selbst lässt er im Trupp völlig aufgehen. «Man» geht, «man» hört, «man» wartet. «Es regnet.» Dann stürmt ein «Wir» los, und plötzlich fällt es das erste Mal, das «Ich», für sich ein Messer erbittend. Was folgt, ist der jähe Zoom weg von der Mikroszenerie in eine Makroperspektive, die ganze Welt betrachtend, nur um gleich wieder an die Front hinunterzuschnellen und sich selbst, als Kulminationspunkt des Weltgeschehens, ins absolute Zen­trum zu stellen:

«Darin also gipfelt diese immense Kriegsmaschine. Frauen verrecken in Fabriken. Eine Horde von Arbeitern rackert in den Minen. Wissenschafter, Erfinder zermartern sich das Hirn. Das ganze wunderbare Wirken der Menschen leistet Tribut. Die Fülle eines ganzen Jahrhunderts Arbeit. Die Erfahrung mehrerer Zivilisationen. Auf der ganzen Welt müht man sich nur für mich.»

Die drei Texte und besonders das poetisierte «Ich tötete» sind ausnehmend bedacht übersetzt, die zahlreichen Anmerkungen geben nur eine Ahnung der geleisteten Arbeit. Das Triptychon ergänzt die Lektüre des grossen Kriegsromans «La main coupée» (1946 erschienen), vermittelt aber auch ohne diesen genügend Eindrücke vom Treiben des Ersten Weltkriegs – und von Cendrars’ lebenslanger Auseinandersetzung mit ihm. Dass der Herausgeber beinahe sein komplettes Vor- wie Nachwort auf das 1926 erschienene Werk «Moravagine» ausrichtet, mag dem Cendrars-Experten die Verflechtungen mit dem – ebenfalls gerade von Zweifel neu edierten – düsteren Roman erschliessen. Dem Erstleser hingegen werden hier Fährten gelegt, denen er kaum zu folgen vermag. Zu sehr bereitet ihn der Herausgeber auf seine eigene psychologische Lesart des Autors vor: Es ist viel von Mordlust die Sprache, von Cen­drars’ innerem Kampf und liederlicher Lebensführung. Und ja, in den vorliegenden Texten tauchen der Messermord, die in einem Zug geleerte Flasche Schnaps und die Liebelei in Paris auf, aber daraus erschliessen sich noch nicht Cendrars’ Monstrositäten, die Zweifel derart herausstreicht. Die zeitlichen Zusammenhänge der Ereignisse und die Genese der Texte lassen sich zwar aus dem Anhang eruieren, für eine etwas vermittelnde und nüchternere Einführung wäre diese Erstleserin aber dankbar gewesen.

 

Gefremdelt

Silvia Tschui: Jakobs Ross. Zürich: Nagel & Kimche, 2014.

besprochen von Valerie Hantzsche, Germanistin, Dortmund.

Ein erster Blick ins Buch löst Befremden aus. Einem solchen – wie es im Klappentext heisst – «im deftigen Dialekt gefärbten Text» begegnet man – vor allem in Deutschland – nicht alle Tage. Es braucht ein paar Seiten, bis man sich an diese verschriftlichte (Kunst-)Mundart gewöhnt hat, und demnach ist «Jakobs Ross», das Debüt der Schriftstellerin Silvia Tschui, auch kein Buch, das man schnell aus der Tasche zieht, wenn es noch zwei Minuten Wartezeit an der Bahnhaltestelle zu überbrücken gilt.

Hat man die Dialekthürde aber erst einmal genommen, taucht man ein in eine Lebensrealität, die fernab der unsrigen liegt: Beschrieben wird der Lebensweg einer jungen Magd, Elsie, zur Mitte des 19. Jahrhunderts, deren magisch schöne Stimme Gesinde und Herrschaft des Hauses, in dem sie tätig ist, gleichermassen fasziniert. Eines Tages setzt sich die Tochter der Herrschaften in den Kopf, dieses Talent nicht brachliegen zu lassen, und bittet ihren Vater um eine Förderung Elsies. Bis hier liest sich der Text wie eine märchenhafte Aufstiegsgeschichte, dann aber schwängert der Hausherr die naive Elsie, verheiratet sie mit dem Rossknecht Jakob und gibt den beiden eine wenig ertragreiche Pacht zur Mitgift. ­Elsie – enttäuscht von der «Hochzig» – ergibt sich ihrem Schicksal, und so wird der Leser mitgenommen in eine Welt, die so «deftig» ist wie die Sprache, in der sie beschrieben wird. Auf dem beschwerlichen Weg zur Pacht in den Bergen lässt Elsie die Reste eines ­Lebens als Hausangestellte im bürgerlichen Umfeld hinter sich: Das mitgenommene Porzellan zerbricht, das Hochzeitskleid verdreckt und zerreisst. Spätestens bei der ernüchternden Ankunft der beiden im neuen Heim zeigen sich ein Umgangston und eine Sprache zwischen den beiden frisch Vermählten, die an Rauheit und Einsilbigkeit kaum zu überbieten sind. Nur ihre wundervolle Stimme begleitet die junge Frau in ihr neues, karges Dasein, wo jene so fremd wirkt wie zuvor einzigartig. Als in Elsies Leben nun noch ein Fahrender auftaucht, mit dem sie bald eine heimliche Liebschaft eingeht, ist bereits klar: Gut ausgehen wird das nicht. Auch dieses Glück findet ein jähes und brutales Ende. Und der Text wandelt sich ins Magische: Von einem geheimnisvollen Fremden ist bald die Rede, von seltsamen Beeren und merkwürdigen Geisteszuständen; all das ist Ausdruck vom Hin und Her zwischen Gottesfurcht und Aberglauben, von Elsies verzweifelter Suche nach einem Ausweg in eine andere, bessere Welt.

«Jakobs Ross» ist nicht der erste Text, der das üble Schicksal einer einfachen, jungen Frau zu dieser Zeit thematisiert, aber er tut es auf so unverbrauchte und eindringliche Weise, dass dem Leser der von Verzicht, Erleiden und Abhängigkeit gekennzeichnete Alltag in seiner ganzen Härte ersichtlich wird. Ein Nachgeschmack von Fremdheit bleibt, und soll wohl bleiben. Es ist dieses Gefühl, einen unerklärlichen Rest aufschlüsseln zu müssen und zu wollen, das dem Text seine Qualität verleiht und Elsies Geschichte umso authentischer (nach)wirken lässt.

Silvia Tschui bei «Zürich liest»: Sonntag, 26. Oktober 2014, 17.00 Uhr, Casinotheater Winterthur

 

Das grosse Schwelgen

André Winter: Die schöne Unbekannte. München und Wien: Thiele, 2013.

besprochen von Martin Beyer, Schriftsteller, Bamberg.

Diese Kulissen: Venedig, Barcelona, Wien. Diese Hotels: ­Excelsior, Imperial, Ritz. Diese Drinks: Sherry, Whiskey, Co­gnac. Diese Speisen:…