Literarische Kurzkritik #49

Von Lesern für Leser

Die Krneta-Leaks

Guy Krneta: Unger üs. Luzern: Der gesunde Menschenversand, 2014.

besprochen von Gregor Szyndler, Schriftsteller, Basel.

Der Plot passt auf einen Bierdeckel: Mann, Frau, Trennung, Kind, Vaterschaftstest. Drum herum wird ein «Familienalbum» gestrickt: der Grossvater, «Unggle Sämi», nervige Sippschaften, Dienstverweigerung, Porno im Knast, dazu Geschichtchen aus dem Puff und vom Erbrechen, von Politik und Zeitgeist, Phrasen wie «Lieber bi als nid drby» – auch Goethe wird reingefriemelt. Der Text kaut sich dabei andauernd wieder. Dass diese Redundanz den Figuren in den Mund gelegt wird, schützt vorm Vorwurf der Beliebigkeit des auktorialen Zugriffs, die Gmögigkeit der Sprache vor allzu viel Kritik.

Dann ein solcher Satz: «Komisch syg nume, het dr Grosvatter gseit, […] dass’r nümm wüss, was fürne Schprach si zäme gredt heige. […] Irgendwie heig’r ds Gfüeu, di heig Dütsch mit ihm gredt.» Die wiederkehrenden Reflexionen zur Sprache, zu Heimat, Fremde und Grenzen geben dem Text eine betörende Mitte. Selbst die Vaterschaftstest-Obsession des Erzählers
erfährt vor diesem Hintergrund eine Wende. Die Frage der Vaterschaft am «Sohn» wird mit der Frage der Urheberschaft des einzelnen an der «Sprache» gekoppelt.

Beim Lesen geht nichts ohne sinnliche Wahrnehmung: zu absurd erscheinen viele Worte auf den ersten Blick («usgwäuti Medien», «Rouschtueu»). Das Ohr liest hier mit, freut sich am Hin und Her der Figuren, das uns vor allzu viel beschreibenden Passagen bewahrt. Trotzdem herrscht keine Polyfonie in den Dialogen, es herrscht nur eine Stimme, diejenige Krnetas. An der resultierenden Monotonie ändert auch die zuweilen subtile indirekte Wiedergabe der Rede nichts, genauso wenig wie die träfen Joghurt-Witzchen oder, wohl um sich als literarischer Exeget des Egopop von Ecopop zu distanzieren, der Kalauer von der Schrumpfschweiz.

«Unger üs» ist ein heimlicher Mitschnitt verschiedener (Selbst-)Gespräche: es sind Krneta-Leaks, es ist kein «Familienalbum», wie der Umschlag flachst. Es ist eine lose Textsammlung, auf Vortrag getrimmt, auf Narrativität und Performanz, ganz auf den Atem des Autors abgestimmt, den wir bei der Lektüre im Nacken spüren. Zwischen Diavortrag, Bühnenpointe und Zitaten bleibt keine Vieldeutigkeit. Es bleiben mal mehr, mal weniger gelungene Miniaturen. Phrasen wie «PCs können nicht vergessen» oder «E-Banking ist wahnsinnig praktisch» werden auch in verfasster Mundart nicht literarischer. Je mehr man der Mundart zutraut, desto weniger haut einen Krnetas Buch um. Wer zweifelt nach Hebbel, Mani, Kuno noch an der Fähigkeit der Mundart, jedes Thema zu transportieren? Vom Schnäbi zur DNA, vom Liebeswahn zum Familienschlauch? Dialekt hat halt weniger Publikum als Hochdeutsch; dafür steigen Treue und Jöö-Effekt, und hat man «sech düredränglet dür di Masse, ix tuusig Lüt, füren a d Büni» und ebendort fest installiert, ist’s nicht mehr weit von der Publikation zur Buchpreis-Nomination. Aber mal ganz «unger üs»: «Erfunge isch schnäu mau. Aber när muesch non e Tumme finde, wo dr’s abchouft.»

 

Sammys Lehr- und Wanderjahre

Claude Cueni: Script Avenue. Gockhausen: Wörterseh, 2014.

besprochen von Florian Oegerli, Kulturjournalist, Basel.

Allen bisherigen Besprechungen von Claude Cuenis neustem Werk unterläuft derselbe Fehler: Sie lesen das Mammutbuch als Autobiographie. Dabei handelt es sich bei «Script Avenue» um einen Bildungsroman im klassischen Sinne! Die langerwartete Nordwestschweizer Pulp-Version des «Wilhelm Meister»: Da befreit sich einer aus dem kleinbürgerlichen Mief und findet zur Kunst.

Cueni weiss, wie man schreibt. Auch ohne Italienreise. Jahrelang hat er den «Tatort» mit Drehbüchern beliefert. Seine Historienromane waren Bestseller. Ganz wie aus dem Creative-Writing-Lehrbuch setzt auch «Script Avenue» medias res ein: Sammy, der an Leukämie erkrankt ist, erwacht aus dem Koma und glaubt, sich mit seiner bereits Jahre zuvor verstorbenen Frau zu unterhalten. Es folgt ein Bruch, woraufhin wir Zeugen der Umstände seiner Geburt werden: Die Mutter würgt ihn im hintersten Jura auf die Erde, dann wird er an einen Verwandten weitergereicht, einen Sodomiten, wie sich herausstellt, der den kleinen Jungen in einer Schraubenkiste aufbewahrt.

Es folgen Lehr- und Wanderjahre: Wie Wilhelm verlässt Cuenis Held früh die eigenen Gefilde, um dem Ruf der Kunst zu folgen. Während Wilhelm, ganz selbstmitleidiger Hipster, bloss vor Wohlstandslangeweile flüchtet, flieht Sammy u.a. vor einer Mutter, die mit ihm Weihwasser-Waterboarding spielt, und einem pädophilen Fremdenlegionär, der ihn mit Modellfigürchen gefügig machen möchte. Auch Sammys Ziehväter haben nichts mit denen Wilhelms zu tun. Lungert letzterer mit Adeligen herum, zählt Sammy einen marxistischen Schriftsteller mit Glücksspielsucht und einige erzkapitalistische Unternehmer zu seinen Mentoren. Aber er entpuppt sich als Stehaufmännchen: Trotz anhaltendem Misserfolg – sein Sohn kommt behindert zur Welt, Sammy wird immer wieder über den Tisch gezogen – schreibt er zehn Jahre lang weiter. Um sein Schreiben zu finanzieren, entwickelt er nebenbei Videospiele. Dass so eine Geschichte auch einem Helmut-Maria Glogger gefällt, versteht sich von selbst – sollte einen allerdings nicht von der Lektüre abhalten.

Cuenis Erzählfluss rast jedenfalls dahin wie der Louis-Ferdinand Célines in «Tod auf Kredit» (an den der Roman auch inhaltlich erinnert). Wer weiss, dass Cueni schwerkrank ist, kann sich nur fragen, woher er die Energie nimmt. Sie geht ihm nie aus, auch wenn der Roman gegen Ende einige Längen aufweist. Dabei sollte der einstige Drehbuchautor eigentlich wissen, dass niemand einen Roman kauft, um ellenlange Ausführungen über die moralisch-sexuelle Überlegenheit von Asiatinnen zu lesen. Jeder Lektor, der nicht beim Wörterseh-Verlag arbeitet, hätte Cueni geraten, einige dieser immer gleichen Sexszenen zu kürzen. Auch auf ein paar der Tiraden gegen «Cüplilinke», «Stipendienschriftsteller» und die Aufhebung des Goldstandards hätte der Autor verzichten können. Doch vielleicht ist es gerade diese – zuweilen unfreiwillig komische – Ungeschliffenheit, die «Script Avenue» mitreissend macht. Johann Wolfgang jedenfalls hätte solch ein monströses Machwerk wohl selbst nach dem dritten Burgunder nicht hingekriegt.

 

Was für eine herrliche Bestie!

Thomas Meyer: Rechnung über meine Dukaten. Zürich: Salis, 2014.

besprochen von Martin Beyer, Schriftsteller, Bamberg.

Warum sollte man sich 300 Seiten lang mit einem Sauhund beschäftigen? Diese Frage müsste zunächst geklärt sein, bevor man sich über Stärken und Schwächen des neuen Romans von Thomas Meyer Gedanken machen kann. Denn: Friedrich Wilhelm I., König von Preussen, war ein militärbesessener Tyrann, der sich hinter dem Vorhang der Frömmigkeit nicht selten aufführte wie die Herzkönigin in «Alice im Wunderland»: Kopf ab! Hänget ihn! Es geht in «Rechnung über meine Dukaten» nicht darum, das in irgendeiner Weise in Frage zu stellen – aber eben auch nicht darum, dies moralisch zu verurteilen. Friedrich Wilhelm war ein Sauhund. Punkt. Und wenn man das aushält, kann man eine Menge Spass mit ihm haben, zumindest mit der Version des Soldatenkönigs, die Thomas Meyer uns in seiner ganzen skurrilen Pracht vor Augen führt.

Dieser Friedrich Wilhelm also legt zwar durchaus Wert auf ordentliches Wirtschaften, er hat nur leider ein für die Staatskasse verheerendes Laster: Seine Armee soll am besten aus Riesen, also aus Menschen von mindestens sechs Fuss Grösse bestehen, besser noch sieben. Diese Riesen lässt er kostspielig von überall herbeischaffen, meistens nicht freiwillig, so dass zwielichtige Werber (ein Seitenhieb auf Meyers frühere Profession) durch die Lande ziehen und sich vornehmlich als Kidnapper betätigen. Soldatenriese Gerlach nun darf gar Teil einer Love Story werden, es wird ihm gar die Ehre zuteil, die ebenfalls grossgewachsene Bäckerin Betje entgegen allen Wahrscheinlichkeiten zu ehelichen. Der Leibarzt des Königs hat nämlich ein Riesen-Zuchtprogramm erdacht, und die beiden werden vom König höchstselbst als Kopulationspartner ausgewählt.

Das klingt schräg? Ist es auch. Der Leser darf hier nicht nach einem sich subtil verzweigenden Plot oder gar einer psychologischen Auslotung von Machtstrukturen (hier besser «Wölfe» von Hillary Mantel lesen) suchen – der Star dieses Buches ist zum einen die Sprache, eine Art «Grimmelshausen 2.0», dabei für die moderne Leserschaft überraschend genussvoll und flüssig zu
lesen. Der zweite Star des Buches ist der «Geheimsecretair» des Königs, Creutz. Wenn sich in dem Buch eine Figur entwickelt, dann er, der über die Verrücktheiten und derben Spässe des Königs immer mehr resigniert – bis hin zu offenem Widerstand: Aber wer kann schon etwas gegen einen Friedrich Wilhelm ausrichten? Also: fraget nicht nach einem ausgefuchsten Plotte. Fraget nicht nach seelscher Tiefe. Ergötzet euch an der Sprache und dem Reigen. Freilich immer eingedenk dessen, dass Friedrich Wilhelm ein Sauhund war, oder, wie es heisst, «eine herrliche Bestie».

 

Ein feines, trockenes Knistern

Roland Buti: Das Flirren am Horizont. Zürich: Nagel & Kimche, 2014. Aus dem Französischen übersetzt von Marlies Russ.

besprochen von Susanne Gmür, Kulturjournalistin, Luzern.

Die Landschaft «ähnelt einem alten, harten Keks», im Hinterhof hängt ein «Geruch von Sellerie und Schwefel», drückende, aufgestaute Hitze überall, schon im Juni. Und es wird nicht besser in diesem Jahrhundertsommer 1976, der als «Europas grosse Dürre» in Erinnerung bleibt. Sie bildet den klimatischen Rahmen des ersten ins Deutsche übersetzten Romans des Lausanner Historikers Roland Buti. Sie liefert den unbarmherzigen Soundtrack zu dieser Geschichte – «ein unendlich feines, trockenes Knistern» –, in deren Verlauf das Gefüge einer Westschweizer Bauernfamilie so rissig wird wie ausgetrocknete Erde.

Es ist Auguste Sutter, genannt Gus, der im Rückblick schildert, was ihm und seiner Familie in diesem Sommer widerfahren ist. Mit 13 noch mehr Kind als Jugendlicher, lebt er gern in einer Phantasiewelt, die ihn ablenkt von dem, was ihm Angst machen könnte, von dem, was unweigerlich seinen Lauf nimmt. Ein erstes «Flirren am Horizont», Anzeichen, dass nach diesem Sommer nichts mehr so sein wird wie zuvor, geht von…