Literarische Kurzkritik #50

Von Lesern für Leser

Literarische Kurzkritik #50

Des alten Sacks Gespür für Schnee

Anna Stern: Schneestill. Zürich: Salis, 2014.

besprochen von Michael Harde, Lehrer, Schalkenbach.

Das gab’s ja alles schon! Was ist daran neu? Paris, die Stadt der Liebe! Als Ort eines rührseligen Romans! Und es geht los: «In einem kleinen, verkommenen Bistro, irgendwo in einer der dunklen Gassen […] am Fusse des Montmartre.» Warum sollte man Anna Sterns «Schneestill» jetzt weiterlesen? Um Roel – den Bücher verwirren und der weint, weil er sie nicht alle lesen kann – dabei zu beobachten, wie er der elfenhaften Théa, die sich auch Liz nennt – «Ich mag klein sein und dünn, ich mag zerbrechlich wirken, aber ich weiss mich zu wehren» –, hinterherläuft, sie sich verfolgen lässt, um ihre Version des Giftmordes an zwei Kindern zu erzählen? «‹Ich will nicht gehen›, dachte Roel, ‹eigentlich will ich gar nicht gehen. Und trotzdem. Ich muss. Ich weiss nicht, was ich ihr glauben kann. Vielleicht spielt sie nur mit mir, erlaubt sich einen Spass mit meiner verwirrten Seele.›» Derlei ausgetretene Pfade verlässt die 24jährige Debütantin Stern auch nicht, wenn sie wortreich zu dem Schluss kommt, der Schnee in der Grossstadt sei «dreckig, schmutziggrau und gelb von -Abgasen und Hunden» und – mit kindlicher Bestürzung – «hatte keine Ähnlichkeit mehr mit den hübschen Flocken, als die er einst aus den Wolken gefallen war». Um es abzukürzen: der Text erinnert an schwülstige, bestenfalls pittoreske Herz-Schmerz-Prosa, wie sie in den Souvenirshops von Klöstern und Münstern zu kaufen ist. Daher nochmals die Frage: Warum sollte man «Schneestill» trotzdem lesen? Weil jedem Anfang ein Zauber innewohnt? Nein, das wäre zu sehr Hesse, er ruhe in Frieden. Hören wir lieber, was der britische Autor Tim Parks im «New York Review of Books» zur Macht junger Werke meinte: Ein neues Buch verweigere uns Lesefreuden, die wir erwarteten, es fordere uns heraus, unseren Geschmack zu verändern. Aktuelle Bücher mögen uns langweilen oder verführen, aber die eigentliche Freude und Spannung liege darin, zu überlegen, welche Aktualisierungen der Erwartungshaltung das Buch von uns erfahrenen Lesern verlange.

Nun denn, die gebürtige Rorschacherin Stern fordert also mich und meine Sozialisation als Romanleser heraus. Mich, der nach wie vor Twains «Huck Finn» für das beste Buch aller Zeiten hält, dessen erste «Erwachsenenbücher» Thriller von Alistair MacLean («Agenten sterben einsam» etc.) und die Spenser-Krimis von Robert B. Parker waren. Mich, der nie ein Freund der feinen Klinge war! Wird ein Teppich grosser Gefühle ausgerollt, ist es mir zu «schwülstig». Paris im allgemeinen sowie winterliche, bunt beleuchtete Eisbahnen oder heimelige, alte Bibliotheken als Orte von Liebesszenen im speziellen finde ich «bestenfalls pittoresk». Und wenn Männlein und Weiblein um den heissen Brei herumreden und am liebsten sich selbst in Frage stellen, dann stöhne ich: «Herz-Schmerz-Prosa, wie sie in den Souvenirshops von Klöstern und Münstern zu kaufen ist.» Aber wie kommt es, dass ein alter Leser bei der Lektüre eines so jungen Buches wie «Schneestill» trotzdem mehr als ein mokantes Lächeln zustande bringt? Indem er sich klarmacht, dass Anna Stern eben so schreibt, wie heutige 24jährige wohl leben: im ständigen Gefühlsabgleich mit Likes, (Re-)Tweets und Tags, im juchzenden, schluchzenden Dauerfeuer der WhatsApp-Postings, im emotionalen Schaufenster der Instagram-Bilderwelt. Das Leben wird erkundet über eigene Gefühle und die Gefühle der anderen, und in ständiger Selbstbeschau, ob die eigenen Gefühle auch gute Gefühle sind und wem man sie mitteilen kann. Und siehe da, ein alter Sack liest plötzlich mit Vergnügen ein junges Buch! Und nickt und grinst und fühlt. Und fühlt sich zwar auch noch immer überheblich – aber immerhin ein kleines bisschen ertappt dabei.

 

Vorwärts hinunter, hinein in die Zerstörung

Giuliano Musio: Scheinwerfen. Wien: Luftschacht, 2015.

besprochen von Jan Meyer-Veden, Autor und Übersetzer, Luzern.

Gleich im ersten Absatz von «Scheinwerfen», dem packenden Erstling des Berners Giuliano Musio, wird klar, wohin die Reise für seine Protagonisten nicht geht: nach oben. Dorthin blickt Toni Weingart als Kind durch ein Loch in der Decke auf den Dachboden des Elternhauses, nachdem er erstaunt festgestellt hat, dass «zuoberst im Haus noch gar nicht Schluss war». Doch das Oben lädt nicht ein: «Trockene, nach Staub riechende Luft sank zu ihm hinab.» Ein strebsamer Mensch, der Zukunft zugewandt, wird Toni also nicht mehr, ebenso wenig sein Bruder Julius oder dessen Freundin (und ihrer beider Cousine) Sonja. Überhaupt ist – bezeichnenderweise – der einzige, dem in «Scheinwerfen» so etwas wie Optimismus nachgesagt werden kann, ein Dummkopf: Res, eigentlich Andreas, Tonis und Juliusʼ peinlicher Halbbruder, mit dem sie aber dummerweise die hereditäre Fähigkeit zum «Scheinwerfen» teilen: Durch Berühren anderer Menschen können sie in deren Vergangenheit blicken – was ihnen zwar den Lebensunterhalt sichert, ansonsten aber nur Unheil bringt.

Die klassische Idee der fluchbehafteten Sehergabe variierend, baut Musio seinen Roman – psychologisch stark, also ohne zu psychologisieren – als Tragödie auf, wenn auch aus -eigenwilligem Material: Nicht Schuld macht hier nämlich das Geschehen zum Geschick – wiewohl es in «Scheinwerfen» an blutigen Missetaten und -tätern nicht mangelt –, sondern Zweifel und Misstrauen. Ein existentieller Generalverdacht gegen alles Einfach-so-Sein, der teils eher vulgär als Normalitätsneid daherkommt, teils aber als albtraumhaftes Entgleiten lebenserhaltender Gewissheiten. Das funktioniert hervorragend. Wer weiss, vielleicht ist Schuld wirklich nicht mehr à la mode und sind Unbehagen und Entfremdung die zeitgemässeren Instrumente, um dem Leser unter die Haut zu gehen – wenigstens, wenn es diesem ebenso an Urvertrauen gebricht wie Musios Protagonisten. Diesem Leser wird dann der Selbsthass des homophob-schwulen Toni die Kehle zuschnüren, oder das trostlose Auseinanderdriften von Julius und Sonja – er ängstlich verharrend, sie voll fehlgeleitetem Freiheitsdrang: Auf Beziehungsrettungstour durch Schottland finden wir Sonja «mit Rucksack, Julius mit einem Koffer, den er hinter sich herzog». Im Hotel angekommen, legt sich Julius nähebedürftig aufs Bett, Sonja zieht nicht einmal die Schuhe aus: «Sie wollte hinausgehen, solange es noch hell war.»

Hinaus geht es aber auch nicht in «Scheinwerfen», zumindest nicht ungestraft – sondern nur hinab, das ganz und gar unausgeleuchtete, schlüpfrige Gefälle des Vorwärts hinunter, hinein in Zerstörung, Angst und Wahn. So scheint es zumindest. Zuunterst ist dann Schluss. Und es regnet Frösche.

 

Zeiten ändern dich

Silvio Blatter: Wir zählen unsere Tage nicht. München: Piper, 2015.

besprochen von Klaus Hübner,Germanist und Redaktor, München.

Auf der Zürcher Bahnhofstrasse beim Shoppen: die berühmte Radiomoderatorin Isa Lerch. In einer stillgelegten Kiesgrube beim Arbeiten: der nicht minder berühmte Bildhauer Severin Lerch mit seinem japanischen Hund Akita, mittlerweile: Akita IV. Mit dem Porträt dieses seit Jahrzehnten miteinander vertrauten Ehepaars beginnt der neue Familien- und Gesellschaftsroman von Silvio Blatter. «Severin war in ihrem Leben der Rückhalt, und sie war in seinem Leben doch auch eine feste Grösse. Daran glaubte Isa. Sie wollte das glauben. Ihr Mann war ihr grösster Fan und gab ihr das Gefühl, geliebt zu werden, immer noch.» Alles bestens? Bei einem Autor, der schon oft bewiesen hat, dass er vor Krimi-Konstellationen keine Scheu kennt? Natürlich nicht! Gleich zu Anfang erfahren wir, dass sich «Krieger» an Severins Arbeitsplatz herumtreiben, die Skulpturen mit Farbe bespritzt oder gar umgestürzt haben. Was sich in der Folge in leicht lesbarer Prosa entfaltet, ist zum einen tatsächlich ein Schweizer Familienroman (mit dramatischen Wendungen), zum anderen aber, der Romantitel deutet es an, eine subtile Reflexion über die Zeit und ihr Vergehen. Über Lebensentwürfe und Alltagsabläufe, die viele Jahre lang funktionieren – und dann plötzlich gar nicht mehr. Bei Isas und Severins erwachsenen Kindern etwa: Die unermüdliche, tüchtige, in ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter aufgehende Sandra wird ihr biederes Leben ändern und Dinge tun, die zuvor undenkbar waren – sich kurz mal mit einem 15 Jahre jüngeren Tätowierer vergnügen, zum Beispiel. Der smarte Personalentwickler Matthias wird sich in einen bosnischen Clan verstricken, der noch nie von Coaching oder Selbstoptimierung gehört hat. Isa muss sich vom Mikrofon verabschieden, Severin von seinem Atelier. Zeiten ändern dich, da muss man durch. Alles wird anders, alles wird neu.

Manches an dieser Familie wirkt ein wenig ausgedacht und nicht ganz glaubwürdig – alle sind stets topfit, ernährungsbewusst und sportlich, und selbst der Künstler-Sturkopf Severin wird uns als «Digital Native» präsentiert. Sei’s drum! Man kann dieses Buch als lebensklugen Actionfilm lesen. Action mit Tiefgang und Skepsis – und am Ende mit erfahrungsgesättigter Zuversicht. Heiter und unterhaltsam führt Silvio Blatters Roman vor, dass Veränderungen immer auch Chancen sind.

 

Masseur Benny lehrt das Vögeln

Sibylle Berg: Der Tag, als meine Frau einen Mann fand. München: Hanser, 2015.

besprochen von Stephan Bader, Journalist, Berlin.

Will ich wirklich ausgerechnet von Sibylle Berg alles über Sex erfahren? Ja, ich will. Weil sie so unpeinlich über peinliche Dinge schreiben kann, so schonungslos und doch liebevoll.

Am Anfang des Tages spielt Sex, wie man ihn sich so vorstellt, dann erst einmal eine untergeordnete Rolle: Chloe und Rasmus sind seit zwanzig Jahren verheiratet. Sie wohnen in einem Architektenhaus mit Sichtbetonwänden am Stadtrand, die Wohnung gehört Rasmus’ Mutter. Abwechselnd lässt Sibylle Berg die beiden erzählen, was in ihnen und zwischen ihnen vorgeht – und was nicht: Rasmus weiss, dass er als Theaterregisseur gescheitert ist und einen Mutterkomplex hat, Chloe weiss, dass sie vielleicht mehr hätte werden können als die Frau eines Verkannten, es aber vielleicht gar nicht wollte. Als Paar sind…