Literarische Kurzkritik #51

Von Lesern für Leser

Eine Art Seelenlähmung

Katharina Geiser: Vierfleck oder Das Glück. Salzburg/Wien: Jung und Jung, 2015.
besprochen von Lukas Linder, Schriftsteller, Basel.

Von der Jahrhundertwende bis in den Zweiten Weltkrieg würden hier vier Jahrzehnte deutscher Geschichte lebendig, floskelt der Verlag in der Ankündigung dieses Romans. Man möchte zurückrufen: Wenn das doch bloss auch für seinen Protagonisten gälte! «Wo ist Erwin?» könnte der Titel denn auch lauten – als Reminiszenz an die bekannten Suchbilderbücher um den Wandervogel Walter, nur dass der Held in «Vierfleck oder Das Glück» ein etwas weniger munteres Kerlchen ist: Wann immer der Leser seinem Namen begegnet, ist er überrascht, irritiert, da er sich der Erinnerung nicht recht einschreiben will. Erwin Esslinger? Wer ist das schon wieder? Eben diese Ratlosigkeit gehört aber zum Kalkül des Textes von Katharina Geiser, die ihre Hauptfigur stets auf ein Neues verblassen lässt. Ob es an dem frühen Unglück liegt, das sich in seinem Leben ereignet, dem Patriarchenvater, oder seiner lebenslang kaschierten Homosexualität oder eben doch an einer Art Seelenlähmung, an der Erwin leidet – der Text lässt die Antwort glücklicherweise in der Schwebe. Aus Respekt, vielleicht aus Furcht, etwas kaputtzumachen, umkreist er sein Innenleben mit ahnungsvollen Bildern, die deutlich machen, dass die Antwort allein in der Poesie zu finden sei. «Seine Gedanken sind jetzt oft wie Fledermäuse: Sie schwirren geschwind vorüber oder hängen kopfüber in der Schädeldecke, kacken oder gebären ihre Jungen, fangen diese mit den eigenen Flügeln auf.» So lobenswert diese zärtliche Vorsicht im Umgang mit der Figur auch ist, man wird den Eindruck nicht los, dass es sich Katharina Geiser ein bisschen zu leicht macht. Ja, ein bisschen zu gemütlich eingerichtet hat sie es sich im Leben dieses Erwin Esslinger, dessen Rätselhaftigkeit der auftrumpfenden Sprache wenig Widerstand bietet und so gelegentlich zum Katalysator lyrischen Herummäanderns wird.

Nun wird Esslingers (Un-)Geschichte schon sehr früh von einer zweiten überlagert. Es ist die Geschichte des Indologen Heinrich Zimmer, wie Esslinger eine historische Figur. Zimmer erscheint in der Geschichte als ein etwas provinzielles Konglomerat aus Faust und Mephisto. Chauvinist aus Leidenschaft, ein genusssüchtiger Manipulator, der als Geliebter von Esslingers Frau und leiblicher Vater ihrer drei Kinder dessen vitaler Antipode ist. Katharina Geiser haben zahlreiche Briefe dieses Zimmers zur Verfügung gestanden. Mehrere davon werden im Roman zitiert. In ihrer gönnerhaften Selbstvernarrtheit – «Mein liebes Herz, hab vielen Dank für deinen Brief, ich habe ihn von vorn bis hinten gelesen» – zeugen sie von einer Zeit, da Männer, wenn sie grosse Teile der Wirklichkeit vollständig ausblendeten, extrem glücklich sein konnten. Zimmers unappetitliche Extrovertiertheit provoziert die Autorin. Und sie zahlt sie ihm heim: Wenn sie Zimmer in grotesker bayrischer Seppltracht zum Jagdhaus radeln lässt, dahin er seine Geliebte gerufen hat, erinnert diese genüssliche Zurschaustellung männlicher Lächerlichkeit durchaus an Jelinek in ihren spritzigsten Momenten. Zimmers Figur trocknet dabei alles Blumige an Geisers Sprache aus. Bald schon zeigt sie Stachel. Und gleichzeitig ist die Autorin neugierig genug, die Figur bis in die tragischsten Winkel ihres Niederganges zu begleiten. Am Ende ist es ihr Verdienst, dass man für dieses Ekelpaket tatsächlich Rührung empfindet, wenn es sich im hohen Alter, einsam und ziemlich senil, über die verlorenen Jahre der Liebe mit dem Verzehr von Knoblauchzehen tröstet. Es ist jene Rührung, die man für Erwin Esslinger nicht empfinden kann, vielleicht auch nicht empfinden muss. Und doch wünscht man sich bei aller Bewunderung für die Verblassungskünste der Autorin auch für ihn etwas mehr Wirklichkeit, die es bräuchte, damit aus dieser Geschichte ein gelungenes Suchbild würde.

 

Junge Adler sind blind

Viktor Niedermayer: Finsterland. Zürich: Nagel & Kimche, 2015.
besprochen von Martin Beyer, Schriftsteller, Bamberg.

Schaferl, Goldketterl und rote Schleiferl. Zigarettenbilder und Shirley Temple im Kino. Willkommen in der bayerischen Provinz der 1930er Jahre! Nach und nach wird die christliche Ikonographie ersetzt, der Führer verdrängt das Marienbild. Menschen verschwinden, Läden schliessen, vormalige Verlierer werden zu bräsigen SA-Leuten. Dann bricht der Krieg aus, Deutschland wird vaterlos, junge Menschen verlieren ihre Kindheit – und werden zu Adlern ausgebildet, bereit für den Kriegseinsatz.

Das alles beobachtet in Viktor Niedermayers Roman «Finsterland» ein Ich-Erzähler. Sein Blick ist genau und sorgt für jede Menge Zeitkolorit auf den 200 Romanseiten: Liedtexte, Kleidung, Dialekt, Funktionsweise von Maschinen etc. Einem jungen Schriftsteller müsste man lobend eine «beachtliche Rechercheleistung» attestieren, Viktor Niedermayer aber, der hier als 88-Jähriger sein autobiographisch gefärbtes Debüt vorlegt, kann ausserdem direkt aus dem Gedächtnis schöpfen. «Finsterland» ist also vor allen Dingen das Ergebnis einer immensen sprachlichen Verdichtung der Erfahrungswelt eines Menschen. Der Ton wird durchgehalten, passt sich dabei aber dem Lebensalter des Erzählers an. Die eingangs zitierten, kindlichen Diminutive verschwinden denn auch rascher, als einem lieb sein kann, Legionen an Figuren ziehen vorbei – meistens sind sie am Ende ihrer Szenen verschwunden oder tot. Diese Szenen entwickeln sich chronologisch, stehen aber weitgehend unverbunden nebeneinander: der Kriegseinsatz und die Misswahl, die Zeit bei den Gebirgsjägern und Aushilfsjahre bei einem Autohändler.

Diese Erzählanlage ist konsequent, sie verschiebt aber zentrale Fragen in die Zwischenzeilen des Nichtgesagten: Warum bleibt dem Ich-Erzähler die nationalsozialistische Bewegung fremd, selbst wenn ihn einige Aspekte faszinieren? Warum rennen andere blind ins Verderben und glauben noch an den «Endsieg», wenn alles um sie herum in Schutt und Asche liegt? Müssten Erklärungsansätze für diese bis heute virulenten Fragen nicht zumindest angedeutet werden? Die Liste liesse sich fortsetzen, aber: der Roman gibt keine direkten Antworten, der Ich-Erzähler ist zwar immer mittendrin – aber trotzdem seltsam teilnahmslos. Die Figuren erscheinen als Material, sind Körper und kaum Geist – auch diese Verweigerung allen Psychologisierens mag ein durchaus realistisches Abbild dieser Zeit sein, denkt man noch, dann bricht die Erzählung mit den Worten ab: «Du wirst schon noch sehen.» Das Sehenlernen nach dunkler Zeit, es wird in diesem Roman nur angedeutet. Vielleicht ist das nicht ganz befriedigend, eines ist es aber: konsequent. 
Bündel, Büschel, Schwärme

Al Imfeld (Hrsg.): Afrika im Gedicht. Zürich: Offizin, 2015.
besprochen von Florian Vetsch, Schriftsteller, St. Gallen.

In die allseits bewegten 1960er Jahre reichen die Ursprünge eines Projekts zurück, das heuer Al Imfelds 80. Geburtstag am 14. Jänner gekrönt hat: «Afrika im Gedicht» heisst das Mammutteil, das, runde 800 Seiten schwer, nun vorliegt. Über ein halbes Tausend Gedichte aus über 40 Ländern, immer in der deutschen Übersetzung sowie im Original, welches auf Französisch, Englisch, Portugiesisch, Arabisch, Swahili oder Afrikaans abgedruckt ist, insgesamt also weit über 1000 Texte, entstanden zwischen 1960 und 2014, ausgerüstet mit Quellenangaben, Worterklärungen sowie einem zünftigen Autorenverzeichnis. Und: keineswegs kommen die Texte als öde Bleiwüste daher, sondern als fruchtbar bestelltes Ackerland, unterteilt in 63 sogenannte «Cluster», also in Bündel, Büschel, Schwärme, kleine regionale oder thematische Zusammenstellungen, allesamt informativ eingeleitet und immer geschmückt mit je einer farbigen Zeichnung des Künstlers Frédéric Bruly Bouabré (1923–2014) von der Elfenbeinküste.

Die 63 «Cluster» sind unterteilt in 35 braune und 28 blaue, wobei erstere regionale, also erdhafte Bezüge herstellen unter Titeln wie «Nigeria: Neue Poesie aus dem Chaos», «Heisse Orte von Soweto bis Tahrir», «Algerierinnen im Widerstand» oder «Gärende Stimmung in Nordafrika»; die blauen «Cluster» stellen dagegen thematische, ideelle oder soziologische Bezüge her unter weiteren sprechenden Titeln wie «Schwarz – Weiss – Coloured», «Vom Stamm über die Kolonie zum Nationalstaat», «Krieg, Terror & Folter – Visionen des Friedens», «Armut und Elend – eine Gesellschaft von Bettlern», «Liebe und Gesundheit auf Afrikanisch», «Tourismus & Migration» oder «Kraft und Bedeutung des Gedichts».

«Afrika im Gedicht» blättert ein Panoptikum der afrikanischen Poesie nach 1960 auf, von Südafrika bis Ägypten, von Marokko bis Madagaskar, von Somalia bis zu den Kapverdischen. Unterstützt von der Lektorin Lotta Suter und dem Übersetzerstab aus Zineb Benkhelifa, Ueli Dubs, Elisa Fuchs, Danài Hämmerli und Andreas Zimmermann, konnte kompositorisch nur einem Al Imfeld ein solches Meisterstück gelingen. Unter vielen Texten stehen Hinweise wie «Text vom Dichter persönlich für die Anthologie zugestellt» oder «vom Autor gemailt». «Afrika im Gedicht» ist also die Frucht eines während vieler Jahrzehnte sorgfältig aufgebauten und hingebungsvoll gepflegten Beziehungsnetzes und zugleich die Ausbeute einer ebenso langen ausserordentlich aufmerksamen Lektüre – ein Lebenswerk.

Doch der Band ist keineswegs nur für die schmale Gemeinde der Poesie-Aficionados konzipiert, die er sowieso in nachhaltige Hochstimmung versetzen und in seiner Wucht erschüttern wird. Wie schätzt ein Mann von der Lebens- und Welterfahrung eines Al Imfeld das Wesen von Gedichten ein? «Sie helfen einem Geschäftsmann so gut wie einem Entwicklungsarbeiter. Gedichte sind eine besondere Form der Philosophie. Wie nirgendwo anders legen sie Bedürfnisse offen und zeigen deutlich Schwachstellen, ohne zu beleidigen. Gedichte sind ehrlich.» Deshalb hat Al Imfeld – Agrarwissenschafter, Journalist, Soziologe, Priester, Freigeist, Übersetzer, Erzähler und Dichter – recht, wenn er meint, dass dieser Band «in allen Bibliotheken stehen, in Schulen und Entwicklungseinführungskursen benutzt werden müsste». Auch die kleinen Ausleihbibliotheken in Quartieren sollten ihn präsentieren, die Deutschkurse für fremdsprachige Mütter, die Workshops für Dolmetscher und die Seminare für Internationale Beziehungen sollten ihn bereithalten. Und in den Schulen dürfte er zu keiner der herkömmlichen Schnarchnummern über Lyrik führen, wie sie Lotta Suter in ihrem Vorwort an die Wand malt, sondern in lebendige Unterrichtsprojekte einfliessen, etwa in den Fächern Deutsch, Englisch, Französisch, Geographie und Geschichte. So würde man der Anthologie «Afrika im Gedicht» wohl am besten gerecht.