Literarische Kurzkritik #54

Von Lesern für Leser

Am Himmelsrand

Franz Hohler: Ein Feuer im Garten. München: Luchterhand, 2015.
besprochen von Nora Zukker, Schriftstellerin und Radiomoderatorin, Urdorf.

Franz Hohler begleitet mich ins Krankenhaus. 52 Erzählungen auf 126 Seiten. Bevor ich durch die Schiebetüre der Intensivstation gehe, lese ich «Ins Leere» zu Ende. «Der Anblick ist erwartet und doch bestürzend.» Ja. Ich stehe in einer Zwischenwelt. In einer Welt, in der es piepst und keucht und ringt. Eine Welt, in der Schläuche die Lebenden von den Toten trennen. Ich versuche jedem der Schläuche zu folgen. Aus welcher Maschine sie kommen und in welchen Teil des Körpers sie führen. Irgendwo dazwischen liegt der Vater. Die Nachricht seines unzuverlässigen Herzens «ist zu gross für ihn allein». Mich traf sie immerhin unerwartet. Ich lese ihm vor. «Jeden Tag sitzt der Tod am Ufer und wirft seine Angel nach mir aus. Irgendeinmal werde ich anbeissen», kann ich nicht laut lesen. Zu gefährlich, lieber die, in denen Hohler vom Alltag erzählt. Einmal vergisst er sein Buch und muss aus dem eines Kollegen vorlesen. Einmal macht ihm ein «verlogenes Sandwich» die Finger klebrig. In Bremen beobachtet er Tauben, die neben einem Erotikshop an Pizzarändern knabbern. Und ein Spaziergang durch Berlin führt zur Beobachtung: «In einer Stadt, einer richtigen Stadt, werden Glück und Unglück, Leben und Tod, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft so stark zusammengepresst, dass sie jederzeit explodieren könnte.» Und immer wieder erkundet Franz Hohler auch die Schweiz. Einen Ort, der ihm unheimlich wurde. Er schaut hin. So wenig Hohler moralisiert, so stark überkommt mich das Gefühl, dass wir auch hinschauen müssen. Auch wenn es ungemütlich wird. Ich schaue Vater an und merke, wie fremd wir uns sind. «Eigentlich wachse ich immer noch auf», flüstert da Franz Hohler. Ein starker Satz für einen Mann über siebzig. In «Aufwachsen» erzählt er von seinem Elternhaus: es stehe noch und wenn er darin übernachte, dann in seinem Bubenzimmer. «Ich hatte eine schöne Jugend. Ich. Andere nicht.» Wer als Erwachsener zurückschaut, also hinschaut auf die Kindheit, so trifft der Satz «Mit dem Einzug der Selbstverständlichkeiten von heute sind Welten untergegangen» ins Innerste. Ich streiche Vater über seine nasskalte Hand und gehe. Als ich ihn noch einmal ansehe, fühle ich mich, als hätte ich ihn ein Leben lang vermisst. Aber wie kann man jemanden vermissen, dem man nie wirklich nahe war? Vor dem Krankenhaus zünde ich mir eine Zigarette an und blase den Rauch in die kalte Luft. «Was immer der heutige Tag bringen wird, er wird Zukunft in Vergangenheit verwandeln.» Franz Hohler sieht hin. Und staunt. Wie ein kleiner Junge. Damit sollten wir nie aufhören müssen.

 

 

Gefühlstektonik

Eva Roth: Blanko. Zürich: edition 8, 2015.
besprochen von Verena Stössinger, Schriftstellerin und Lektorin, Binningen.

«Afrika, was immer das ist, wummert in mir.» Die Protagonistin von Eva Roths Erstlingsroman, die dunkelhäutige 17jährige Ayleen, weiss nicht, was es mit diesem beunruhigenden «Wummern» auf sich hat. So «bohrt [sie] unerbittlich in die Tiefe», wie der Verlag schreibt. Denn sie weiss nur, dass ihr Vater, den sie nie erlebt hat, «von der afrikanischen Kontinentalplatte» stammte, und ihre Mutter verschliesst sich immer gleich, wenn von ihm die Rede ist.

Das geologische Vokabular, das den Text durchzieht, hat zwei Gründe. Zunächst einen thematischen: Rolf, der Vater von Ayleens Freund, ist nämlich Geologe und lädt das Mädchen gelegentlich ein, ihn an seine Thermalwasserbohrungen zu begleiten. Aber es gibt auch eine metaphorische Begründung: Ayleen erlebt das wenige, was sie an Familie umgibt, durchwegs als kalt, unzugänglich und «versteinert». Sie ist nämlich Einzelkind und lebt bei ihrer Mutter Silvia, die das Kind von der Verwandtschaft vollständig isoliert hat. Damit will Ayleen sich nicht mehr länger abfinden. Da Silvia beharrlich schweigt, sucht Ayleen nach anderen Menschen, die ihr von der Vergangenheit berichten. Von Mutters Freundin erfährt sie, dass ihre Eltern sich nur einmal trafen und ein einziges Mal miteinander schliefen. Danach sei der Vater wohl ausgeschafft worden – ohne von der Vaterschaft gewusst haben zu können. Er habe «etwas Erhabenes gehabt», sagt die Freundin dazu, als sei er der «Abkömmling einer afrikanischen Königsdynastie».

Wunschbilder durchdringen diese Spurensuche; und das passt, denn der Roman bildet nicht nur eine Vatersuche ab, sondern ist auch eine berührende Identitäts- und Coming-of-Age-Geschichte und ein beachtliches Debüt. Allerdings kommt die kleinteilige Ich-Erzählung zu geschachtelt daher und wird immer wieder unterbrochen von auktorial erzählten Rückblicken auf Silvias dramatische Familiengeschichte. Das macht ihn sperriger als nötig. Dazu kommen aus dem Mund der 17-Jährigen auch ziemlich altkluge Sätze – ihre Mutter, sagt sie beispielsweise, «wehrt sich gegen die Kapillarwirkung der Zeit» – und die Autorin gestattet sich gelegentlich auch schiefe Bilder («Silvia wurde neutral wie ein Stück Lyoner Wurst»). Gewichtiger ist der Einwand, dass Ayleens «Nicht-weiss-Sein» erstaunlich wenig Auswirkung auf das Erzählte hat, obwohl Silvias Familie und ihr Dorf als ziemlich fremdenfeindlich beschrieben werden. Kann die farbige Protagonistin wirklich so unauffällig leben? Zu gönnen ist es ihr natürlich – ebenso wie die kleine Hoffnung, die am Schluss aufscheint. Da sitzen sich Mutter und Tochter nämlich nicht mehr stumm gegenüber. Ayleen ist volljährig geworden. Sie hat beschlossen, auf eine Reise nach Afrika zu gehen; will Silvia eben mitteilen, dass sie dort «untersuchen» will, «wo die nächsten Erdstösse zu erwarten sind», da beginnt die Mutter von sich aus ein Stück Vergangenheit preiszugeben. Der Vater hatte Narben am linken Arm, erinnert sie sich, und kam aus einem Kriegsgebiet; «es könnte Angola sein».

 

 

Jetzt zugreifen!

Lorenz Stäger: Der Kammerdiener. Bern: Lokwort, 2015.
besprochen von Michael Harde, Lehrer, Schalkenbach.

«Blut, Mühsal, Tränen und Schweiss», mit diesen Worten und aufrichtigem Realismus stimmte Sir Winston Churchill am 13. Mai 1940 das britische Unterhaus auf die langen dunklen Jahre des Zweiten Weltkriegs ein. Im kollektiven Gedächtnis blieb jedoch hängen: «Blut, Schweiss und Tränen.» Dieses Zitat stammt mitnichten von Churchill, sondern von der weisen Grossmutter Hansi Keuschs aus Villmergen. Erforscht wurde diese Etymologie vom erfolgreichen Aargauer Autor und Altphilologen Lorenz Stäger. In seinem neuen, historisch wertlosen Werk «Der Kammerdiener» sucht er die Spur eines Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand, kriegt aber den Rollladen nicht auf. In einer süsslichen Episodenfolge erzählt Stäger vom patenten Kerlchen, das sich halb hochdient, die Welt bereist und währenddessen mit Hinz und Kunz aus dem historischen VIP-Bereich seiner Zeit ein paar Worte wechselt. Während Jonas Jonassons «Hundertjähriger» eine leicht zu durchschauende Burleske vor historischer Tapete war, beansprucht Stäger einen biographischen Kern für seinen Kammerdiener Keusch und fabuliert mit warmen Worten diverse Umstände oder Ereignisse hinzu. Dieser Lebenslauf ist ein bisschen wahr, ein bisschen falsch, ein bisschen Fakt, ein bisschen Spass, ein bisschen Fernweh führt hinaus in die Welt, ein bisschen Heimatliebe wieder zurück ins «Rössli» im Heimatdorf, das Ganze wird ein bisschen in Parataxe, ein bisschen in schlichten Nebensätzen erzählt. Gleichbleibend liebevoll ist dagegen der Erzählton, immer fröhlich beschwingt, allem Personal zugeneigt, mit sanftmütigem Humor geölt – während der Lektüre wird sich der Leser allerdings immer sicherer, dass es beim nächsten Umblättern passiert: Jetzt ist es so weit. Jetzt werden die Heizdecken angeboten.

 

 

Die Schule des Wahnsinns

Christoph Höhtker: Alles sehen. Mainz: Ventil, 2015.
besprochen von Philipp Theisohn, Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Zürich.

Die Tatsache, dass Christoph Höhtkers 2013 erschienenes Romandebüt «Die schreckliche Wirklichkeit des Lebens an meiner Seite» am Schweizer Literaturbetrieb im Grunde ungesehen vorbeigesegelt ist, stellt in der Rückschau eine Ungeheuerlichkeit dar. Einen der präzisesten, witzigsten und zugleich bösartigsten Texte über die Schweizer Expat-Communities hatte man da vor sich, einen drogenverseuchten Plot – der in der tollkühn gescheiterten Bestechung eines NZZ-Mitarbeiters gipfelte – und eine sinistre Topographie der Stadt Genf, in der Höhtker seit einigen Jahren lebt. Niemand hat’s gemerkt.

Das Lektüreversäumnis sollte man dringend nachholen und wenn man schon dabei ist, gleich mit «Alles sehen», der jüngst erschienenen Fortsetzung, fortfahren. Der Schauplatz wechselt: Frank Stremmer, die Trümmer von Karriere und Beziehung im Rücken, wendet den Blick heimwärts, nach Bielefeld. Bielefeld – das ist hier weniger eine Stadt als eine Anschauung: immerhin handelt es sich um das Epizentrum der Systemtheorie und so beginnt nun das sorgsame Erkunden der «städtische[n] Lebensgemeinschaft» als der «herrlichste[n] Gemeinschaft, die alle anderen in sich schliesst». Ob der hier zitierte Niklas Luhmann beim Entwurf der Gesellschaft als «umfassendem Sozialsystem» tatsächlich Bielefeld vor Augen hatte, wäre zu diskutieren. Höhtker indes lässt die Theorie am Ort ihres Entstehens wirken – und erzählt dabei die wunderbare Geschichte eines einzigen Tages in einem dahinsiechenden Biotop.

Vordergründig ist es die Geschichte eines Abendessens, das der noch in Genf weilende Stremmer per Telefon zwischen der verkrachten Existenz Michi Brandt und der Soziologiestudentin Ania arrangiert. Mit der demiurgischen Verknüpfung zweier einander wildfremder Personen auf einem Kaufhausparkdeck beginnt eine atemberaubende Reise durch den Organismus der Stadt und die mit ihm verwachsenen Lebensentwürfe. Das von Altrevolutionären betriebene Transportunternehmen, der unverständig studierende Türsteher, der velophile und bindungsunfähige Möbeldesigner, das fehlplatzierte Feinschmeckerlokal mit seinem in Hass noch vereinten Betreiberpaar, der frisch zum Salafismus bekehrte Vollzeittrinker – marode Teilsysteme sind es, die sich erst dann sinnhaft in einer Erzählung unterbringen lassen, wenn man einmal an dieser Stadt irre geworden…