Literarische Kurzkritik #57

Von Lesern für Leser

Nicht noch ein E-Mail-Roman…

Besprochen von Alicia Romero, Germanistin, Zürich.

Liebe Leute, was tun gegen Trostlosigkeit?» – Mit dieser Frage beginnt Rudolf Bussmanns Roman. Alexis, ein Student aus Kopenhagen, stellt sie auf einer Social-Media-Plattform. Unter den Antworten – «Vitamine einnehmen», «Alte Menschen besuchen», «Kalt duschen» – befindet sich auch eine von Melanie: «In mir hast du eine junge Frau, die mit dir die Trostlosigkeit teilt.» Mit diesen Worten sichert sie sich die Aufmerksamkeit von Alexis. Also schreiben sich die beiden regelmässig E-Mails, woraus sich eine besondere Intimität entwickelt. Eine Intimität, wie sie so nur unter Fremden und über die Anonymität der Schriftlichkeit entstehen kann. Alexis verliebt sich – geübte E-Mail-Roman-Leser ahnen es! – Hals über Kopf in die Person, die er hinter den Nachrichten vermutet. Wie es sich gehört, lässt er sie das auch sofort wissen.

Was verdächtig nach Daniel Glattauers E-Mail-Roman «Gut gegen Nordwind» klingt, nimmt dann doch eine etwas andere Wendung. Die entstehende Beziehung verführt Alexis und Melanie nicht nur zu einer besonderen Nähe und Hemmungslosigkeit, sondern auch zu einem Spiel mit der eigenen Identität. So ist am Ende keiner der, den er zu sein vorgibt. Aus der Trostlosigkeit ihrer realen Leben gelingt ihnen die Flucht in ein anderes mögliches Ich. Natürlich dauert es nicht lange, bis diese Identitäten in sich zusammenfallen und die beiden sich gegenseitig erste Wahrheiten enthüllen müssen. «Erste Wahrheiten» deshalb, weil im Lauf der Versteckspiele hinter immer neuen biographischen Erfindungen immer neue «Wahrheiten» sichtbar werden und eine Enthüllung auf die nächste folgt.

So versucht Bussmann tapfer, Tiefe zu gewinnen und sich den zum auserkorenen Genre gehörenden Klischees zu entziehen. Dabei überfrachtet er den Roman mit zu vielen Themen. Und so bleibt «Das andere Du» am Ende doch nur eine – wenn auch eine unterhaltsame – Liebesgeschichte, die sich über die Form des E-Mail-Verkehrs von Abertausenden anderen abzuheben versucht. Somit fällt das Verdikt ähnlich aus wie bei Glattauer: ein Buch, das man nach dem Lesen in die zweite Reihe des Bücherregals verbannen darf.

 

… o doch!

Lisa Elsässer: Fremdgehen. Zürich: Edition Blau im Rotpunktverlag, 2016.
besprochen von Isabel Wanger, Schriftstellerin, Zürich.

Lino K. ist in einer Fernbeziehung, Julia H. ist eine verheiratete Mutter. Sie lernen sich kennen, schreiben sich E-Mails, über lange Zeit hinweg immer wieder. Bald sprechen die beiden schon von Briefverkehr, denn ihre Mitteilungen sind so sorgfältig und dichterisch, als wären sie von Hand verfasst. Poesie und Metaphern in luftigen Höhen dominieren den Sprachduktus der Schreibenden sowie des personellen Erzählers, der Informationen über das Geschehen ausserhalb der E-Mails gibt. Tatsächlich kann der Text zu Beginn etwas kitschig und holprig wirken, die Nachrichten sind sehr komplex und konstruiert. Bevor sich die Leserschaft jedoch in den abstrakten Gefühlsbeschreibungen verliert, geschieht etwas Unerwartetes: Die Verfasser der Nachrichten beginnen, einander misszuverstehen. Immer häufiger müssen Erklärungen des zuvor Geschriebenen nachgereicht werden. Julia fordert starke Gefühle und (trotzdem) Klarheit, während der kauzige Lino verschlossen bleibt, kryptisch. Aus dem liebevollen Betrachten des anderen wird Unverständnis und aus diesem resultiert Ärger: auch dieser romantischen Kiste stehen hinlänglich bekannte Gefahren gegenüber.

Doch was heisst schon «hinlänglich bekannt», wenn bereits ein Wort wie «fremdgehen» so irreführend ist im Zusammenhang mit diesem Buch? Wenn dabei ein Hintergehen und Belügen des Partners mitgedacht wird, trifft das Wort für die Geschichte nicht zu: Julias Ehemann etwa wird über das ausserfamiliäre Geschehen jederzeit informiert. Was nützt es? Während Julia die Reaktionen ihres Umfeldes als Belastung empfindet, nimmt der Ehemann ihr das Auswärtsverlieben nicht übel. Auch er hatte ja bereits Ausflüge als Individuum unternommen, wie es im Roman heisst. Auch der…