Literarische Kurzkritik #58

Von Lesern für Leser

Jetzt ist schon wieder nichts passiert

Lorenz Langenegger: Dorffrieden. Salzburg: Jung und Jung, 2016.
besprochen von Florian Oegerli, Kulturjournalist, Leipzig.

Für Reich-Ranicki war die Langeweile das «höchste ästhetische Kriterium». Was langweile, sei keine gute Literatur. Dabei vergass er leider zu erwähnen, dass in der Literatur vor allem etwas für Langeweile sorgt: Spannung. Bücher, in denen eine «Krise» die nächste jagt, sind so aufregend wie Versicherungsberaterinnen, die behaupten, total ausgeflippt zu sein, weil sie in Las Vegas einmal einen Daiquiri bestellt haben. Gänzlich ohne künstliche Spannung kommt Lorenz Langeneggers dritter Roman aus.

Zwar setzt er damit ein, dass eine in Not geratene Witwe den Dorfpolizisten Wattenhofer um Hilfe bittet. Doch der Fall entpuppt sich als – vorsichtig gesagt – nichtig: Jemand hat eine leere Zigarettenschachtel vors Schulhaus geschmissen. Das ist aber auch schon, kriminalistisch gesprochen, alles.

So weit, so langweilig, könnte nun meinen, wer sonst nur Schwedenkrimis liest. Irrtum. Denn trotz der provinziellen Ereignislosigkeit gibt es einige Risse in Wattenhofers Welt: Seine Gattin belächelt nicht nur seinen Beamtenalltag, sondern trauert auch einer Liaison mit einem gescheiterten Künstler nach. Sein Hausbesetzersohn hält ihn für einen Spiesser. Und zu allem Überfluss will man dem Juniorentrainer Wattenhofer auch noch die Junioren wegnehmen!

Klar, dass es dem Wachtmeister ähnlich geht wie dem Schwedenkrimileser: Er sehnt sich nach einem Mord. Nach dem grossen Fall, dank dem ihn sein Umfeld endlich ernst nimmt. Doch der will und will einfach nicht kommen. So beschliesst der Beamte aus Trotz, den Littering-Fall weiterzuverfolgen, auch wenn er nichts hergibt. Denn kriminalistischer Eifer ist nun wirklich das Letzte, was man von ihm erwartet.

Klingt öde? Ist es aber nicht! Öde Bücher zeichnen sich schliesslich nicht durch Handlungsarmut, sondern durch eindimensionale Figuren aus. Die Figuren in «Dorffrieden» dagegen sind so skurril, dass auch der Kritikerpapst seine Freude daran gehabt hätte: von der Polizeimitarbeiterin, die sich am Wochenende als Elfe verkleidet, über den Hausbesetzer, der seine Unterwäsche in der elterlichen Waschmaschine wäscht, bis zum Schulabwart, den die Dorfelternschaft entlassen will, weil er zu viele Gauloises pafft. Es sind die Figuren, die dafür sorgen, dass man den Roman nicht weglegen will. Vor allem mit dem Allerweltsmenschen Wattenhofer, dessen Komplexität sich einem erst nach und nach offenbart, hätte man gerne noch einige hundert Seiten mehr verbracht.

 

«Eini, wo richtig tönt»

Pedro Lenz: Di schöni Fanny. Muri b. Bern: Cosmos, 2016.
besprochen von Simone Jacqueline Abegg, Kulturjournalistin, Zürich.

Glücklich schliesse ich das Buch und lese den Satz auf dem Rücken: «Ihres Strahle isch aasteckend gsi und i ha ddänkt, dass ds Läbe mängisch, wenigschtens für ne churze Momänt, genau eso isch, wis sött si, nämlech sehr guet.» Ja, genau, sehr gut!

Jackpot, Schriftsteller, will Louis besuchen, seinen Malerfreund – da kommt eine Frau zur Türe raus, dass Jackpot «grad e Schritt zrügg» muss, so schön ist sie. «Di het jetz aues, di Fanny», klärt ihn Louis später auf, dem sie Modell sitzt, genauso wie Grunz, dem zweiten Maler der drei Künstlerfreunde aus Olten. Keiner ist gefeit vor Fannys Zauber.

Plötzlich kreist alles um Fanny, die aber nur ab und zu auftaucht in der Geschichte, die Jackpot erzählt. Er möchte eigentlich seinen Roman schreiben, den er schon im Kopf hat, stattdessen geht er mit ihr ins Museum und auf den Creux du Van und wird eifersüchtig auf seine Freunde.

Eine unspektakuläre Geschichte, trotz der Ausgangslage – schöne, unerreichbare Frau bringt Männerfreundschaften in Gefahr. Sie ist stimmig und rund, diese Geschichte. Trotz allen bedienten Klischees: von Jackpots Bruder, der in Basel in der Pharmabranche Karriere gemacht hat und ihn finanziell unterstützt, über den alten Louis, der kaum je seine Krumme aus dem Mund nimmt, zu den Beizen,…