Literarische Kurzkritik #59

Von Lesern für Leser

«Nina ist eine schöne Leiche»

Tom Kummer: Nina & Tom. Berlin: Aufbau, 2017.
besprochen von Christoph Steier, Literaturwissenschafter, Zürich.

Tom Kummers Roman «Nina & Tom» ist ein Medienereignis. Angesichts des zweifelhaften Ruhms des Berner «Bad Boys» und des aktuellen Interesses an autofiktionaler Trauerarbeit im Stile Schlingensiefs, Herrndorfs oder Stuckrad-Barres ist das kein Wunder. Doch droht der Hype um die Medienfigur Kummer und deren eigensinnigen Realitätsbegriff den Blick auf einen der versiertesten Schweizer Erzähler der Gegenwart zu verengen.

Vergessen wir also das mediale Rauschen und lesen den Roman als Roman, dessen Reiz sich dem kalkulierten Kontrast von verstörendem Inhalt und gediegener Form verdankt. Verstörend ist dabei nicht allein das drastisch geschilderte Sterben von Nina, der Frau des Erzählers. Verstörend ist auch die in Rückblenden erzählte Vorgeschichte ihres Siechtums. Diese führt vom kokainverseuchten Barcelona der frühen Achtziger über das hedonistische Berlin der Neunziger bis ins hysterische Los Angeles der Nullerjahre.

Seinen Weg vom Molotowcocktails werfenden Konzeptkünstler zum Starjournalisten, der sich nach seiner Entlarvung als Fälscher in Los Angeles als Tennistrainer durchschlägt, fiktionalisiert Kummer in «Nina & Tom» deutlich düsterer als im Memoir «Blow up» von 2007. Dafür verantwortlich zeichnet Nina, die von der Neben- zur Hauptfigur wird. Nina, die nicht erst als todgeweihtes Gespenst zu schockieren vermag, das in Pumps und Reizwäsche durchs Familien-Loft in Los Angeles stöckelt. Nina, die Tom bereits bei ihrer ersten Begegnung durch ihre knabenhafte, dominante Erscheinung irritiert. Nina und Tom: Drogen, harter Sex und Gewalt, aber auch zahme Rituale, intellektuelles Schweifen und Solidarität prägen ihre drei Jahrzehnte währende «Amour fou». Fürsorglich ist die Figur Tom nicht allein als Ernährer und Mahner, sondern auch als Erzähler: Mit der Thematisierung von Abtreibung, drohender Zerrüttung und Existenzsorgen werden zwar die Nachtseiten der beiden stilbewussten «Künstler ohne Werk» keineswegs verschwiegen. Doch dieses Buch schafft es, viel zu zeigen und doch wenig zu verraten. Das gilt trotz aller vordergründigen Drastik auch für Ninas qualvolles Sterben im Kreis der Familie. Auch hier erfahren wir wenig über ihre Gefühle oder die ihrer halbwüchsigen Söhne.

Eine bemerkenswerte Kluft tut sich auf: Während Ninas aggressiver Narzissmus Behauptung bleibt, wird jener des Erzählers mit jeder gelesenen Seite kenntlicher. Alles, was wir über Nina erfahren, ist seine Version. Daraus macht der Roman auch gar keinen Hehl, sondern gewinnt gerade im Ausstellen dieser Verzerrung seine erzählerische Würde: Toms Hass auf sein «ständiges Inszenieren» gilt nicht allein dem hilflosen Versuch, Ninas Totenbett mit den Requisiten ihrer Risikobiografie zu umstellen, sondern auch der Logik des Pop, der genau diesen «Rausch von Subtexten und Anspielungen» zur Lebensform erhebt. Dem popmodernen Credo, dass Zeichen nur Zeichen und niemals die Dinge selbst meinen, schwört Kummer damit nicht ab. Wohl aber stellt jede Zeile seines glänzend geschriebenen beziehungsweise zusammenkopierten Romans die bange Frage, ob Nina aus ihrem aufwendig inszenierten Leben nicht nur verschwunden, sondern darin vielleicht niemals anwesend gewesen ist.

Hier spricht der Bauchredner 

Felix Philipp Ingold: Direkte Rede: LXXVII Selbstversuche. Wien: Passagen, 2016. 
besprochen von Magnus Wieland, Literaturwissenschafter, Zürich.

Mit seinem aktuellen Buch «Direkte Rede» reiht sich Felix Philipp Ingold in eine literarische Tradition, die von den «Charakteren» des Theophrast bis zu Elias Canettis «Ohrenzeuge» reicht. Wie diese Vorgänger lassen auch die «Selbstversuche» eine ganze Typenreihe vor dem lesenden Auge vorbeidefilieren: in alphabetischer Folge geht es von der Aichingerin bis hin zum Zwillinger. Ingolds Neuerung besteht nun aber darin, dass er keinen deskriptiven Zugang wählt, sondern die verschiedenen Figuren direkt sprechen lässt. Zwar benutzt er durchgehend das Personalpronomen «ich», doch handelt es sich dabei um eine sprachliche Variable, die beliebig neu besetzt werden kann. «Wer ‹ich›…