Literarische Kurzkritik #60

Von Lesern für Leser

Literarische Raketenglacesbesprochen von Lukas Tonetto, Autor, Aarau.

Was sind das für Texte, die ohne aussertextuelle Bezüge im Vagen bleiben, weil ihnen innerer Halt fehlt? Was machen Texte mit der Leserschaft, bei denen man alles, was sie versprechen, im Subtext suchen muss? Texte wie «Granada Grischun» von Romana Ganzoni – eine Sammlung von Miniaturen oder Splittern, die um eine Kindheit im Engadin kreisen. Aber anders herum: kann man über Kindheit anders schreiben als in Splittern, die man mit dem Leim des Erinnerns zu einem Text collagiert? Kindheit als Collage, Erinnerung als Gedankenstrom, auch wenn der Leser dabei oft aussen vor bleibt?

Es sind Geschichten wie «Raketenglace», die Glace, die wir damals so liebten. Eines vorweg: ich mag Raketenglaces. Noch immer. Ich habe auch diese Engadiner Skizzen gerne gelesen. Trotzdem blieb nach der Lektüre wenig zurück. Vielleicht liegt es daran, dass das, was auf den ersten Blick gefällt, beim dritten Prosastück ermüdet: hier der neugierig machende Einstieg, Worte, hingewürfelt wie Kiesel an die Ufer des Inns, in der Regel gefolgt von einer kakophonischen Struktur, in der statt konstruktiver Zufall chaotisches Parlando herrscht. Freie Assoziationen werden mit einem uralten journalistischen Trick zu einem Anfang und einem Ende gebogen. Man beginnt damit, dass ein nicht näher eingeführter David aus der Geschichte «Raketenglace» ein Linkshänder war, nennt ihn romanisch einen «tschanc», assoziiert frei über ein paar Seiten, lässt das Ganze, wie so oft in diesen Geschichten, in Gewalt münden und endet mit dem eingangs aufgeführten Begriff «tschanc». Oder in der gleichnamigen Geschichte mit dem Lippenstift. Oder «Im Ristorante» mit dem Pfauenauge. Oder die Geschichte namens «Xristina». Hier werden Schreiborte aneinandergereiht. Was ist dies mehr als literaturgeographisches Namedropping? Eine Grundidee – macht sie einen Text? Es erscheinen einfach zu viele Episoden in diesem Buch, wählte man ein Bild aus der Malerei, wie hingekleckst. Dann wieder der Versuch, einen Stream of Consciousness zu erzeugen, indem statt Punkten einfach nur noch Kommas gesetzt werden. Dass ein solcher weit mehr mit sich bringt als nur den Verzicht auf Interpunktion, lohnt es sich allerdings im Kopf zu behalten. Solche Stilmittel müssen motiviert sein, etwas Zwingendes an sich haben, kürzer: glaubhafte formale Ansprüche an ihren Inhalt geltend machen. Und umsetzen. Ansonsten bleibt der Eindruck stilistischer Arbitrarität. Wie hier. Wo ich mich als Leser, Schriftsteller und Literaturwissenschafter frage, ob die Introspektion einer nicht mehr zweifelsfrei von der Autorin unterscheidbaren Erzählerstimme wirklich alles sei, was literarisch möglich ist (viele Verlage scheinen dieser Meinung zu sein). Leider sind die Miniaturen von Romana Ganzoni ein wenig wie die Raketenglace in der gleichnamigen Geschichte. Die süsse Säure nimmt Mund und Rachen mit Gewalt in Beschlag, aber sobald der Holzstengel an der Zunge klebt, bleibt nur ein halbsüsser, etwas fader Nachgeschmack.

 

Am Ende der Anfangsfrage

Urs Faes: Halt auf Verlangen. Berlin: Suhrkamp, 2017.
besprochen von Felix Haas, Versicherungsfachmann, Zürich.

Wie alle Bücher muss auch Urs Faes’ neuer Roman «Halt auf Verlangen» die Frage beantworten, warum wir es lesen sollten. Warum lesen, wie jemand monatelang im 11er Tram 17 Stationen auf sich nimmt, um sich einer Krebstherapie zu unterziehen? Beim Lesen stellt sich der Verdacht ein, dass der namenlose Protagonist und Erzähler Faes selbst ist. Warum es ihm ein Bedürfnis war, dieses Buch zu schreiben, darüber erhalten wir vielfach Auskunft. Er ist gegen siebzig Jahre alt, hat Krebs und sieht sich seinem Leben entfremdet: «Im Schreiben ahnt er manchmal, wer er sein könnte.» Er zieht Bilanz und schreibt, «um in Wörtern festzuklammern, was entschwinden wollte» – die Erinnerungen und vielleicht sogar sein Leben selbst.

Man ahnt es: «Halt auf Verlangen» ist kein Buch, das im…