Literarische Kurzkritik #61

Von Lesern für Leser

Markus Bundi: Planglück. Tübingen: Klöpfer & Meyer, 2017.
besprochen von Clemens Umbricht, Lyriker und Verlagsleiter, Teufen.

Was tun, wenn die Welt aus den Fugen gerät? Auch unter Hausgeistern ist die Frage unentschieden. Sepp, einer dieser guten Geister, welche den Menschen seit der letzten Eiszeit mit Rat und Tat beistehen, ist am Ende, «total ausgeseppt». Kriege und Elend, Globalisierung und Digitalisierung haben ihm und seinen Kollegen den Rest gegeben. Als letzter seiner Art erzählt er ihre Geschichte, die einmal eine Geschichte der Sorge um die Menschen war, nun aber eine der Entgeisterung ist. Sepp zieht sich in den Kühlschrank zurück, ballt sich bei einer Temperatur von null Grad zum «Sepppunkt» und verreist «lichterdings». Zurück bleibt die Frage nach der Glückstauglichkeit des Menschen angesichts der «Entseppung».

«Eiszeit» lautet der Titel dieser Geschichte – einer von insgesamt fünfzehn Erzählungen in Markus Bundis neuem Buch «Planglück». In mehr oder weniger grossen Ellipsen umkreisen sie das Thema Glück, was immer auch heisst: Zufälligkeit und Planbarkeit, Abwesenheit und Tod. Kurz: es geht ums Ganze.

So etwa in der Geschichte, welche dem Band den Titel gibt. Franz, ein todkranker Neurologe, verlangt nach Glück, nach «Planglück» – er, den das Tier, das weint, nie gekümmert hat, stellt, frei nach Sartre, den Selbstentwurf, die eigene Optimierung ins Zentrum der Existenz. Franz bittet seinen Freund, den Erzähler, am Ende seines Lebens gegen stattliches Entgelt um Aufklärung: Was hat es mit dem Glück auf sich? Im Brief an den Neurologen schreibt dieser: «Beste Voraussetzungen für ein glückliches Leben hat heute der Mensch, den es (mindestens) doppelt gibt.» Will heissen: das Glück liegt in der Entlastung, und zwar durch den eineiigen Zwilling – oder noch besser: gleich durch zwei eineiige Zwillinge. Diese sollen einander ersetzen, während der Arbeit entlasten oder bei kriminellen Aktivitäten das perfekte Alibi liefern. Der Satz «Ohne die andern bleibt das Glück unauffindbar» erhält auf diese Weise eine neue Perspektive. An die Stelle von Evolution und Kairos tritt die gezielte Effizienzsteigerung, die strategisch geplante Ich-Glück-Produktion.

Markus Bundis Prosa changiert gekonnt zwischen Ernst und Satire. Wie das geht, zeigen auch die beiden Erzählungen «Aequinocticum» und «Operation Sherwood». In der erstgenannten geht es um den Beinahe-Nobelpreisträger Quantlinger (die Stiftung in Schweden ging kurz vor der Preisverleihung pleite), der mit dem Medikament Aequinocticum die Menschen wieder ins Gleichgewicht bringen will. In der zweiten ist sich der Erzähler sicher, dass sein Schulfreund Jeremy sowie sein Gymnasiallehrer Bingesser die Terroristen sind, welche die Mauern zwischen Kalifornien und Mexiko sowie «jene drei in Europa und den befestigten Wall in der Westsahara» in die Luft sprengen.

Am Ende besteht kein Zweifel: Planglück ist eine Illusion, oder wie Kafka einmal geschrieben hat: «Das Glück, das dir am meisten schmeichelt, betrügt dich am ehesten.» Auch die hilfreichen Hausgeister verschwinden nicht vollständig in der «Eiszeit» des Gefrierfaches. Sie bleiben, obwohl abberufen, mit ihrer Geschichte zumindest in der digitalen Sphäre als Datei erhalten – und hallen so als «letzter Seppruf» durch die Umzingelungen des verplanten Daseins. 

 

Fensterloser Fisch

Zsuzsanna Gahse: Siebenundsiebzig Geschwister. Wien: Edition Korrespondenzen, 2017.
besprochen von Klaus Hübner, Redaktor und Germanist, München.

Grenzen überschreiten – die im Thurgau lebende Zsuzsanna Gahse tut genau das immer wieder. Zum Beispiel die Grenzen zwischen Lyrik, Prosa und Essay. Oder die zwischen den Sprachen – ihre Literatursprache ist ein Deutsch, das offen ist für Spanisches, Englisches oder Ungarisches. Da wird ein fensterloses Zimmer zum Fisch, denn wenn man das ungarische «hal», was einfach nur «Fisch» bedeutet, falsch ausspricht, wird eine englische «hall» daraus.

Für die Budapester Geschwister ist klar: «Mein Vater schlief Nacht für Nacht im Fisch, diesen Gedanken wird uns niemand versagen können.» Derartige Sprachzaubereien durchziehen auch das jüngste Buch der 1946 in Budapest geborenen Literatin, die, wie nur wenige andere Gegenwartsschriftstellerinnen, das Erbe der künstlerischen Moderne des 20. Jahrhunderts hochhält und kreativ weiterentwickelt.

«Geschwistergeschichten beginnen mit zwei Kindern und sind zu steigern.» Genau das passiert in diesem Buch, wobei es unsicher ist, ob wirklich siebenundsiebzig Geschwister vorkommen. Das erzählende Ich ist ein unzuverlässiges, ein Ich mit mehreren Gesichtern und Gestalten, das plötzlich verschwindet und jäh wieder auftaucht. Dass es um unterschiedliche Geschwisterkonstellationen geht, wird bald klar, auch weil die aus je vier Buchstaben bestehenden Kapitelüberschriften, von «CTGA» bis «CGTA», ein «vereinfachtes Spiel mit den Buchstaben der DNA» darstellen, wie uns eine kleine Zeichnung auf der letzten Buchseite zu verstehen gibt.

Mit «Spiel» bekommt man einen nicht nur fürs neue Buch zentralen Begriff von Zsuzsanna Gahses Poetik zu fassen. Sie sieht die Wörter als Gene der Sprache – und sie spielt mit ihnen, mit Sätzen und mit Kontexten. Allerdings auf sehr andere Weise als beispielsweise die Konkrete Poesie. Einen durchgängigen Plot braucht auch Gahse nicht, doch gibt es bei ihr wiedererkennbare Personen, auch halbwegs realistische Handlungsstränge, präzise Daten, denn es gilt: «Jahr und Ort der Geburt sind nicht gleichgültig.» – Auch finden sich klare Hinweise auf Zeitgeschichtliches. Songzeilen von Elvis, den Beatles oder den Eagles werden ebenso in diesen eigenwillig rhythmisierten Textteppich eingeflochten wie die Erfahrung der amerikanischen Präsidentschaftswahlen von 2016, nach denen man Passagen wie «Was mache ich nun? Bin ratlos. Derzeit sagen auffallend viele, sie seien ratlos» auch politisch verstehen kann.

Vielfalt ist ein wichtiges Thema, die Vielfalt des Kosmos, die oft immer noch rätselhafte Vielfalt der Pflanzen- und der Tierwelt, die vielfältigen Beziehungen zwischen Personen und Sprachen, die Vielfalt der Literatur – Tolstoi, Tschechow, Aichinger, Brodsky –, die wundersam variantenreichen genetischen Kombinationsmöglichkeiten. Man kann «Siebenundsiebzig Geschwister» auf vielerlei Art lesen. Wer nicht nach einer stringenten Story sucht und ein polyperspektivisches, multikulturelles, buntes, finten und ideenreiches Sprachfest geniessen kann, wird grosse Freude haben an diesem staunenswerten Buch.

 

Literatur als Podest

Noëlle Revaz: Das unendliche Buch. Göttingen: Wallstein, 2017.
besprochen von Katharina Knorr, Germanistin, Bixnaaf.

Was ist ein Autor und wen kümmert’s, was er spricht? Seit der Geburt des schöpferischen Autors im 18. Jahrhundert haben Schriftsteller eine enge Beziehung zu ihren Texten, die sie tief aus sich heraus, von einer höheren Macht inspiriert oder in konzentrierter Disziplin erschaffen. Die Erfindung der Genialität hat dem Dichter einen Platz in der gesellschaftlichen Hierarchie geschaffen, der bis heute untersucht, verhandelt und gestaltet wird.

Noëlle Revaz beschreibt in «Das unendliche Buch» eine Welt, in der die Beschäftigung mit Literatur zur Oberflächenbehandlung geworden ist. Autoren sind darin mit ihren Büchern so eng verbunden, dass eins ohne das andere nicht mehr denkbar ist – gleichzeitig bleiben beide Teile inhaltsleer und charakterlos. Erscheinen sie getrennt voneinander in der Öffentlichkeit, sind Buch und Autor wertlos. Autoren existieren in der medialen Öffentlichkeit nur als Träger ihrer Bücher im wörtlichen Sinn: Sie halten sie in Talkshows für überdrehte Moderatoren in die Kameras, ohne ihre Inhalte zu kennen. Sie schreiben ihre Geschichten nicht mehr selbst. Texte setzen sich zusammen aus Satzdatenbanken, Verleger bestimmen Algorithmen und verkaufen ihre Autoren wie Fussballstars. Bücher sind in dieser Medienlandschaft ästhetisch mehr oder weniger anspruchsvoll gestaltete Kästchen, kleine Podeste, simple Trittleitern, die nur der Manifestation der Autorenposition in der Gesellschaft dienen: Schriftsteller sind Stars. Und wie bei vielen Stars unserer realen Welt weiss niemand so recht warum. Und niemand fragt nach. Bis sich zwei Autorinnen verändern wollen und sich erinnern an die Möglichkeiten von Literatur und Sprache.

Verstörend unterkomplex beschreibt Revaz eine Literaturlandschaft, die nur noch durch Präsenz und Performanz der Autoren besteht. Ihre Protagonisten sind unerträglich, weil ihre Beziehungen zu anderen Menschen in einer auf mediale Wirkung fixierten Welt nichts bedeuten und damit unverständlich bleiben. Die romantisierten und oft kulturpessimistisch überhöhten Ideale von ebenso leidenschaftlichen wie reflektierten Schriftstellern und ihren Lesern sind hier nicht nur verloren, sondern längst vergessen. Revaz passt den Stil ihres Buches an die emotionslose Welt ihrer Geschichte an. Dabei wird nicht ganz klar, ob Revaz die Seelenlosigkeit dieser Welt in ihrer Sprache genial spiegelt oder ob sie an ihren eigenen Ansprüchen scheitert. In jedem Fall erschafft sie eine Gegenwart, die fremd und grausam erscheint und unserer doch ähnelt. Die Lektüre ist unangenehm, bis zuletzt, weil nichts mehr wird, wie es war: vermeintlich gut. Aber sie erinnert daran, dass der Mensch die Freiheit besitzt, sich immer wieder anders zu entscheiden: z.B. ein Buch anders zu schreiben, so wie die Protagonistinnen in Revaz’ Buch oder wie die Autorin selbst. Oder es zumindest zu versuchen.

 

Zwischen Heimatroman und Cyberpunk

Martina Clavadetscher: Knochenlieder. Hitzkirch: edition bücherlese, 2017.
besprochen von Daniel Lüthi, Autor und Literaturwissenschafter, Basel.

Es beginnt mit einer Rückkehr zur Zivilisation. Jakob Grün und Fredy Blau sind aus ihrer abgeschiedenen Bergsiedlung ausgezogen, um in dem kleinen Dorf weiter unten im Tal das Nötigste für ihre Kommune einzukaufen. Vier Familien leben in der winzigen Siedlung, «sie gelten als Abgemeldete, sind somit Unvermisste, Ungesuchte», ohne Strom oder Zeitung, dafür mit Gemeinschaftsküche und Jahresplänen. Alles gehorcht…