Literarische Kurzkritik #62

Von Lesern für Leser

Abermals ein weiterer Camenisch

Arno Camenisch: Der letzte Schnee. Basel: Engeler, 2018.
besprochen von Gregor Szyndler, Autor und Liedermacher, Basel.

Georg und Paul arbeiten am Skilift. Sie warten sehnlichst auf Schnee. Chnuschtis sind beide, ansonsten gilt: Paul ist ein Plappermaul und Georg ein Schweiger. Mehr Charaktertiefe und Personal braucht Arno Camenisch in seinem neuen Buch «Der letzte Schnee» nicht. Auch nicht mehr Handlung; das Buch füllt sich, Plauderpaul sei Dank, ganz von alleine: Patent Camenisch.

Wunderbar sind die Stellen, an denen Camenisch mit den Lesegewohnheiten des Publikums bricht: «er leert vom Kaffee aus dem Thermoskrug in den Becher.» Solche Formulierungen wollen wieder und wieder gelesen werden, denn sie enthalten, was man als Leser sonst zu oft vermisst: eine gewisse Widerständigkeit, feine Haken, die sich in einem festkrallen. Wie hier auf engem Raum mit Wahrnehmungsroutinen gebrochen wird, gefällt. Leider bleiben solche Passagen Raritäten in einem Buch, welches das Kunstwerk vollbringt, zugleich wortkarg und geschwätzig zu sein.

Alles in allem gilt für das Büchlein, was Paul von seiner Frau Claire berichtet: «Der erste Eindruck ist ein Fluch, den wirst du nicht mehr los.» Der erste Eindruck, es abermals mit einem weiteren Camenisch zu tun zu haben, will nicht verfliegen. Natürlich ist das eine gefällige Art des Schreibens, aber man hat dennoch, nach den Büchern der Vergangenheit, gehofft, Camenisch käme über seine Formel «2 Käuze + Lokalkolorit – Handlung = 1 Buch» hinaus. Leider hat man sich verrechnet, genau wie der «Diskalkulant» Kristof, von dem Paul erzählt: er ist eine herrlich schrullige Figur, Stimmenzähler im Kantonsparlament, dem «die Zahlen im Kopf herum[schwirren] wie Vögel». Die Stimmenauszählung im Kopf des Rezensenten ergab ein Patt zwischen positiven und negativen Voten, mit einem leichten Vorsprung der Nörgler.

Während Camenisch in seinem letzten Werk «Die Kur» ebenfalls auf diese «Weltformel» setzte, fand man dort doch auch gesellschaftskritische Miniaturen von ätzender Bosheit: man entsinne sich nur des moralinsauren Tennisarm-Dorfpfarrers und wie mit ihm und seinen Ansichten zum Masturbieren herumgefuhrwerkt wurde. «Der letzte Schnee» hingegen plaudert und plätschert nur so vor sich hin: kurze Angaben zur Szenerie, gefolgt von schrulligem Dialog, dann entsinnt sich Paul einer ollen Kamelle und schon sind 99 Seiten rum.

 

Meine liebe, lahme Seele

Christian Haller: Das unaufhaltsame Fliessen. München: Luchterhand, 2017.
besprochen von Michael Harde, Lehrer, Schalkenbach.

Es soll Eltern geben, die für ihre Töchter am liebsten den optimalen Ehemann stricken würden. Die gute Nachricht für sie lautet: im neuen Roman von Christian Haller findet sich das passende Muster für das pflegeleichte Einsteigermodell «Stubenhocker». An die Wand gelehnt, ist er von der Tapete garantiert nicht zu unterscheiden und darüber hinaus monogam (fast), genügsam, studiert, kulturbeflissen, drogenfrei, politisch unauffällig, heimatverbunden (dennoch tolerant), höflich, respektvoll und treusorgend. Zahllose weitere Tugenden liessen sich beim Protagonisten von «Das unaufhaltsame Fliessen» auf Wunsch jederzeit finden.

Bis in feinste Details analysiert der 75jährige, in Laufenburg lebende Haller die künstlerische Selbstausbeutung seines jugendlichen Ich-Erzählers, der mit dem jungen Haller nahezu gleichzusetzen ist. Während Gleichaltrige vor Open-Air-Bühnen rotzevoll aus der Menge gezogen werden, theoretisiert er in Gedichten, Märchensammlungen oder geschwollenen Essays. Während sie kiffen, bei der Führerscheinprüfung durchfallen oder asiatische Kampfsportarten lernen, ediert er das Werk eines vergessenen Dichters gegen die Anweisungen der Witwe. Während Erstsemestler dieses oder jenes studieren, weil es hilft, später im Job viel Geld zu verdienen, oder weil die Uni-Veranstaltungen nie vor elf Uhr morgens beginnen, schreibt er sich für Zoologie ein, weil es seinen Horizont als zukünftiger Schriftsteller erweitert. Während Uni-Abgänger sich johlend ins Hauen und Stechen des Berufslebens stürzen oder schreiend zurück zu Mama laufen, sieht er seinen Posten an einer Schnittstelle von Wirtschaft und Politik nur als «Griff in den Schmutz» zum Zwecke eines Romans, der die Korrumpierbarkeit der feingeistigen Seele beleuchtet. Wenn der Ich-Erzähler «die losen Enden seiner Seele» in allen Nuancen behäbig durchleuchtet, bleibt er doch immer nur ein trüber und trotzdem keimfreier Schluck Wasser im Tümpel zwischen Basel und Zürich.

Der strebsamen, aber müden Handlung liesse sich sprachlich der dringend benötigte Pepp einimpfen. Die Selbstbeschau des eigenen zitternden Gemütes liesse sich entweder durch kritische Distanz über den Kitsch erheben oder mit bissigem Humor veredeln. Wenn der Erzähler aber nicht aus seiner lethargischen Rolle heraustreten soll, müsste als letzter Retter der Autor Haller selbst eingreifen und seinen grüblerischen Protagonisten vom knöcheltiefen Altwasser ins kalte «unaufhaltsame Fliessen» schubsen, um ihn dort strampeln zu sehen, zu retten oder auszulachen. Es fehlt jeglicher Esprit, jegliche Ironie. Stattdessen lässt Christian Haller sein Alter Ego alte Tagebucheinträge unkommentiert in andächtigem Duktus vortragen. Humorlos und ohne Distanz. Vielleicht sollte man bei der Lektüre stricken. Irgendetwas Unauffälliges, das zur Tapete passt.

 

Jäger des verlorenen Buches

Franz Hohler: Das Päckchen. München: Luchterhand, 2017.
besprochen von Magnus Wieland, Literaturwissenschafter, Zürich.

Als «Krimi» oder «Thriller» wurde Franz Hohlers neuster (und angeblich letzter) Roman schon angepriesen, doch damit tut man dem Buch keinen Gefallen, denn wirklich packend ist «Das Päckchen» nicht. Obwohl die Anfangsidee auch von Paul Auster stammen könnte und es gegen Ende ein wenig dramatisch wird, ist der Roman im Kern nichts anderes als eine nostalgisch gestimmte Hommage an die Buchkultur, deren Untergang immer mal wieder heraufbeschworen wird. Die Macht des gedruckten Wortes demonstriert nicht zufällig eine Kalendergeschichte Hebels, die die Gemüter zutiefst bewegt, nachdem zuvor ergebnislos über die Folgen der Digitalisierung diskutiert wurde.

Der Roman dreht sich denn auch um ein Buch, nicht irgendeines, sondern um das älteste Buch deutscher Sprache, den sogenannten «Abrogans», ein lateinisch-althochdeutsches Glossar, dessen Geschichte von zwei Enden her erzählt und alternierend ineinander verfugt wird. Der eine Erzählstrang führt ins düstere Mittelalter zum Urheber des Glossars, dem jungen, in Schreibarbeiten talentierten Mönch Haimo, der damit beauftragt wird, seine Abschrift von Regensburg ins Kloster von Monte Cassino zu bringen. Haimo wird sein Ziel allerdings nicht erreichen – die Reise, die der sündige Bruder mit seiner heimlichen Geliebten Maria und dem gemeinsamen Sohn antritt, verläuft und endet denkbar tragisch.

Der andere Erzählstrang spielt in der digitalen Gegenwart und hat mit dem leicht antiquierten Bibliothekar Ernst Stricker ebenfalls einen Buchmenschen zumProtagonisten. Auf mysteriösen Wegen gerät Stricker das mittelalterliche Glossar in die Hände. Um sich auf die Spur seines Vorbesitzers zu begeben, täuscht er falsche Identitäten vor, belügt seine Freundin und riskiert am Ende sogar sein Leben. Er setzt alles daran, Haimos gescheiterte Mission zu vollenden und das Buch 1200 Jahre später seinem Bestimmungsort zu übergeben.

Obwohl die beiden Erzählstränge unabhängig nebeneinander herlaufen, sind sie doch allegorisch aufeinander bezogen. Das Buch, so will es die bibliophile Pointe des Romans, ist nicht einfach ein «altes Buch», sondern ein «Bote aus einer anderen Zeit». An ihm hängt ein ganzes Schicksal, das erzählt werden will, und es besitzt eine eigene Geschichte, die Bibliothekar Ernst auf fast magische Weise affiziert. Tatsächlich streift Hohlers Roman zwischendurch das Übersinnliche und lässt zuletzt die Vergangenheit symbolisch in der Gegenwart aufleuchten, wenn die neugeborene Tochter des Bibliothekars denselben Namen wie Haimos Geliebte trägt: Maria. Hier wird eine historische Schuld eingelöst und, aus narratologischer Perspektive, ein Kreis geschlossen.

«Das Päckchen» ist eine routiniert, doch reichlich stereotyp erzählte Geschichte, unaufdringlich versehen mit historischem und buchkundlichem Hintergrundwissen, gelegentlich aufgelockert durch Situationskomik und sanfte zeitkritische Seitenhiebe. Bisweilen wirkt die Erzählung etwas zu gut geschnürt – doch für ein Päckchen muss das nicht zwingend nachteilig sein.

 

Nachbeben

Melinda Nadj Abonji: Schildkrötensoldat. Berlin: Suhrkamp, 2017.
besprochen von Valerie Herberg, Journalistin, Berlin.

Jeder Krieg hat seine eigenen Bedingungen, aber in einem gleichen sie sich alle: Man kann sich leicht darauf verständigen, dass sie Katastrophen sind. Sämtliche Vokabeln der Dämonie, alle Prädikate menschlicher Selbsterniedrigung lassen sich auf sie anwenden. Jeder Antikriegsroman mit Anspruch versucht im Kern, dem Unaussprechlichen mit den richtigen Worten für das Falsche Ausdruck zu verleihen. Es braucht aber ganz bestimmte Ingredienzen, damit er von literarischer Bedeutung bleibt. Melinda Nadj Abonjis neuer Roman «Schildkrötensoldat» zeigt, wie das gelingen kann.

Zoltán Kertész, die Hauptfigur, wird nicht erst vom Jugoslawien-Krieg versehrt: Als Kind fällt er dem Vater vom Töff, von da an hat er das Stottern, epileptische Anfälle und einen schweren Stand im Dorf. Seine Cousine Anna ist seine einzige Vertraute. Mit genuinem Nonkonformismus und einer kindlich anmutenden Art der assoziativen Welterschliessung ausgestattet, zerbröckelt er aber Hierarchien schon früh in ihre harmlosen Bestandteile: Buchstaben und Klänge. Aus ihnen baut er sich, auch später in der Armee, eine eigene, glücklichere Wahrheit. Das ist die eigentliche Pointe von «Schildkrötensoldat»: Allein mit Vernunft, sachlicher Argumentation und Appellen an die Menschenwürde kann man der irrationalen Gewalt des Kriegerischen nicht trotzen. Melinda Nadj Abonji hält hier einen poetischen Irrationalismus entgegen – in der Figur, aber vor allem in der musikalischen Sprache Zoltáns, die sich, sprunghaft und expressiv, den Regeln von Syntax und Semiotik zu verweigern scheint: «Meine Hände sind Bäume, die herbstliches Laub…