Literarische Kurzkritik #63

Von Lesern für Leser

«Mitten in der Fülle des Lebens […] bekundet der Roman die tiefe Ratlosigkeit des Lebenden.» (Walter Benjamin)

Karl-Gustav Ruch: Das letzte Fenster. München: hockebooks, 2018.
besprochen von Katharina Knorr, Literaturwissenschafterin, Bixnaaf.

Karl-Gustav Ruch – 2009 mit seinen wunder­vollen Erzählungen für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert – hat einen Roman über einen gescheiterten Schriftsteller geschrieben, den die Rekonstruktion einer vermeintlich grossen Liebes­geschichte zu einer Reflexion seines Lebens führt.

Zwischen der anfänglichen Frage, wie alles werden konnte, wie es geworden ist, und der Aufklärung dieses grossen Geheimnisses steht eine gescheiterte Liebesgeschichte, die Elemente enthält, die den hockebooks-Verlag (der auf seiner Internetseite allen Ernstes eine Kategorie «Frauenunterhaltung» bereitstellt) offensichtlich überzeugen konnten: ein verschwundenes Manuskript (geheimnisvoll), Verweise auf die europäische Literatur- und Philosophiegeschichte mit besonderem Fokus auf Walter Benjamin (gelehrt), zwei schwarze Koffer (spannend), eine komplizierte Fami­liengeschichte (kompliziert) und ein paar Puppen (phantastisch); das Ganze erzählt in einer Farbenwelt wie aus einer RAL-Tabelle abgeschrieben («flaschengrün», «indigoblau», «karminrot»). Dazwischen finden sich viele Klischees  über männliche Libido und weibliche Treue («was wir Seele nennen, ein imaginäres Geschwür aus überspannten Gummiseilen und geschwollenen Hoden»), einige z.T. an Gedanken etablierter Philosophen angelehnte Sinnsprüche («Schönheit ist mehr als die Summe ihrer Teile»), unzählige langweilige und rhetorisch schmerzhafte Blicke des Mannes auf die Frau, «den weissen Ansatz ihrer Brüste» und ihren «Pflaumenmund, der von der Form her nichts mit einer Pflaume zu tun hat und trotzdem eine Pflaume ist», aber doch auch einige feinsinnige Beobachtungen menschlicher Beziehungen: «Hahaha lachen beide, als hätten sie das gemeinsame Lachen schon geübt», gehört zu den klügsten Sätzen des Romans.

Es bliebe zu hoffen, dass es sich um das Psychogramm eines einzelnen Einsamen handelt, träten einem nicht immer wieder Männer aus Büchern entgegen, deren Haltung zur Welt oft durch die Diagnose einer Midlifecrisis zeitlich überschaubar gemacht und damit verharmlost wird. Dabei findet die Auseinandersetzung mit verpassten Gelegenheiten (ein eigentlich ehrenwert philosophisches Thema) auch bei Protagonisten in fortgeschrittenem Alter kein Ende. Selbstmitleidige, selbstgefällige und narzisstische Persönlichkeiten, die vor allem damit befasst sind, meist Jahrzehnte jüngere und natürlich ausnahmslos schöne Frauen mit Strategien zu umwerben, die peinlich sind, und ihnen Bedürfnisse zu unterstellen, deren Realitätsbezug mehr als fragwürdig ist. Ob Martin Walser, Hans-Josef Ortheil oder Peter Schneider – überall männliche Protagonisten, die auf mehr oder weniger geheimnisvollen Wegen Frauen treffen, die nur dazu erfunden zu sein scheinen, sie zu verstehen: ihre Ängste, ihre Schwächen, ihre Sehnsucht. Das ist verständlich, aber banal. Ruch hat seiner weiblichen Hauptfigur zumindest ein selbstbestimmtes Leben gelassen – schade, dass sie in ihren letzten Stunden doch wieder mit den Sorgen des Mannes befasst ist.

«Literatur muss sagen, was man nicht sagen kann», schreibt Ruchs Protagonist in sein Tagebuch. Warum man aber lesen sollte, wo­rüber mancher besser geschwiegen hätte, bleibt offen.

 

 

besprochen von Susann Klossek, Autorin und Journalistin, Zürich.

Wien im Hochsommer. Die Luft flimmert vor Hitze. Ein Zustand, den man irgendwie durchstand. Isa Blumberg, 53, Ausstellungsbetreuerin, hat schon viel zu viel durchgestanden: Das Gassigehen mit einem Hund, der nicht ihrer ist; langwei­lige Aufträge, fehlende Aufträge und dreiste Museumsbesucher mit interaktiven Gören. Hinzu kommt das Ende ihrer Beziehung mit Carla, die «kompliziert geworden, nach und nach an Fahrt verloren hatte, dann einfach ausgerollt und schliesslich zum Stehen gekommen war».

Als eine Taube das komplette IT-System einer Ausstellung lahmlegt, wird Isa endlich tätig. Sie erschiesst den Vogel kurzerhand, und als sie auch noch ihre Chefin ohrfeigt, ist sie ihren Job los. (Un)glücklicherweise wird sie aber von Skinhead Jerk aus ihrem Anti-Aggressions-Kurs, zu dem sie verdonnert wurde, gleich für einen neuen angeheuert: Die Ex-Punkerin und ehemalige Journalistin im Kosovokrieg soll dessen verschwundenen Bruder Ronny finden. Isa tappt im Dunkeln. Was hatte Benny Kracht mit dem Fall zu tun? Und welche Rolle spielte Penelope aus Somalia? Was passierte mit dem Toten im Fitnesscenter wirklich, warum hatte Robert Koch seine Recherchen abgebrochen, und wie steckte ihr Sohn, der Priester, in dem ganzen Schlamassel? Nach und nach zerbröselt Isas bisheriges Leben. Auf ihrer rastlosen Suche stösst sie, ganz ungewollt, auf eine alte Geschichte von ideologischer Verblendung, Dummheit und Schuld.

«Blumberg», der neue Roman des Basler Autors Andreas Niedermann, besticht durch unverfälschte, süffig-unprätentiöse, reduzierte und doch stilsichere Sprache, die die Querelen unserer Zeit authentisch und ohne pseudointellektuelles Geschwurbel skizziert. Böses, Ernstes wird ironisch gebrochen, auch wenn «Ironie die einzig verfügbare Schärfe der Feiglinge und nur wirksam ist, wenn sie als das erkannt wird, was sie ist». In «Blumberg» wird sie das in der Tat. Und feige ist der Bruce Springsteen des Kurzromans, wie ihn ein Rezensent einst nannte, mitnichten: Der Wahlwiener debütierte bereits 1987 mit dem Roman «Sauser», der ein Underground-Bestseller wurde. Es ist also höchste Zeit, dass ihn auch die Szene der sogenannten anspruchs­vollen Literatur wahr- und ernst nimmt – auch wenn der Roman als Krimi beworben wird. Ebenso gut liesse er sich als Gesellschafts- und Entwicklungsroman oder als rasantes Road­movie einordnen. Aber das will Niedermann eben nicht: eingeordnet werden.

Und am Ende überkommt den Leser unwill­kürlich die schwer erträgliche Wahrheit: «Es war die Jugend, die zählte. Die Jugend, die Jugend, die Jugend, und sonst zählte nichts. Nichts.» Blumberg ist ein Roadmovie, das mit der letzten Seite des Buches nicht endet, das immer weiter- und weitergeht, wie die Welt, die sich unaufhörlich dreht.

 

Auf der Suche nach Worten

Philippe Jaccottet: Gedanken unter den Wolken. Gedichte französisch/deutsch. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. Göttingen: Wallstein, 2018.
besprochen von Lukas Tonetto,
Autor, Aarau.

Es sind Worte des Scheidens, Metaphern des Adieu: Asche, Greis und auch der Fährmann, die einen im Glanz des allgegenwärtigen provenzalischen Lichts in Philippe Jaccottets Gedichten begleiten. Als hätte er seinen eigenen Abschied von der Lyrik, seine Metamorphose zum Prosaautor, einmal noch in Versen zelebriert. Nach «Pensées sous les nuages» von 1977 ging der Dichter neue Verbindungen von Prosa und Lyrik ein, wie die kundigen Übersetzer und Kenner seines Werks, Elisabeth Edl und Wolfgang Matz, im Nachwort darlegen.  

In dieser über vierzig Jahre nach der französischen Erstausgabe erstmals zweisprachig publizierten Gedichtsammlung können wir den Dichter dorthin begleiten, wo er sein Gold findet: ins Bergwerk der Sprache. Denn was anderes ist das Metier des Dichters, als dem nachzuspüren, was in ihm klingt? Nun liegt es an ihm, dieses Empfinden an der Welt mit Worten zum Ausdruck zu bringen. Die Gedichte nehmen uns dorthin mit, wo das «Gold des Abends zu Mittag wird» und die Räume, die das lyrische Ich betritt, sich öffnen wie «der Wagen des Elias, dessen Räder mit den Galaxien wachsen». Es findet Wörter so simpel wie die Freude (la joie) im gleichnamigen Schlüsseltext, die sich mit Seide (soie) reimt, weil der Sommerhimmel wie ein Seidenband glänzt, und spürt auf der Suche nach dem einzelnen gleichzeitig allen Wörtern nach, indem es sich «von Bild zu Bild treiben lässt». Wann hat je ein Dichter, mit Ausnahme von Rilke vielleicht, fern vom Topos der Inspiration oder vom Werkstattgespräch, so hellsichtig über die Essenz des Dichtens gesprochen?

Wer diesen wunderbaren, über neunzigjährigen Dichter noch zu dessen Lebzeiten entdecken will, derweil er dem Bussard nachspäht, der ihm, dem Auguren, Worte in den Himmel zeichnet oder solche, die «zwischen den Gipfeln wandern», schliesslich als Schnee auf unsere Füsse fallen lässt, hat dank der Übersetzung auch ohne Französischkenntnisse einen Schlüssel zur Hand.

Nur: Französisch bei Jaccottet ist, entgegen allen Klischees von Schnörkeln und Verspieltheit, eine Sprache von grosser Klarheit, die Luzidität und Raffinesse zulässt. Wechselt man vom Französischen ins Deutsche, zerfällt Jaccottets Poesie leider wie die Farben des Paon de nuit, des Nachtpfauenauges, das der Dichter in «Nacht und Frost» entlässt, als ob es, deutsch und gründlich aufgespiesst, im Schaukasten verbliche. Dann erklingt wenig von der «Milde», die Jorge Luis Borges in seiner «Ode an die deutsche Sprache» besang, und die deutsche Übersetzung scheint ebenso weit von der französischen Poesie Philippe Jaccottets entfernt, um es mit Borges zu sagen, wie die Algebra vom Mond.

 

Alternativen zum Ego

Jens Nielsen: Ich und mein Plural. Luzern: Der gesunde Menschenversand,2018.
besprochen von Hanna Widmer, Lehrerin, Zürich.

Ich, ich und nochmals ich. Jens Nielsen «ist» viele Ichs. Er geht nicht zimperlich mit ihnen um, sondern entlässt sie schonungslos in die weite Welt, die manchmal in Argentinien ist und manch­mal grausam. Er lässt das «Ich» auf der Flucht sein und zusehen, wie der Wind der Fliege auf der Windschutzscheibe ein Bein nach dem anderen ausreisst. Er lässt es zuschauen, wie eine Festgesellschaft sich an hochsteigenden Ballonen festklammert und auf dem Dachgiebel zerschellt. Oder er lässt es, «von der Arbeit» nicht mehr gebraucht und von den Mitarbeitern als Schuhabtreter verwendet, im Aufzug halb verwesen. In Nielsens Welt gibt es wenig, was in Stein gemeisselt ist. Dimensionen? 15 Meter hohe Riesenbabys! Anato­mie? Schwerkraft? Zeit? Gibt’s immer auch in Alternativversion.

Thematisch fein säuberlich geordnet, präsentiert Nielsen in sieben Teilen rund 50 Episoden in dieser so…