Schweizer Literaturpreise 2016

Deutsch, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch – nein, das ist nicht die Aufzählung der Schweizer Sprachen nach ihrer Gewichtigkeit oder Kaufkraft, sondern für einmal nur die alphabetische Reihenfolge der Zungen, in denen die mit dem diesjährigen «Schweizer Literaturpreis» ausgezeichneten Werke verfasst sind. Zum fünften Mal hat das Bundesamt für Kultur herausragende Neuerscheinungen des vergangenen Literaturjahres gewürdigt. Wir […]

Deutsch, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch – nein, das ist nicht die Aufzählung der Schweizer Sprachen nach ihrer Gewichtigkeit oder Kaufkraft, sondern für einmal nur die alphabetische Reihenfolge der Zungen, in denen die mit dem diesjährigen «Schweizer Literaturpreis» ausgezeichneten Werke verfasst sind. Zum fünften Mal hat das Bundesamt für Kultur herausragende Neuerscheinungen des vergangenen Literaturjahres gewürdigt. Wir stellen ihre Autoren auf den folgenden Seiten vor: Mit Mario Del Curtos Portraits der Schriftsteller in ihren Wohn- und Wirkstätten und mit Auszügen aus und Hintergründen zu den prämierten Werken. Das Abc der Preisträger, so wie es hier vorliegt, präsentiert denn auch eine andere Sprachfolge: Italienisch, Französisch, Deutsch, Rätoromanisch – und Arabisch. Denn der diesjährige Spezialpreis Übersetzung geht an den Arabisten Hartmut Fähndrich.

Mit dem Grand Prix Literatur 2016 wird der Tessiner Alberto Nessi ausgezeichnet, dessen Weg zum Schreiben er in einem Essay darlegt, den wir als Sonderpublikation dieser Ausgabe beifügen.

Schweizer Literaturpreise 2016: Giovanni Fontana, Massimo Gezzi, Yves Laplace, Antoinette Rychner, Ruth Schweikert, Monique Schwitter, Leta Semadeni

Photographie: Mario Del Curto 

Wir danken dem Bundesamt für Kultur für die Unterstützung bei der Lancierung dieses Schwerpunkts.

www.literaturpreise.ch

 

 

Giovanni Fontana

Man könnte Giovanni Fontana einen literarischen Spätzünder nennen, schliesslich ist «Breve pazienza di ritrovarti» das Debüt des 1959 in Mendrisio geborenen Autors. Wer aber weiss, dass Fontana sich schon seit Jahren und Jahrzehnten mit der Literaturgeschichte Italiens und des Tessins beschäftigt, muss zum Schluss kommen, dass ihm bisher einfach die Zeit gefehlt haben mag, seine düster-eleganten Short Stories ins Rampenlicht zu schreiben. Es ist auch nach der Bekanntgabe der Buchpreise Ende Dezember 2015 übrigens kaum leichter geworden, mehr über den Mann herauszufinden – was wiederum dafür spricht, dass ihm auch heute seine Zeit zu schade ist, um sie für die Vermittlung oder gar die PR der eigenen Kunst zu ver(sch)wenden. Daher nur so viel: Giovanni Fontana ist ein Gelehrter, ein (auch unter seinen Schülern) am Liceo cantonale di Lugano 2 für sein Wissen und seine gediegene Vermittlung sehr geschätzter Lehrer – und, wie wir nun endlich wissen, vor allem ein ebenso phantastischer wie unsentimentaler Kurzgeschichtenerzähler. Eine wirkliche «Entdeckung»!

 

 

Massimo Gezzi 

«Null», «eins», «die meisten der anderen», «die Zahl der Lebenden». Die Aufzählung von Massimo Gezzis Kapiteln, in die sich die «Il numero dei vivi»-Gedichte reihen, hebt logisch an, zerzaust sich und ihre funktionalen Grenzen aber bereits nach wenigen Seiten. Was bleibt: Körper, Brüder, durchstochene Lippen und Briefe an Freunde. Massimo Gezzi ist Dichter, Herausgeber, Übersetzer und Lehrer. Er wurde 1976 im italienischen Sant’Elpidio a Mare, südlich von Ancona, geboren und lehrt heute – nach Station in Bologna, Padua, Rom und Bern – in Lugano Italienisch.

 

 

Yves Laplace

Yves Laplace wurde 1958 geboren und lebt als Photograph, Fussballschiedsrichter und Schriftsteller in Genf. In «Plaine des héros» widmet er sich dem Genfer Georges Oltramare. Dieser Mussolini-Anhänger gründete in den 1930er Jahren eine faschistische Partei. Er prägt als grosser Abwesender alle narrativen Ebenen des Romans, der sich von 1930 bis 2032 erstreckt. Laplace vergegenwärtigt eine fremdenfeindliche, antisemitische Vergangenheit. Sein Material sind Fakten und Recherchen, die er einer sukzessiven Fort- und Umschreibung unterzieht. Er bringt dieses Verfahren mit der Metapher von den verblassenden, unmerklich vom Autor angepassten Kohlenpapierdurchschlägen kongenial zum Ausdruck. «Plaine des héros» ist ein musikalischer, polyphoner…