Schweizer Literaturpreise 2018

Bereits zum siebten Mal hat das Bundesamt für Kultur die herausragenden Neuerscheinungen des vergangenen Literaturjahres ausgezeichnet. Zum vierten Mal stellen wir Ihnen die Preisträgerinnen und Preisträger an dieser Stelle in Wort und Bild vor. Ladina Bischof hat die ausgezeichneten Autorinnen und Autoren in ihrem Arbeitsumfeld bildstark festgehalten. Zum Schwerpunkt gehört wie bewährt ein ergänzendes Online-Spezial. […]

Bereits zum siebten Mal hat das Bundesamt für Kultur die herausragenden Neuerscheinungen des vergangenen Literaturjahres ausgezeichnet. Zum vierten Mal stellen wir Ihnen die Preisträgerinnen und Preisträger an dieser Stelle in Wort und Bild vor.

Ladina Bischof hat die ausgezeichneten Autorinnen und Autoren in ihrem Arbeitsumfeld bildstark festgehalten.

Zum Schwerpunkt gehört wie bewährt ein ergänzendes Online-Spezial. Lesen Sie dort bisher nicht oder nicht auf Deutsch veröffentlichte Texte der Preisträger und lernen Sie neue Literatur aus allen Landesteilen der Schweiz kennen!

 

Schweizer Literaturpreise 2018: Fabiano Alborghetti, Dumenic Andry, Michael Fehr, Baptiste Gaillard, Yael Inokai, Friederike Kretzen, Jérôme Meizoz

Grand Prix Literatur 2018: Anna Felder
Spezialpreis Übersetzung: Yla von Dach

Photographie: Ladina Bischof

Die Redaktion des «Literarischen Monats» gratuliert allen Ausgezeichneten! Ferner danken wir dem BAK für die Unterstützung bei der Lancierung dieses Schwerpunkts.

  www.literaturpreise.ch

 

 


Fabiano Alborghetti

«Dalla fame s’impara 
anche in tempi moderni:
gli inverni
sono ora intervallo per la nuova stagione ed è finita la guerra.»

 Aus «Maiser» (Marcos y Marcos, 2017)

 

Fabiano Alborghetti erzählt in «Maiser» eine Geschichte aus dem Italien der frühen 1950er Jahre: Bruno, Sohn einer kinderreichen Bauernfamilie, und seine Frau packen ihre spärlichen Sachen, lassen die Heimat hinter sich und machen sich auf ins Unbekannte. Was sie weg- und vorantreibt: die Hoffnung auf eine bessere Zukunft im Tessin. Viele teilten in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg das Schicksal des jungen Ehepaars: erzählt Alborghetti von Bruno, erzählt er die Geschichte vieler. Es gelingt ihm, durch den individuellen Blickwinkel auf Bruno ein Porträt der gesellschaftlichen und historischen Realität des damaligen Italiens zu geben. Die Einzigartigkeit des Werks liegt aber hauptsächlich in der Form der Verserzählung. So kombiniert Alborghetti die lyrische Sprache mit der Härte der sozialen Wirklichkeit der einfachen Leute. Lyrik mitten im Leben also – es verwundert nicht, dass der 1970 geborene Lyriker Poesieprojekte an Schulen, Gefängnissen und Spitälern lanciert. Heute lebt und arbeitet der gebürtige Mailänder im Tessin. (ar)

Online von Fabiano Alborghetti: «Sabbiadoro». Sommerliche Reisereflexion in fünfzehn literarischen Zitaten, einem Kommentar der Ehefrau und einem Refrain.

 


Dumenic Andry

«ester est
ed ester
restast
sco fin qua
eir a chà»
 

Aus «sablun» (Chasa Editura Rumantscha, 2017)

 

Der Engadiner Romanist Dumenic Andry hat einen neuen Lyrikband vorgelegt, «sablun» (Sand). Die knapp achtzig Gedichte, durchgehend auf Rätoromanisch verfasst, nähern sich dem Titel der Sammlung in immer wieder neuer, hintersinniger Weise. Nicht jedes dieser Gedichte wird von der Sand-Metapher bestimmt, aber der Sand rieselt beiläufig durch diese poetischen Reflexionen und staut sich zwischen manchen Versen zu einer zarten Trutzburg gegen die Vergänglichkeit. Die beiden Opponenten Sand und Meer sind für Andry auch lyrische Symbole des Heimischen und Fremden. An ihrem natürlichen Konflikt illustriert er den Hader des Individuums mit seiner eigenen Haut, der Ergebenheit ins eigene Schicksal und Stellung in der Gesellschaft. Dieser Zwiespalt findet sich bei Andry auch in der Sprache – sein Spiel mit den Lauten des Vallader reflektiert die Uneinigkeit zwischen Selbst- und Fremdbild: «fremd bist du / und fremd / bleibst du / wie immer schon / auch zuhaus’.» (lc)

Online von Dumenic Andry: «…et omnia vanitas». Ein Essay über Ursprung und Hintergründe seines Gedichtes «Vanitas».

 

 


 

Michael Fehr

«[…]
sie prescht hinaus und weiter hinaus

gerät durch den Mond

den sie mit violettem Helm durchschlägt

rauscht weiter hinaus

bis an den toten Punkt

an dem das Licht der Sonne endet

‹Verflixt
welch Einfall
wie berauschend›
verkündet sie
obwohl sie nicht zu hören ist
[…]»

Aus «Welch Einfall» in «Glanz und Schatten» (Der gesunde Menschenversand, 2017)

 

Am Mittwoch, dem 12. Oktober 2012, las ich zum ersten Mal seinen Namen. Ich hatte den Verleger Urs Engeler gebeten, dem «Literarischen Monat» einen Text beizusteuern, in dem er Auskunft darüber geben sollte, mit welchen Autorinnen und Autoren hierzulande künftig «zu rechnen» sei. «Ich werde über den jungen Berner Autor Michael Fehr schreiben», antwortete Engeler, und tat das dann auch. Neben einem Primärtext des damals noch völlig unbekannten Fehr, dem vorabgedruckten ersten Satz aus seinem Debüt «Kurz vor der Erlösung», steht in der Dezemberausgabe 2012 Engelers Geleit: «Eine neue Stimme: das muss mehr sein als eine Stimme, von der Sie noch nicht gehört haben. Eine neue Stimme muss eine sein, die Neues sagt, die anderes sagt und anders klingt. Michael Fehr hat diese neue Stimme. Er hat eine Stimme, die aus einem Kopf spricht, der die Sachen in einem neuen Licht sieht und anders bespricht, im wörtlichen Sinne: Michael Fehr schreibt seine Texte nicht, er spricht sie, er erspricht sie, aufgrund einer starken Sehbehinderung. Michael Fehrs Sprache kann man mit Händen greifen, sie kann knorrig sein wie ein altes Stück Holz und scharf wie Salz. Michael Fehr kann leise sein wie Schnee. Sein Sinn ist Eigensinn. Wir werden von ihm hören.» Besser kann man es nicht sagen. Und Engelers Vermutung hat sich mehr als bewahrheitet: Heute, fünfeinhalb Jahre später, hat jeder Literaturbegeisterte von Michael Fehr gehört, und viele andere auch. Michael hat zweimal den Literaturpreis des Kantons Bern gewonnen (einmal für sein Debüt, einmal für «Simeliberg», sein bisher herausragendes Buch), den Kelag-Preis in Klagenfurt, nun den Schweizer Literaturpreis. Fehr, Jahrgang 1982, Freund der Redaktion und Juror unseres «Treibhauses», ist die herausragende literarische Stimme seiner Generation – in der Schweiz und darüber hinaus. Wir gratulieren herzlich! (mw)

Online von Michael Fehr: «Luthar Ginsbergs schriftstellerische Lesungen». Ein gewaltfreier Showdown zwischen Literatur und Bourbon mit Käsesandwich, von Fehr bissig inszeniert.

 


Baptiste Gaillard

«Spumosités affleurantes, du visqueux entre les plantes,
dans une flotte où il y a également d’autres substances,
des sécrétions comme s’en libèrent de sables bitumineux.
Des fluides en luisance entre des parties brutes de matières,
ou l’inverse selon les endroits.»
 

Aus «Un domaine des corpuscules» (Hippocampe éditions, 2017)

 

Baptiste Gaillard war Installations- und Objektkünstler, bevor er die Sprache zu seinem primären Arbeitsmaterial machte. In «Un domaine des corpuscules» – deutsch ungefähr: «Ein Reich der kleinsten Teilchen» – finden wir gleichsam eine lyrische Objektinstallation vor: eine Welt ohne Menschen. Doch diese Welt, sie bewegt sich doch: da sind feinste Sandkörner im Wind, zähflüssige Teersande, die Wüste, die sich in die Grünzone vorarbeitet. Blätter, die sich nachts zusammenziehen und tagsüber auffalten, die sich, mit Regenwasser vollgesogen, wegducken und dann wieder – «même si un seul air souffle» – in der Luft schaukeln wie nichts anderes auf der Welt. Und – hier könnte es eine Tinguely- oder Luginbühl-Installation sein – die Maschinen und die Fabriken, wo es rattert, dampft und zischt. Gaillard präsentiert diese Welt der Materie, der Teilchen in einer Poesie aus ganzen Sätzen, mit zuweilen eigenwilligen Zeilenumbrüchen. Baptiste Gaillard lebt in Genf. (sb)

Online von Baptiste Gaillard: «r a z». Auszüge aus dem Nachfolger des auszezeichneten Werks – Gaillards Poesie erstmals überhaupt auf Deutsch.

 


Yael Inokai

«…und es gab uns Kinder. Wir waren eine ganze Armee. Laut war das Kriegsgeheul, wenn wir in der Schule auf unsere Bänke trommelten, Fäuste gegen Holz, bis sie rot waren und schmerzten, kaum hatte der Lehrer den Raum verlassen. Es war die Vorbereitung für das Draussen, das uns zu allen Jahreszeiten gehörte.»

 Aus «Mahlstrom» (Rotpunkt, 2017)

 

Yael Inokai, 1989 in Basel geboren, lebt seit 2014 in Berlin. In ihrem Roman «Mahlstrom» lässt sie drei Perspektiven ineinanderfliessen, um die Historie eines Suizids in einer Dorfgemeinschaft zu erzählen. Eine junge Frau wird tot im Wasser gefunden, ihr Tod weckt unliebsame Erinnerungen. Aus dem anfangs gemächlich rotierenden Strom wird erzählerisch zunehmend ein reissender Strudel, in dem die Tote in doppelter Hinsicht verschwindet: einmal durch ihren Suizid, zum andern durch die Schilderungen der drei Erzähler – Kindheitsgefährten der Ertrunkenen –, die ihre Beweggründe kaum erhellen. Inokai hat keinen psychologischen, sondern einen poetischen Roman geschrieben, der die im Dorf latent pulsierende Gewalt in einer Ästhetik der Andeutung beschwört. Das geographische wird zum Symbol für das soziale Klima, das sich als Movens ins Geschehen einflicht. Und Inokais Sprache wirkt hier ähnlich täuschend wie die Landschaft: unter der zarten Schönheit staut sich eine Wucht, die zu tiefen Erschütterungen führt. (lc)

 Online von Yael Inokai: «auspacken, ankommen, schreiben». Reflexionen über Orte zum Arbeiten.

 


Friederike Kretzen

«Wir: Ein paar Leute. Das Land: Indien. Die Zeit: Vergangen. Die Handlung: Beschwörung. Wir suchen: Alexander. Wir vermissen: Günther. Wir finden: Die Bewegung…