Ins Leere

Ghislaine Dunant: Ein Zusammenbruch. Zürich: Rotpunkt, 2011.

Es ist die Geschichte eines Zusammenbruchs, ganz richtig. Auch die Geschichte einer Einlieferung, aber es folgt kein Flug über das Kuckucksnest. Kein Sturz in den Kaninchenbau. Keine Saxophonmusik im Hintergrund. Es ist ein fokussierter Blick ins Innere, in einen gar nicht so verborgenen Winkel, aber dennoch in ein grosses Geheimnis: Ein Mensch von hundert erleidet – statistisch gesehen – einen depressiven oder schizophrenen Zusammenbruch. Einer von hundert. Und keiner redet darüber.Vermutlich fehlt der dramaturgische Knalleffekt. Denn dieser eine Mensch von hundert rebelliert nicht gegen die Oberschwester, trifft weder die Grinsekatze noch den verrückten Hutmacher, sondern taumelt aus dem Leben in die Leere. Ohne Stolpern und Straucheln fällt er, plötzlich, ohne Seil, ohne Boden und ohne Ende. Und keiner redet darüber.

Ausser Ghislaine Dunant, Pariser Autorin mit Schweizer Wurzeln. Sie redet und daher ist ihr aktueller Roman «Ein
Zusammenbruch» beinahe ein Tabubruch. Ihre Hauptfigur ist der eine Mensch von hundert und erleidet den Absturz – eine unauffällige, namenlose Frau ohne Vorgeschichte oder zerrüttete Herkunft, vielmehr geerdet in Beruf und Umfeld. Dennoch, sie stürzt in die Leere und Dunant redet darüber, schildert den völligen Kollaps, den Verlust der Herrschaft über das eigene Sein und Fühlen, Tun, Erleben und Erfahren, Beherrschen und Kontrollieren. Kurz: hier erfährt sich ein Mensch nur noch als Abfolge von Organfunktionen, als biologische Überlebenseinheit mit Hunger, Harndrang, Haarwuchs. Was Dunant gelingt, ist nichts Geringeres als die schlichte Innenansicht einer Schizophrenie, ohne Pathos, ohne Panflöten, ohne Betty-Blue-Romantik.

Dunant sagt auf ihrer Homepage, dass sie «ohne Getöse» erzählen wollte. Die biologische Einheit durchläuft den krankheitstypischen Prozess der Selbstjustierung und psychischen Neukalibrierung in sich selbst und mit sich selbst: von der unkontrollierbaren Fassungslosigkeit zurück zur beherrschbaren eigenen Persönlichkeit. Ein Weg, den Dunant als einsame Wegstrecke darstellt: keine Klagen, kein Selbstmitleid seitens der Hauptfigur, keine Nebenhandlungen, keine Erklärungsversuche seitens der Autorin. Die Frau schafft es nach Wochen, erste Emotionen in sich wahrzunehmen, bewusst zu fühlen, Halt bei sich selbst zu finden, Aussenkontakte zu knüpfen und auf diese Weise Schritt für Schritt ins normale Leben zurückzukehren. Am Ende verlässt sie die tabuisierte depressive Leere, ein Mensch von hundert – und Ghislaine Dunant redet darüber. In einem beeindruckend nüchternen Buch.