«Andere würden Klavierstunden nehmen»

Wie es dazu kam, dass ich Klavierspielen lernte. Und ein Buch darüber schrieb.

«Andere würden Klavierstunden nehmen»
Hanna Johansen, fotografiert von Sébastien Agnetti (BAK).

Andere würden Klavierstunden nehmen. Ich nicht. So sind die Bremer, war von Sven Regener zu hören, sie haben Angst, sich zu blamieren. Ich vermute, Regener irrt, nicht was die Bremer betrifft, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie die einzigen sind.

Ich vermute auch, dass mich nicht die Angst vor der Blamage antreibt, es allein zu versuchen. Sind Lehrerinnen nicht dazu da, uns genau das zu ersparen? In der Schule funktioniert das vielleicht nicht immer ganz in diesem Sinn, aber private Klavierstunden sind eine andere Sache. Wenn ich fürs erste sehen will, wie weit ich allein komme, scheint es sich eher um eine sehr alte Lebensmaxime zu handeln. Dass sehr alte Lebensmaximen durchaus kontraproduktiv sein können, habe ich inzwischen zwar gelernt, aber es bleibt schwierig zu unterscheiden, wann das der Fall ist und wann nicht.

Die Maxime hat sich immerhin vielfach bewährt. Aber nicht nur. Als ich zehn oder zwölf war, wünschte ich mir nichts mehr, als Akkordeon zu spielen. Heute interessiert mich daran vor allem die Frage, warum ein Kind sich das in der Bundesrepublik von 1950 wünscht. Dieses Kind war so realistisch, sich nichts Utopisches zu wünschen, und dass Akkordeonspielen möglich war, wusste es von einer Klassenkameradin, die das konnte, und, wichtiger, von den Neffen der Mutter, die die Quetschkommode spielten. Aber was dem Wunsch Gewicht verlieh, war ein Traum. Einer von diesen Kinderträumen, die wir für etwas ganz eigenes halten, während sie in Wahrheit den Zeitgeist mit seinen Verlusten und Hoffnungen spiegeln, ein schmieriges Konglomerat, das sich am deutlichsten am populären Musikgeschmack ablesen lässt. Blaue Nacht, o blaue Nacht am Hafen. Und das schliesst keineswegs aus, dass darin wirklich persönliche Hoffnungen und Fragen sich artikulieren. Das Schifferklavier, oder wie immer wir es nennen wollen, stand für gute Stimmung in kleinen Runden. Aber es reichte weit darüber hinaus, es stand für die Seefahrt, das männliche Abenteuer, für Argentinien und den Tango, eine erwachsene Erotik, lauter Dinge, für die ich nicht das geringste Interesse hatte, als ich Akkordeon spielen wollte. Oder doch?

Ich hatte ein gut erhaltenes Instrument zu Weihnachten bekommen und dachte, ich könnte mir das Spielen selbst beibringen, wie es meine älteren Cousins gemacht hatten. Ich konnte es nicht. Alle meine Bemühungen endeten in Sackgassen. Traurig und beschämend war das. Dass ich Unterricht gebraucht hätte, wie ihn meine Klassenkameradin hatte, wusste ich nicht, und wenn ich es gewusst hätte, hätte das Geld dafür gefehlt. Vielleicht hätte es für ein Lehrbuch gereicht, aber ich wusste auch noch nicht, dass es das gibt.

Lehrbücher sind eine wunderbare Erfindung. Im A-4-Format und voller nützlicher Übungen. So habe ich in meinen Studentenjahren das Zehnfingersystem gelernt, um als Sekretärin mein Geld zu verdienen.

Ich kaufte ein Klavierbuch. Am ersten Tag sagte es mir, wie ich die Finger auf die Tasten legen und was ich mit ihnen machen sollte. Es war ganz einfach. Und damit fingen die Schwierigkeiten an. Meine Finger können die kompliziertesten Dinge tun, sie sind an Zusammenarbeit gewöhnt, nicht aber daran, ihre individuellen Rollen aufzugeben, um…

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Peter Stamm, Schriftsteller,
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