Von schlechten Eltern

Nächtliche Fahrten durch Vevey und Montreux, durch Seewen und Ödischwend. Ein schweigsamer Chauffeur, der VIP quer durch die Schweiz fährt, spielt die Hauptrolle in Tom Kummers Kurzgeschichte ganz in Schwarz-Weiss.

Von schlechten Eltern
Illustration von Michael Raaflaub.

01:30
Landstrasse, Fahrtrichtung Osten. Kein Gegenverkehr. Leere Dörfer, als gäb’s eine Ausgangssperre. Ich streichle das Lenkrad, das Leder der Handschuhe knirscht leise. Mein Fahrgast diktiert das Reiseziel. Im Kopf fahre ich, wohin ich will.

01:42
Eine Gerade nahe Lausanne. Die Strasse, matt, wie von Russ überzogen. Ich schalte alle Lichter aus, nehme beide Hände vom Steuer und gleite in die Dunkelheit, bis ein Wunder geschieht: Hinter der Windschutzscheibe erscheint ein Gesicht, männliche Nase, volle Lippen, blaue Augen.

Mehr als fünf Sekunden Geisterfahrt schaffe ich selten. Auf den Armaturen leuchten jetzt die Warnungen des Intelligent Driving Systems. Ich schalte die Abblendlichter wieder ein, drücke die rechte Hand zwischen meine Beine und kontrolliere den Rückspiegel. Mein Passagier schläft. Ich habe ihn vor der Genfer Zen­trale der Banque Nationale de Paris abgeholt. Er sei Geschäftsmann aus Dakar, Senegal, informierte die Zentrale. VIP-Status. Er spreche Französisch. Reiseziel: Hotel Bellevue, Bern.

01:53
Ich schlucke die rote Tablette. Sie soll mich wachhalten. Drücke meine Hand tiefer in den Schoss. Fühlt sich an, als ob sich elektrisch geladene Fäden von meinen Fingern durch den Körper spannen. Bei Vevey gleite ich auf die Autobahn, weiter östlich erscheinen Umrisse, wie von einer verbrannten Stadt: Montreux. Mein Blick fällt auf das Foto am Armaturenbrett. Es zeigt Vincent und Sebastian mit ihrer Mutter. Ich starre sie an, als seien sie eine Antwort schuldig.

Rückfahrt Richtung Westen. Mittelerde. Skelettiertes Land. Murg, Seewen, Ödischwend, Arn. Der See gefüllt mit Schlamm, darüber rotes Licht. Ich halte den Wagen am Rastplatz mit Panorama, öffne die Fenster, das Schiebedach. Über der anderen Seeseite sticht ein Flugzeug in den Himmel. Alles ruhig, die Landschaft geplündert, kahlgefressen. Stille, Totenstille.

Irgendwann erwacht mein Passagier. Er hustet. Ich blicke in den Rückspiegel. Er schaltet sein iPad ein. Er ist kräftiger Afrikaner, Anfang vierzig, im viel zu engen Nadelstreifenanzug, mit roter Krawatte, Siegelring am Mittelfinger, ein Silberzahn glänzt im halb geöffneten Mund.

Er fragt jetzt, wie lange die Fahrt noch dauere.
Nicht mehr so lange, sage ich.
Er nickt und schaut durch das Seitenfenster. Auf dem Pannenstreifen stossen Strassenarbeiter schwerbeladene Schubkarren Richtung Norden.

02:12
Was ist das für eine Gegend, fragt er.
Greyerz. Hier wird Käse hergestellt.
Dieser berühmte Käse mit den grossen Löchern?
Nein, kleine Löcher.
Er starrt wieder auf sein iPad, dann kurz in meinen Rückspiegel.
Ein See taucht in der Dunkelheit auf, die Oberfläche wie Glas.
Lac de la Gruyère, sage ich. Der längste Speichersee der Schweiz.
Er starrt ins Schwarze.
In diesen Gewässern trieb ich als Kind.
In einem Ruderboot. Vater fischte nach Forellen.
Mittendrin liegt eine Insel, öde und gottverlassen.
Von wo kommen Sie, fragt mein Fahrgast.
Bern.
Sie sprechen Französisch mit englischem Akzent.
Ich nicke in den Rückspiegel und ziehe die Hand zwischen meinen Beinen hervor.
Hab lange in den USA gelebt.
Ich schalte das Radio ein, SRF2 spielt klassische Musik. Der Gegenverkehr nimmt zu. Bei Freiburg verlasse ich die Autobahn.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»