Windeln

Wie das Baby schreit und schreit und schreit. Wie furcht­bar langsam der kleine Mazda durch die Gegend zu kriechen scheint und in was für einen stickigen, feuchten Dunst aus Tränen, Rotz und sabbernder Spucke das Geschrei ihn einhüllt. Megan knirscht mit den Zähnen und schaut zu Steve hinüber. Er hält mit weiss gekrönten Fingerknöcheln das […]

Windeln

Wie das Baby schreit und schreit und schreit. Wie furcht­bar langsam der kleine Mazda durch die Gegend zu kriechen scheint und in was für einen stickigen, feuchten Dunst aus Tränen, Rotz und sabbernder Spucke das Geschrei ihn einhüllt. Megan knirscht mit den Zähnen und schaut zu Steve hinüber. Er hält mit weiss gekrönten Fingerknöcheln das Lenkrad umklammert und starrt nach vorn, auf die sich endlos ineinander verschlingende Naht aus gelben Markierungen. Die Kilometer türmen sich vor ihnen auf, es gibt keinen Weg, sie zu verringern, keine Oase, welche die Langeweile durchbrechen könnte, nicht einmal ein paar zerstreute Lichter, die den Blick von der Dunkelheit ablenken würden, die sich so erbarmungslos vor ihnen ausbreitet.

«Wie weit ist es noch?», fragt sie. «Soll ich ihn mal nehmen? Steve?»

«Noch ungefähr hundert Kilometer», knurrt er.

«Soll ich ihn nehmen? Steve?»

Der junge Vater wirft einen Blick über seine Schulter auf Bryce. Das Gesicht des Babys ist in einer Farbe irgendwo zwischen Scheunentorrot und Auberginenviolett angelaufen und die Adern auf seiner Stirn und seinem Hals sind derart angeschwollen, dass es so aussieht, als würde es erwürgt. Tatsächlich scheint der kleine Junge so heftig zu weinen, dass er womöglich keine Luft mehr bekommt. Er schreit nun schon seit über einer Dreiviertelstunde, seit sie das letzte Mal vor einer Tankstelle Halt gemacht haben. Die Trucker und Holzfäller dort taten so, als würden sie Megan nicht bemerken, wie sie auf dem beengten, überfüllten Rücksitz sass und dem Baby die Brust gab. Sie hatte sich eine Decke über die Schulter drapiert und starrte mit weissgespitzten Lippen ins Leere, während Steve auf dem Fahrersitz sass und den draussen mit ihren Dosenbier-Sixpacks, folienverpacktem Dörrfleisch und Kartoffelchips vorüberziehenden wildfremden Männern ein gezwungen heiteres Nicken zuwarf.

«Das geht doch nicht. Was ist, wenn man uns anhält? Womöglich kommen wir dann ins Gefängnis», wendet Steve ein.

«Also ich nehme ihn jetzt», sagt sie, ignoriert Steves Bemerkung, dreht sich um und streckt die Arme nach dem Baby aus, wobei sie mit ihrem Hinterteil gegen seinen Arm stösst. «Wir haben seit einer halben Stunde kein anderes Auto mehr gesehen. Ich riskiere das jetzt.»

«Aber was, wenn ein Reh auf die Strasse läuft? Komm schon, Megan, bitte lass es doch.»

Aber Bryce liegt bereits in ihren Armen und im nächsten Moment heulend auf ihrem Schoss, während sie sich erst ihren BH aufhakt und dann den Sicherheitsgurt wieder anlegt. Als sie sich das Baby an die Brust drückt, wird es sofort still.

«Das ist doch bescheuert», murmelt Megan. «Echt bescheuert. Warum tun wir uns das an? Andere Leute fahren mit einem Neugeborenen nicht so weite Strecken. Die machen so was einfach nicht. Die sorgen dafür, dass ihre Verwandten zu ihnen kommen, und bleiben schön zu Hause. Das war auch genau das, was die Hebammen uns geraten haben.» Ihre Stimme wird immer lauter. «‹Verlassen Sie das Bett erst gar nicht›, haben die gesagt. ‹Ziehen Sie die Vorhänge zu, schlafen Sie sich aus. Entspannen Sie sich.› Und was tun wir? Genau das Gegenteil! Genau das scheiss-verdammte Gegenteil!»

«Herrgott nochmal, du brüllst ja. Kannst du bitte aufhören, hier rumzubrüllen!»

Sie zieht die Beine auf den schäbigen Beifahrersessel zum Schneidersitz hoch und starrt in die blauschwarze Nacht des nördlichen Wisconsin hinaus. Es gibt nichts zu sehen. Endlose Kilometer Balsamtannen und Weisskiefern und Espen, und hier und da ein paar Tamaracklärchen, die sich mit ihrem schwachgelben Leuchten ein wenig von der Dunkelheit abheben. Keine Lichter, nirgends, abgesehen von dem Armaturenbrett, vor dem Steve sitzt und in dem ein paar Anzeigen leuchten, während die meisten anderen schon vor langer Zeit kaputtgegangen sind. Bryce hört auf zu nuckeln, fängt wieder an zu schreien und verweigert Megans Brust, ganz gleich, wie sehr sie sich bemüht, ihm den Nippel in den Mund zu stecken und zum Saugen zu überreden, ganz gleich, in welcher Position sie ihn hält, ganz gleich, welche Versprechungen sie ihm mit einschmeichelnder Stimme vorsingt. Ein verzweifeltes, hilfloses Gefühl breitet sich im Auto aus, wie ein tödliches Gas. Megan spürt, wie ihr die Augen nach hinten rollen, und wird von dem flüchtigen Verlangen überkommen, zwei Alprazolam einzuwerfen und eine Zeichentrickserie nach der anderen zu gucken; Steve überlässt sich für einen kurzen Moment der Fantasiewelt eines anderen Lebens, sein Leben, wie es früher war, ein Leben, in dem er nie geheiratet hat, sechs Tage die Woche als Barkeeper arbeitet, gelegentlich mit der Kellnerin von Applebee schläft, um ein Uhr nachmittags Flipper spielt und dabei ein kaltes, helles Bier trinkt.

«Und was jetzt?», fragt Steve.

«Ein verstopfter Milchkanal», antwortet sie und verzieht schmerzlich das Gesicht. «Deshalb hat er auch den Kopf weggezogen. Auuuu. Er muss auch mal auf die andere Seite.»

Sie dreht das Baby um und legt es an die andere Brust an. Bryce stösst einen letzten, tiefen, leidenden Seufzer aus und stürzt sich dann ihrem Brustkorb entgegen. Seine kleinen Hände umrahmen ihre Brust, und im Auto wird es wieder still.

«Ist er okay?», flüstert Steve.

Megan schaut auf das Baby herab. Sie berührt seine Stirn leicht mit einem Finger, findet die Tränen, die immer noch an seinen heissen, roten Wangen kleben, schöpft sich das Salzwasser in das Oval ihres Fingernagels und trinkt es. Dann zeichnet sie mit den Fingernägeln die winzigen Muschelschalen seiner Ohren nach.

«Er ist absolut vollkommen», antwortet sie. «Die Seite hier ist okay. Die Milch fliesst wieder.»

Sie fahren weiter, in einem dankbaren, gelähmten Schweigen.

*

Knute Barneson wurde einen Tag nach dem Tod von Steves Grossmutter Esther zum Einsiedler. Er verliess kaum noch sein Anwesen, was auch die 45 000 Kilometer auf dem Tacho seines Dodge-Ram-Pick-ups von 1984 bezeugen. Von Knutes Nachbarn, aber auch von seinem Landbriefträger wurden Steve immer wieder Geschichten zugetragen, von denen nicht wenige ziemlich alarmierend waren. Es waren seltsame Telefonanrufe, die Steve da erhielt, von Menschen, die ihm nahezu vollkommen fremd waren, Menschen, die dort im Wald zu Hause waren und die ihm von Knutes Unfällen und Missgeschicken berichteten. Sie erzählten ihm, wie Knute einmal zehn Meter aus seinem Hochsitz gestürzt und seinen rechten Oberschenkel auf einem abgeknickten Kiefernschössling aufgespiesst hatte. Oder wie er sich erst mit der Kettensäge geschnitten und die Wunde dann mit einer weissglühenden Brechstange ausgebrannt hatte. Wenn man Knute zu diesen Unfällen befragte, dann verzog sich sein Mund zu einem leichten Lächeln und er knurrte: «Davon hast du also gehört, hm? Tja, die war gar nicht so ohne, diese kleine Wunde.»

Er wohnte auf dreissig Hektar Land in der Nähe eines Ortes namens Alvin, der nicht weit von der Grenze zwischen Wisconsin und Michigan entfernt lag und dem schon vor langer Zeit jeglicher Schwung und Kommerz abhandengekommen war. Knute hatte das Land in den Sechzigern für einen Spottpreis als Jagdrevier gekauft, aber sobald er sich aus seinem Job an der Wall Street in den Ruhestand verabschiedet hatte, war er zusammen mit Esther hierhergezogen und hatte hier seinen Wohnsitz aufgeschlagen. Als Steve Knute zum ersten Mal besucht hatte, damals, als noch alle Barnesons zumindest höflich miteinander umgegangen waren und als sein Vater und Grossvater den Kontakt noch nicht abgebrochen hatten, gab es in Alvin ein Anglergeschäft, eine Tankstelle, einen Tierpräparator und ein paar Kirchen. Doch als sie jetzt durch den Ort fahren, sind all diese Gebäude in tiefste Dunkelheit getaucht. Selbst die so bibeleifrige Gemeinde der Pfingstkirche hat ein ZU-VERKAUFEN-Schild in ihrem Vorgarten aufgestellt.

«Und, bist du nervös?», fragt Steve seine Frau und wirft dann einen Blick auf Bryce, der auf dem Rücksitz liegt. Die Füsse des Babys beginnen zu strampeln und es hält die kleinen Fäuste vor den Augen zusammengeballt.

«Warum sollte ich das sein?»

«Nun, er ist halt so… Ach, ich weiss auch nicht. Er ist mein Opa. Aber ich weiss, wie seltsam er sein kann.»

Megan legt ihre Hand auf Steves blassen Oberschenkel und drückt ihn. «Er ist einfach nur ein grosser Teddybär», sagt sie dann. «Und ich möchte, dass Bryce seinen Urgrossvater kennenlernt. Erinnere mich daran, wir müssen unbedingt ein Foto mit euch dreien zusammen machen. Drei Generationen.»

Als sie ankommen, steht Knute im schmutziggrauen Licht neben seiner Feuer­tonne und nährt die Flammen mit blutbesudelten Fleischverpackungen aus Styropor. Er nimmt keine Notiz von ihnen, als sie vor das Haus vorfahren, und Megan fallen sofort die viel zu grossen Kleider des alten Mannes auf. Sie hängen ihm am Leib wie die Lumpen einer Vogelscheuche. Steve bringt den Mazda auf Knutes Kiesauffahrt zum Halten, direkt vor seinem alten Farmhaus, und Bryce fängt wieder zu weinen an.

«Geht es deinem Opa gut?», flüstert Megan. «Er sieht so…», sie hält inne. «Er sieht so gebrechlich aus.»

«Ach was», sagt Steve. «Dieser alte Kauz, der ist unzerstörbar.» Dann schlägt er die Fahrertür zu und geht zu seinem Grossvater hinüber, ohne das Baby auch nur eines Blickes zu würdigen. Megan löst den Sicherheitsgurt des Kindersitzes, zwängt sich mit dem Baby auf den Rücksitz und stillt es erneut. Ihre Brüste sind geschwollen und schmerzen und das war genau eins dieser Dinge, über das sie sich im Vorfeld Gedanken gemacht hat: das Baby vor Knutes Augen stillen zu müssen. Sie sieht zu, wie Steve auf seinen Grossvater zugeht und ihm seine warme, weiche Hand hinhält.…