Ich werde bei Regen nicht nass

Einfühlungsvermögen ist keine Stärke des Ich-Erzählers aus T. C. Boyles Kurzgeschichte. So hält Brandon es für eine gute Idee, eine mental labile Frau aus einer Bar werfen zu lassen, weil sie ihn bei seinem Jack Daniels mit Cola stört. Oder zwei seiner Freunde zu verkuppeln, weil sie beide übergewichtig sind.

Ich werde bei Regen nicht nass

VALENTINSTAG

Den vergangenen Valentinstag habe ich mit Nola, meiner Frau, in Kingman, Arizona, verbracht. Wir waren im Motel 6, gleich an der I-40. Sie werden vielleicht einwenden, dass Ihnen Kingman, Arizona, nicht gerade wie der ideale Ort für einen romantischen Kurzurlaub erscheint (und wer würde Ihnen da widersprechen?), aber Nola und ich sind seit fünfzehn Jahren verheiratet, und romantische Gefühle kommen und gehen – manchmal wallen sie heiss auf, dann wieder kühlen sie etwas ab, und wir brauchen ganz bestimmt keinen besonderen Tag oder Ort dafür. Wir sind nicht sentimental. Wir schenken uns keine herzförmigen Schachteln voller Süssigkeiten oder hübsche Karten mit vorgedruckten Liebesbekundungen, wir küssen uns nicht in der Öffentlichkeit und sagen nicht zwanzigmal am Tag «Ich liebe dich». (Mir sind Paare, die das tun, immer etwas suspekt – mal ehrlich: Wem wollen sie eigentlich was vormachen?) Ausserdem wollten wir Nolas Vater besuchen, der in den Achtzigern ist und in einem Trailer Park keine zwei Kilometer vom Motel entfernt wohnt, so dass man bequem zu Fuss hingehen und dann in der sogenannten Old Town herumspazieren kann, wo es ein paar Bars und Restaurants und die Trödelläden gibt, in denen meine Frau gern nach Schnäppchen stöbert.

War es eine billige Absteige? Aber ja. Wir hätten uns auch was anderes leisten können, aber das Motel 6 gefällt uns – jedenfalls, wenn wir in Kingman sind. Es ist zwar keineswegs ideal, aber wenigstens mal was anderes. In den frühen Morgenstunden kriecht ein Streifenwagen der örtlichen Polizei über den Parkplatz. Kennzeichen werden überprüft, und hin und wieder wacht man davon auf, dass vor einem der anderen Zimmer jemandem Handschellen angelegt werden – etwas, das man in Kalifornien nicht alle Tage zu sehen bekommt. Ausserdem kampieren ein paar magere weisse Obdachlose in dem ausgetrockneten Bachbett hinter dem Motel. Manchmal erschrecke ich, wenn ich abends rausgehe, um ein bisschen frische Luft zu schnappen, und einer von ihnen aus der Dunkelheit auftaucht, aber es ist noch nie was passiert, ich bin nicht mal um eine Zigarette oder Kleingeld angehauen worden.

Nachdem wir am Valentinstag meinen Schwiegervater besucht und ihn zum Mittagessen ins «Denny’s» eingeladen hatten, dem einzigen Restaurant, in dem er etwas ass, begann Nola ihre Runde durch die Trödelläden und Antiquitätengeschäfte, während ich die Bar ansteuerte. Dort wollten wir uns, wenn sie fertig war, treffen, etwas trinken und dann auf ein paar Margaritas und Enchiladas in das mexikanische Restaurant gehen. Ich war schon einige Male in dieser Bar gewesen. Früher gehörte sie zu einem Hotel, das inzwischen geschlossen ist; es ist ein riesiger, höhlenartiger Raum mit einer hohen, mit Blechen verblendeten Decke, einer langen, verschrammten Theke, drei Billardtischen und einer Jukebox, die in Stadionlautstärke die Hits der Sechziger und Siebziger spielt. Die Tür steht immer offen, damit der Laden ein bisschen von dem besten Licht abkriegt, das es gibt – nämlich das, was keinen irgendwas kostet –, und auf der anderen Strassenseite ist ein Gespinst aus Gleisen, auf denen endlose Güterzüge durch den Ort fahren. Wenn man den Blick von seinem Bier oder Gin Tonic hebt, sieht man…

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»