Die Arroganz des Eingeweihten

Ilija Trojanow: EisTau. München: Hanser, 2011.

Unsere Zeit in einem Buch zu erfassen, könnte durchaus auch heissen, einen Roman über die Zerstörung der Natur durch den Menschen zu schreiben, eine mit Fleisch und Farben gefüllte Kritik der instrumentellen Vernunft. Schonungsloser Spiegel unserer alltäglichen Bequemlichkeit. Synthese von genauer Naturbeschreibung und littérature engagée. Erzählungen wie «Onkel Toms Hütte» seien besser geeignet als moralphilosophische Abhandlungen, so der amerikanische Philosoph Richard Rorty, uns für soziale Gerechtigkeit zu sensibilisieren. Warum also nicht auch für die Gefährdung des ökologischen Gleichgewichts?

«Wir brauchen die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder vorstossen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns», schrieb schon Franz Kafka. Ilija Trojanows neuer Roman «EisTau» nimmt den Prager Dichter beinahe wörtlich: er erzählt die Geschichte der Liebe zwischen einem Mann und einem Sterbenden: als «sein» Alpengletscher wegschmilzt, zieht sich der Glaziologe Zeno Hintermeier aus dem Wissenschaftsbetrieb zurück und wird Expeditionsleiter auf einem Kreuzfahrtschiff in der Antarktis. Trojanow, dem weltläufigen Reporter, dem spitzfedrigen Autor politischer Texte und vor allem dem wortgewaltigen Schöpfer des Meisterwerks über den «Weltensammler» Richard Burton, möchte man es zutrauen, im Leser die Leidenschaft für Eisberge so zu entfachen, dass dieser nach der Lektüre angehalten ist, sein Leben zu ändern.

Brillant geschrieben – mit pointierten Dialogen, anschaulichen Schilderungen, collagierten Zwischenkapiteln, die das Ende vorwegnehmen – ist «EisTau» allemal. Und dennoch lässt die Geschichte kalt. Die Nebenfiguren bleiben blass, vor allem aber irritiert der Protagonist: Zeno legt sich trauernd aufs Geröll, identifiziert sich mit einem fallenden Sturmvogel. Seine Liebe zur Natur erscheint als narzisstisches Selbstmitleid und schreckt nicht vor Sacher-Masochschem Pathos zurück: «…der Wind watscht mich ab, er hat jedes Recht, mich zu strafen, für meine Bequemlichkeit, für unsere zivilisatorische Todsünde, die das Prinzip des Lebens negiert…» Aus der selbst diagnostizierten «Arroganz des Eingeweihten» wird pauschaler Menschenhass. Die Antwort auf Gewalt kann folglich nur wiederum Gewalt heissen. Für sogenannte «Klimaskeptiker» also geradezu eine Einladung, Zenos «Wutlawinen» als Beleg dafür zu lesen, dass ökologisches Engagement im Grunde nur der Ego-Trip verbitterter Besserwisser sei. Alle anderen sparen Strom – und machen die Leselampe für einmal etwas früher aus.