Das Feuer

Treibhaus: Gewinnertext 1 / 2015

Das Feuer

Ich habe immer gedacht, diese Geschichte, die glaubt mir doch keiner, wenn schon, hätte ich mit ihm schlafen müssen, dann hätten die Leute mir vielleicht geglaubt, weil die Leute sind das gewohnt, Geschichten von Polen, die mit blauäugigen Zwanzigjährigen schlafen, aber so, wie es wirklich war, so nimmt mir das keiner ab, und ich bin jeden Morgen über die Brücke gegangen, unter der der schneeerstickte Fluss träge dahinströmte, und habe mit niemandem darüber gesprochen.

Ich traf ihn an einem kühlen Tag im November, als ich auf einer Bank im Wald sass, auf meinen Knien ein aufgeschlagenes Buch über Wahrscheinlichkeitsrechnung, das ich für die Uni lesen musste und auch gelesen hätte, wenn meine Augen nicht so müde gewesen wären. Das Herbstlicht machte mich schläfrig. Durch das Zweiggeflecht der kahlen Bäume sickerte weiss der Himmelsschimmer und sammelte sich in den Pfützen, welche noch vom letzten Regenschauer übrig waren. Ich lehnte mich zurück und atmete die kühle Luft ein, die nach Harz und feuchter Erde roch. Da setzte sich ein junger Mann neben mich, zwischen den Fingern eine Zigarette, und ich dachte, ich sollte nach Hause gehen, dachte, etwas Tabak vorher wäre schön, und fragte ihn nach Feuer für meine eigene Zigarette.

«Feuerzeug oder Streichhölzer?», sagte er, mit einer Ernsthaftigkeit im Gesicht, die an Bestürzung grenzte. Sein Haar war blond, aber wenn ich später über ihn hätte sprechen müssen, ich hätte von schwarzem Haar erzählt, Rabenfedern, Aschehaar.

«Spielt es denn eine Rolle?»

«Ich weiss nicht. Für mich spielt es eine Rolle.»

«Warum?», sagte ich.

Er zuckte mit den Schultern und klaubte eine Schachtel Streichhölzer aus seiner Hosentasche, hielt sie mir hin. «Egal. Ich habe sowieso nur Streichhölzer dabei.»

«Ja. Schon gut.» Ich steckte mir die Zigarette an und zog den Rauch tief ein. «Danke.»

Eine Weile rauchten wir schweigend, und ich sah seine Hände an, schmale Hände, die die Zigarette hielten, wie man etwas Zerbrechliches, Fremdes hält, ein Vergissmeinnicht vielleicht oder das Kind seiner Nachbarn, und ich dachte, dass er sich das Rauchen wohl nicht gewohnt war, aber seine Fingerspitzen waren Kettenraucherfingerspitzen, gelb vom Nikotin.

«Es interessiert mich», sagte ich nach einer Weile.

«Was?»

«Was der Unterschied ist. Der Unterschied zwischen Feuerzeug und Streichholz.»

«Ach», sagte er, «das.»

«Ja», sagte ich.

Ich sah ihm zu, wie er über seine Stirn und seine Bartstoppeln fuhr und das Gesicht für einen Augenblick in seinen Händen vergrub, als würde ihn die Frage blenden, als wäre er ein Igel im Scheinwerferlicht meines Blicks.

«Es ist nicht so leicht zu erklären, tut mir leid», sagte er schliesslich. Er deutete auf mein Buch. «Was liest du da?»

Als ich ihm den Titel zeigte, hob er bedauernd die Schultern und sagte, damit könne er nichts anfangen, er sei in der Schule immer schlecht gewesen in Mathematik.

«Im Grunde geht es bloss darum, zu berechnen, wie wahrscheinlich es ist, dass ein bestimmtes Ereignis -eintritt», sagte ich. 

Er nickte ernst. «Magst du es?»

«Ja.»

«Und warum?»

Ich band mir die Haare zu einem Pferdeschwanz und schaute auf die toten Blätter zu meinen Füssen und dachte über seine Frage nach und war froh, als mir eine Antwort einfiel, eine wahre noch dazu. «Ich glaube, es ist, weil die Wahrscheinlichkeitsrechnung ziemlich viel aussagt über das Wesen der menschlichen Erkenntnis. Jeder Laie findet mit zwei, drei Mausklicks heraus, dass die Wahrscheinlichkeit, bei einem Flugzeugabsturz zu sterben, bei eins zu 2,2 Millionen liegt, aber kein Mathematiker der Welt kann dir sagen, ob du sterben wirst, wenn du ins Flugzeug steigst.» Als er schwieg, sagte ich: «Wie heisst du?»

«Kamil.»

Um uns herum war die Luft grau vom Zigarettenrauch, ein Ton, der mich an die horizontale Verschmelzung von Meer und wolkigem Himmel erinnerte und an die sprichwörtliche Farbe der Katzen bei Nacht. «Ich bin Alma.»

«Alma», sagte er, «schöner Name.»

«Deiner auch. Woher kommt er?»

«Polen.» Er zögerte, krümmte seine Schultern, drückte die Zigarette auf dem bleichen Parkbankholz aus. «Ich bin da aufgewachsen. Es gab ein Haus an einem Fluss, wo ich gewohnt habe mit meinen Eltern, bis ich neunzehn war.»

Ich nickte und nahm einen tiefen Zug von meiner Zigarette und betrachtete die grünschimmernden -Äderchen auf meinen Handrücken. Der menschliche Körper ist nichts Schönes, dachte ich und fragte mich, ob ich nachhaken sollte bei der Kindheit in Polen. Ich entschied mich dagegen.

«Es ist kalt heute», sagte ich, «kälter als letzte Woche.»

«Ja.» 

Mit klammen Fingern schnippte ich den Stummel meiner Zigarette ins Gebüsch. «Man spürt den Winter kommen.»

«Alma?», sagte Kamil.

«Was?»

«Ist es wahrscheinlich, dass ein Auswanderer nach Hause zurückkehrt, um das Haus seiner Eltern anzuzünden?»

Ich blickte auf. «Ich weiss es nicht. Für die Wahrscheinlichkeitsprüfung habe ich noch nicht gelernt. Warum fragst du?»

«Sie sind beide tot», antwortete er, als würde das etwas erklären. «Vor ein paar Wochen ist mein Vater gestorben. Ich war nicht bei der Beerdigung.»

«Das kann ich verstehen.»

Er sah mich an und lächelte, beinahe scheu. «Das glaube ich nicht.»

«Dann erklär es mir.»

Während ich darauf wartete, dass er antworten würde, zog ich mit dem Fingernagel Rillen in die aufgeschlagene Seite des Buches. Es fing bereits an zu dämmern, eine abendliche Bläue stieg aus dem Boden und verdichtete sich im Unterholz. Die Bäume griffen mit ihren nackten Händen nach dem Himmelstuch, das sich verdunkelte auf diese langsame, blasse Weise, die in ihrer Friedlichkeit einen Winterabend von den Sonnenuntergängen des Sommers unterscheidet. Kamil sagte lange nichts, ehe er zu erzählen anfing.

 «Als ich ein Kind war, sassen auf der Wiese vor unserem Haus immer ganz viele Raben. Ich weiss noch, wie ich über das Feld gerannt bin und sie verjagt habe und wie der Wind meine Regenjacke bauschte und wie Vater und Mutter auf der Bank unter dem Vordach sassen und mir zusahen und lachten dabei. Dieses Lachen, das ist mir geblieben, aber geredet haben wir schon damals nicht viel, und später auch nicht mehr. Ich verliebte mich zum ersten Mal mit siebzehn.» Kurz hielt er inne. «Ich kannte Filip aus der Schule, und in diesem einen Sommer zelteten wir oft im Wald nahe der tschechischen Grenze und badeten im Fluss und machten abends Feuer und schossen Fotos mit seiner -Sofortbildkamera. Einmal, ganz spät in der Nacht, da waren wir ein bisschen betrunken und küssten uns. Später, als wir auseinandergingen, -ziemlich still und unauffällig, so, wie wir zusammengekommen waren, weinte ich und steckte alles, was mich an ihn -erinnerte, in eine Schachtel, die Fotos, einen zusammen gefundenen Stein, Briefe, die ich ihm geschrieben und nie abgeschickt hatte. Ich versteckte die Kiste gut, aber meine Eltern fanden sie trotzdem, als sie mein Zimmer durchsuchten, weil sie das Gefühl hatten, ich verhielte mich merkwürdig. Als ich nach Hause kam, schrien sie mich an und steckten die Schachtel in den Ofen und Vater zündete sie an mit seinem Feuerzeug. Kurz darauf zog ich aus und kam nach Deutschland und beschloss, mein ganzes Leben lang nur noch Streichhölzer zu benutzen.»

Es war jetzt schon beinahe dunkel.

«Kamil?», sagte ich leise.

«Ja?»

«Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Auswanderer nach Hause zurückkehrt, um sein Haus anzuzünden, liegt -vielleicht auch etwa bei eins zu 2,2 Millionen.»

Er nickte.

«Und ich dachte nur, wenn du es nicht sowieso schon weisst, solltest du wissen, dass letzte Woche ein Flugzeug abgestürzt ist.»

Eine Weile sah er mich schweigend an. An seinem Gesicht haftete die Dunkelheit und machte es weicher, -vertrauter, als es mir bei Tageslicht vorgekommen war. Er schloss die Augen und öffnete sie wieder.

«Danke», sagte er.

Dann stand er auf und ging.