Dana Grigorcea: «Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen»

Dana Grigorcea:
«Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen»

 

«Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen» – der Titel klingt nicht nur nach einer Anlehnung an Anton Tschechows Meisterwerk, nein, Dana Grigorceas Neuerscheinung ist eine Hommage an die wohl bekannteste Novelle des russischen Literaten. Die aus Rumänien stammende und in Zürich wohnhafte Autorin entführt den Leser in eine moderne Spielart der Erzählung: Mit Auto und Navigationsgerät ist man unterwegs, die Frau als Jägerin und der Mann von der Sorge zerfressen, durch eine Affäre gegen die moralischen Normen zu ver­stossen. Der Schriftstellerin gelingt in der Umkehrung des Rollenverständnisses eine bemerkenswerte Natürlichkeit der Charakterzeichnungen, der nichts Konstruiertes oder Zynisches anhaftet.

Handelt es sich bei Tschechow um einen älteren Mann, Dmitri Dmitritsch Gurow, der an der Jaltaer Strandpromenade «kurz vor dem Verwelken» mit der blutjungen Anna Sergejewna eine Liebschaft beginnt, so angelt sich bei Grigorcea die deutlich ältere Anna den jugendhaften Gürkan. Dieser zeigt sich kokett, naiv und zurückhaltend – so wie viele russische Schriftsteller das weibliche Geschlecht zur Zeit der Industrialisierung und der Belle Epoque zeichneten. Und wie bei Tschechow realisiert die Figur, die im Fokus steht, erst nachdem sich die gemeinsamen Wege getrennt, Laubblätter zu fallen begonnen haben und es allmählich auf den Herbst zugegangen ist, was ihr die andere Person im Grunde bedeutet. So erfährt man über Anna: «Sie erinnerte sich an die Gespräche mit Gürkan und entdeckte jetzt in deren Schlichtheit eine Wahrhaftigkeit, die alle Dinge im Leben an ihren angedachten Platz bringt, eine Ruhe, die Annas Leben abhanden gekommen war.» Auch bei Gürkan setzt sich ein Prozess in Gang: allmählich erlangt er die Fähigkeit, die Intensität seiner Gefühle über seine moralischen Gewissensbisse zu stellen. Muss man Grigorceas Neu­erscheinung in einem Vergleich zu Tschechows Meisterwerk lesen? Nein. Doch das Buch verführt gerade dazu, die beiden Erzählungen neben- oder hintereinander­zustellen, zu prüfen und neu zu kombinieren, um sich in der Imagination eine persönliche Version zu kreieren.

Was mir fehlt, ist, die unmittelbare Präsenz der Hauptfiguren zu spüren, um des Ringens um Annas und Gürkans Liebe bildhaft gewahr zu werden. Durch die indirekte Rede wird den Figuren gegenüber eine unnötige Distanz geschaffen. Auch löst eine Affäre im 21. Jahrhundert nicht mehr jenes Dilemma aus wie zu Tschechows Zeiten, als diese einen Skandal, gesellschaftliche Ächtung oder den sozialen Abstieg einer ganzen Familie nach sich ziehen konnte. Die Erzählung vermag so aus ihrer Anlage heraus nicht die Grundspannung von Tschechows Werk zu erzeugen. Dennoch bietet die Neuerscheinung dem Leser eine wunderschöne Ballade auf die Liebe, das Leben und die multikulturelle Gesellschaft der Schweiz.

Dana Grigorcea: Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen. Zürich: Dörlemann, 2018.

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