Der Aal

Der Aal

Das war der Tag, an dem ich lernte, dass man niemals die Finger aus dem Maul eines Aals ziehen sollte, egal ob lebendig oder tot. Nicht, wenn man hinterher noch Haut übrighaben wollte, um ihn nach Hause zu tragen, und ganz besonders nicht bei einem Blankaal von zehn Kilo.

Ich schwöre, ich war für den Fang verantwortlich, ich ganz allein. Wir waren unten an der Brücke, um Manuka für die Aalruten zu schneiden. Ich hatte so lange gebettelt, Ted und die Zwillinge begleiten zu dürfen, bis Ma es mir erlaubte, sofern Ted auf mich aufpassen würde. Sie packte mir einen Korb mit dick belegten Sandwiches, und während ich den Pfad entlangrannte, rief ich den anderen nach, sie sollten auf mich warten. Ich muss ungefähr sieben gewesen sein, jedenfalls noch keine neun.

Ted war gerade von der Frühjahrsschur in Hokitika zurückgekehrt und redete von nichts anderem. Er war jetzt schlank und muskulös und sprach die Maoriwörter anders aus als wir. Er hatte gesagt, wir würden unsere Aale auf traditionelle Maoriweise fangen, indem wir Flachs zu Kordeln drehen und diese fest um die Ruten wickeln würden. Wir fanden einen moosbewachsenen Platz am Ufer, knappe zwanzig Meter flussaufwärts von der Brücke. Kaum ein Geräusch drang an diesem Tag aus dem Busch, nur ein einsamer Glockenhonigfresser brachte dem Fluss ein Ständchen, dazu das Geplapper von vier Jungs, die mit Stöcken und Schnüren hantierten. Ted steckte sich mit einem Streichholz eine Zigarette an und zog lang und fest daran.

«Ma bringt dich um», sagte ich.

Er blies den Rauch in eine Wolke Sandmücken und zwinkerte mir zu.

«Was sie nicht weiss, stimmt’s, Arch?»

Als wir so weit waren, stellte ich klar, dass ich mehr als nur einen guten Blick auf das Spektakel verdiente; immerhin hatte ich den ganzen Vormittag über bis zu den Ellbogen im Matsch
gesteckt und nach Ködern gegraben.

«Ich hab die perfekte Aufgabe für dich, Archie.» Ted schickte mich mit einem leeren Zuckersack um den Arm gewickelt die
Böschung herunter.

Und das hier war Teds grandiose Idee: Die Grossen würden ihre Kordeln vom Ufer aus ins Wasser halten. Wenn ein Aal
anbiss, würde ich meine in Sackleinen gewickelte Hand unter dessen zappelnden Körper schieben und ihn schwungvoll an Land befördern. Wäre ich älter gewesen, wären mir vielleicht ein paar Denkfehler an diesem Plan aufgefallen. Ich hätte die Blicke bemerkt, die Ted und die Zwillinge sich zuwarfen. Aber so klang es, als wäre ich der Schlüssel zum Erfolg, also krempelte ich meine kurzen Hosenbeine hoch und stieg ins eiskalte Wasser. Das Flussbett war breit und seicht und mit einer glitschigen
Mischung aus flachen Steinen und Kies bedeckt, der vom Goldbergwerk flussabwärts gespült worden war. Ich rutschte auf den Fussballen umher, stiess mir die Knöchel an Felsbrocken und zuckte jaulend zusammen, wenn sich die scharfen Kanten in
mein Fleisch gruben. Endlich erreichte ich die Mitte und verankerte meine Füsse fest im Boden, damit die Strömung mich nicht umriss. Gletscherwasser umspülte meine Hüfte, und schnell wurden meine Beine taub, doch ich blieb standhaft. Ich war bereit.

Es dauerte nicht lange, da biss ein Aal an. Wer schon mal
einen Aalkiefer mit seinem Gebiss aus nach hinten gebogenen Nadeln gesehen hat, der weiss, dass das Tier sich so schnell nicht aus dem Flachs befreien würde. Wenn die Zähne sich erst mal in einem Faserknoten verfangen hatten, gab es kein Entkommen mehr. Ted wusste das. Ich nicht. Deswegen schmiss ich mich mit ausgestreckten Armen ins…