Pietro de Marchi: «Das Orangenpapier»

Pietro de Marchi:
«Das Orangenpapier»

Schön ist er geworden, der neue Lyrikband des Tessiner Dichters Pietro de Marchi mit dem sinnigen Titel «Das Orangenpapier». Schön gestaltet, schön gesetzt, ist er selbst ein Gedicht, in dem sich Form und Inhalt – Texte und Verse – die Schwebe halten. Sinnig ist der Titel, weil das kreppseidene Orangenpapier die Frucht zart umhüllt wie eine Verheissung; erst wenn man die verführerisch glänzende, bitterzarte Schale aufgebrochen hat, gelangt man zur süssen Frucht.

Bitterzart und süss zugleich sind seine Verse; jedoch sollte man ihre leggerezza nicht für simplicità nehmen, sondern der Sprachkunst des Dichters zuschreiben, der nur leicht machen kann, was er beherrscht. Hinter der Leichtigkeit entfaltet sich die Vielschichtigkeit dieses Dichters: Verse, Prosaminiaturen, selbst handverlesene Übersetzungen anderer Lyriker finden sich in diesem zweisprachigen Band.

«Deve essere per forza un vate, il poeta», schlägt er in «Il Poeta e il Mecena» (Der Dichter und sein Förderer) an, präzis und schnörkellos vom preisgekrönten Übersetzer Christoph Ferber ins Deutsche übertragen. «Un vate»: zwingend müsse es sich beim Dichter um einen Seher handeln. Gilt aber dieser antike Vergleich des Dichters und des (religiösen) Sehers heute noch? Nimmt man das Wort «sehen» beim Wort und damit, dass der Dichter seinen Gegenstand er-schaut, so ist auch Pietro de Marchi ein Lyriker, dem es gelingt, die Dinge an sich neu zu sehen.

Dabei kapriziert er sich nicht auf Volten oder forcierte Perspektivenwechsel, sondern lässt es beim Gesichteten bewenden. Wie in «Schwimm­unterricht», einer lyrischen Erinnerung, darin die Kinder unter den Fittichen des alt gewordenen Bademeisters «wenn auch nicht schwimmen, zumindest nicht untergehen gelernt hatten». Gibt es ein poetischeres Bild dafür, was Gedichte auch heute noch sein können, sein müssen? Schwimmhilfen, damit wir nicht untergehen?

Der «Seher» de Marchi schaut nicht nur auf Momente und Ereignisse. Er blickt auch nach innen. Diese Introspektion beschert, obgleich auf hohem poetischem Niveau, weniger Einblicke. Zu nahe bleibt die Reflexion am Konventionellen, ja so nahe, dass man bisweilen meint, man habe die Verse anderswo schon gelesen. Verarbeitet der Autor dann auch noch die Eindrücke seiner Augenoperation im Gedicht, sind wir nah bei all den Schrift­stellern(-innen), die nicht über ihr Ich-Erzählen hinauskommen.

Umso schöner, schliesst der Band mit dem titelgebenden Gedicht, darin das Orangenpapier aus der Kindheit unter den Händen des Vaters und eines Schwefelhölzchens zum zitternd schwebenden Heissluftballon wird. Die letzten Verse möchte man auch dem Dichter zurufen, «es zu wiederholen, das Spiel mit dem Feuer», wie einst die Dichter, die Seher, das Spiel mit den Worten.

Pietro de Marchi: «Das Orangenpapier» / «La carta delle arance». Aus dem Italienischen übersetzt von Christoph Ferber. Zürich: Limmat-Verlag, 2018.