Jean-François Haas: «Dunkler Weg zum Teich»

Jean-François Haas:
«Dunkler Weg zum Teich»

 

Früher, in den sechziger Jahren, als die Alpen noch höher waren, die Sommer länger und als die Älteren wussten, dass Italien ein Land ist, in dem dunkle Menschen wohnen, die alles klauen, da fuhren die Jüngeren per Anhalter in dieses Italien und verzweifelte Mütter riefen ihren waghalsigen Kindern hinterher: Steig nie zu Fremden ins Auto!

Heute sind die Alpen flacher, die Sommer nasser, Italiener sind keine «Tschinggen» mehr, sondern nette Nachbarn – aber noch immer setzt sich niemand gern zu einem Fremden in den Wagen. Es sei denn, der Fremde sieht aus wie der Weihnachtsmann, nur ohne Mütze. Also so wie Jean-François Haas. Eine kurze Strecke im Kanton Freiburg soll es werden, auf der sich der Weissbärtige gut auskennt, einmal durchs Dorf und weiter geradeaus, «der dunkle Weg zum Teich». Während der Fahrt will Haas Kindheitserinnerungen eines Zwölfjährigen zum Besten geben: Elternhaus, Molkerei, Dorfmetzger, Baracken der italienischen Arbeiter, Wald und Wiesen, ein bedeutungsschwangerer Steilhang, der Grâbe-Hof, das Gewässer und ein Mädchenmord – damals, als man die Milch abends in Kannen holte, als die Sommer länger waren und Italiener dunkle Menschen, die alles… Sie wissen schon.

Es kommt aber erst mal wie so oft: Vorgeschichte. Der Motor muss langsam warm laufen, Stichwort «Urgrossvater». Dann im ersten Gang durchs Dorf, hinein in den Wald. Der Beifahrer dämmert dahin und bekommt kaum mit, wie der designierte Weihnachtsmann das Steuer plötzlich fester greift. Am Wegesrand erhebt sich ein Steilhang, der Fundort einer Leiche. Myriam ist tot. Die beste Freundin des jungen Ich-Erzählers. Plötzlich Vollgas, das Pedal wird durchgetreten, unter dem Kühlergrill des Schlittens schnauben zweihundert Rentiere. In den Sitz gedrückt, eine Hand ängstlich zum Armaturenbrett vorgestreckt, geht es mitten hinein ins Dunkel der Schweizer Geschichte, als die Alpen noch so hoch waren, dass sich in den Tälern die Rassisten und Fremdenhasser als rechtschaffene Einheimische fühlten und glaubten, Italiener seien dunkle Menschen, die alles klauen. Natürlich töten die auch ein Mädchen wie Myriam. Und wenn nicht die, dann sind die Behinderten schuld. Oder die Nichtsesshaften. Dieser Hass bricht auf, nicht nur als ein Krieg der Knöpfe unter den Kindern, sondern auch als existenzbedrohende Fehde der unerschütterlich Verbohrten gegen die verunsicherten Toleranten.

Kein Zweifel: das ist eine wilde Fahrt, ein Nervenkitzel, eine erschreckend steile Route mit scharfen Kurven – könnte man nur ins Steuer greifen und rufen: Wohin geht es? Wie weit ist es noch? Dann: Vollbremsung. Rippen verbiegen sich unter dem Druck des Gurtes. Der Weissbärtige stoppt, steigt aus und heult den Mond an. Seine Erinnerungen machen ihn elegisch, die Trauer platzt aus ihm heraus in langen Satzkaskaden und überladenen Bildfolgen: Myriam und die Wolfshunde, Myriam und die weissen Pferde am Rhonedelta, Myriam und die Weissfische. Oder war das der Bruder, der mit den Weissfischen? Egal. Überblättern, Anschluss finden, den Heuler zurück ins Auto zerren: Fahr, Junge, fahr! Und er jagt wieder hinein in die bittere Vergeltungsstory, ins Geflüster hinter vorgehaltener Hand, in die heimtückischen Attacken, die offenen Kämpfe…

Diese Reise, so viel vorweg, endet nicht am Teich. Und sie endet…