Editorial#12

Liebe Leser Als kleiner Junge schlief ich oft schlecht ein. Meine Eltern lasen mir also Gutenachtgeschichten vor, wobei sie ziemlich bald feststellten, dass das allein nur bedingt half. Wenn sie bloss lasen, blieb ich nämlich meistens wach. Also zeigten sie mir auch Bilder. Zunächst aus Märchenbänden, später dann – und auf meinen Wunsch hin – aus Comics. […]

Editorial#12
Michael Wiederstein, gezeichnet von Beni Merk.

Liebe Leser

Als kleiner Junge schlief ich oft schlecht ein. Meine Eltern lasen mir also Gutenachtgeschichten vor, wobei sie ziemlich bald feststellten, dass das allein nur bedingt half. Wenn sie bloss lasen, blieb ich nämlich meistens wach. Also zeigten sie mir auch Bilder. Zunächst aus Märchenbänden, später dann – und auf meinen Wunsch hin – aus Comics. Vorlesen, Bild zeigen, lesen, zeigen. Das wurde ein festes Ritual. Und siehe da: Ich schlief, begleitet von Asterix und Obelix, von Lucky Luke und den Daltons und schliesslich auch von Tim und Struppi, seelenruhig ein. 

Erinnern kann ich mich bis heute an das, was ich damals sah, so kurz vor dem Einschlafen. Die Helden meiner Kindheit, das waren beinahe ausschliesslich gezeichnete Helden. Aber sie sind auch geblieben, wo ich sie zurückliess: in der Kindheit. Und im Zuge der Recherchen für dieses Heft fragte ich mich: Warum eigentlich?

Denn Comics sind längst keine reinen Kinder- und Jugendangelegenheiten mehr. Unbemerkt von vielen lesenden Zeitgenossen hat sich das Genre entwickelt, ist in die Feuilletons vorgedrungen und neuerdings Vorlage für (gefühlt) jeden zweiten Hollywoodfilm. Kaum ein Reputationsaufstieg in der Literaturlandschaft ging so schnell vonstatten wie derjenige von anspruchsvollen Text-Bild-Geschichten. Seit kurzem nennen die sich «Graphic Novels» – graphische Romane. Das klingt nach noch mehr Anspruch, in der Zeichnerzunft bleibt aber umstritten, ob das neue Label eher Vor- oder Nachteile für das Medium hat. Immerhin: seine Qualitäten sprechen sich herum. Wer in den letzten Jahren einmal auf einer Buchmesse war, kann bestätigen: der Pullunderträger mit Pfeife stirbt dort aus, Comicfans – nicht selten wie ihre Helden gekleidet – fluten die Hallen. Wer da kulturkritisch den Kopf schüttelt, verkennt nicht nur das Potential dieses Mediums. 

Wir haben uns also auf die Spuren der Bildergeschichten begeben, sie gesucht im In- und Ausland, ihre Macher aufgespürt und zu Her- und Zukunft von Comic und Graphic Novel befragt. Herausgekommen ist ein buntes Heft, buchstäblich, das von Schweizer Zeichnern mitgestaltet wurde. Ich danke allen Beteiligten für ihre Mitarbeit – vor allem aber Illustrator Beni Merk, der die Portraits der regelmässigen Mitarbeiter unseres Magazins themengerecht «verpackt» hat.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen und – wie immer – anregendes Lesen, aber diesmal auch: anregendes Schauen.