Kalt serviert

Jens Steiner: Hasenleben. Zürich: Dörlemann, 2011.

Das Gefühl hinterher: wie nach zu üppigem Essen. Im Magen ein Stein, im Hals ein Kloss, der Appetit auf dem Nullpunkt. Widerwille rundum: Das Buch, Jens Steiners Roman «Hasenleben», lastet wie eine schwer verdauliche Mahlzeit. Und Erleichterung verschafft erst der Punkt nach dem letzten Satz. Hinzu kommt, dass man mit dem ganzen Elend, das man «geschluckt» hat, allein ist. Der Erzähler hilft nicht, weder mit Kommentaren noch mit auch nur dem kleinsten Hinweis auf den eigenen Standpunkt. Gefühle sind nicht ersichtlich – keine Erregung, kein Mitgefühl, keine Liebe zu den eigenen Figuren. Ihre Gefühlswelt liegt unter der Aussenansicht vergraben, manifestiert sich im ausschliesslichen Handlungsbereich. Hinter dieser (gewollten?) Luft- und Wasserdichtheit Menschen zu erkennen, geschweige denn, ihnen nahezukommen, ist aussichtslos.

Was macht einer mit diesem Unglückstrio? Mit dieser Lili, dieser Mutter, die «alleinerziehend» zu nennen falsch ist, da sie weit davon entfernt ist, Werner und Emma, ihre beiden Kinder, zu «erziehen». Sie ist kaum zugegen. Nicht am Tag, nicht am Abend und häufig auch nicht in der Nacht. Sie lebt ihr eigenes, ihr sprunghaftes, triebhaftes, zielloses Leben. Sie vergisst die Kinder, sie vergisst Versprechen, die sie gemacht hat, sie vergisst zu kochen, sie vergisst fast alles, nur sich selbst nicht. Werner, 9 Jahre alt, treibt sich in der Freizeit in Hotelgängen – an Lilis Arbeitsort – herum und unter fremden Betten. Emma, zwei Jahre älter, ritzt sich die Arme. Das Schicksal der Kinder ist vorprogrammiert. Und es dauert nicht lange, bis sich das Drama erfüllt. Auch jenes von Lili.

Was macht einer mit einem solchen Roman? Stilistisch üppig angereichert, mit verschiedenen Erzählperspektiven, mit Überblendungen von Figuren, auch mit salopper, schneller Sprache. Aber gut sichtbarer Stilwille verkommt leicht zu semantisch-gewolltem Styling. «Nach perfektem Rezept gekocht», könnte man sagen. Aber kalt serviert! Die Figuren bleiben Papier. Auch wenn man sich um Mitgefühl bemüht. Auch wenn man weiss, dass Katastrophen solcher Art passieren. Reicht es aus, das, was fast täglich in der Zeitung steht, in Buchform zu packen? Müsste nicht etwas dazukommen, damit die Figuren zu Menschen werden? Literarisierung von Realität gelingt dann, wenn eine unverwechselbare, lebendige Erzählstimme ertönt. Eine, die sich zu erkennen gibt. Den eigenen Figuren und so den Lesenden, die auf die Begegnung angewiesen sind.