Aus der Zelle gedacht

Boris Vildé: Trost der Philosophie. Tagebuch und Briefe aus der Haft. Berlin: Matthes & Seitz, 2012.

Aus der Zelle gedacht

Als Boethius in Erwartung seiner Hinrichtung den «Trost der Philosophie» schuf, ahnte er wohl kaum, dass fast eineinhalb Jahrtausende später die Zelle zum Symbolraum eines ganzen Jahrhunderts werden könne. Seinem im deutschsprachigen Raum bislang namenlosen Nachfahren, dem 1942 als französischer Widerstandskämpfer erschossenen Boris Vildé, verleiht nun Slawist und Romancier Felix Philipp Ingold Stimme und Gestalt. Anders als in Ingolds neuem Roman «Noch ein Leben für John Potocki», das sich um eine fiktive Geschichte des polnischen Lebemannes und Schriftstellers Jan Graf Potocki dreht, steht Ingolds Vildé-Band nicht unter fiktionalen Vorzeichen: Neben Vildés Gefängnistagebuch und vier Briefen an seine Frau enthält er auch dessen so folgenreiches Gründungsmanifest «Résistance».

Als Sohn eines Baltendeutschen und einer Russin geriet der 1908 bei St. Petersburg geborene Vildé nach der Revolution über Estland und Berlin 1932 dank André Gide nach Frankreich, wo er sich als hochbegabter Ethnologe rasch einen Namen machte. Seine am 9. Juni 1941 einsetzenden Aufzeichnungen umkreisen den gesamten Kosmos seiner weitgefächerten Interessen – Denken und Sprache, Traum und Bewusstsein, Geschichte und Persönlichkeit, Christentum, Buddhismus, Hinduismus. Von wenigen Fixpunkten wie Bergson und Nietzsche abgesehen durchdenkt der auf die oftmals zufälligen Gaben seiner Frau Irène und die karge Gefängnisbibliothek angewiesene Isolationshäftling Triviales und Epochales mit demselben Ernst, ist doch alle Lektüre in einem tieferen Sinne nur Resonanzboden einer im Leser liegenden Wahrheit: «Glaubst du, dass meine Wahrheit im Buch eines anderen verborgen sein könnte?», fragt er in einem imaginären Dialog zweier Ichs. Dem Tod sieht Vildé dabei gefasst entgegen – als Abschluss eines Lebens, das seine Würde aus genügend Zeit «für das Leiden und die Angst» bezieht: «Es ist herrlich, einen Punkt erreicht zu haben, wo einzig ein Wunder einen noch retten kann.»

Boris Vildés Persönlichkeit und Denken gewinnen in Ingolds einleitendem Porträt sowie seiner einfühlsamen, kundig kommentierten Übersetzung jene Tiefenschärfe, die den Wahlfranzosen nun endlich die längst gebührende Würdigung erfahren lässt.