Fiebrige Rottöne und die Reinheit der Milch

Ralph Dutli: Soutines letzte Fahrt. Göttingen: Wallstein, 2013.

Fiebrige Rottöne und die Reinheit der Milch

«Du sollst dir kein Bildnis machen.» Was für ein Gebot, was für eine lebenslange Bürde für einen, der, hineingeboren in eine strenggläubige jüdische Familie, schon als Kind nichts anderes tun wollte als zeichnen und malen, der dafür immer wieder härteste Strafen in Kauf nahm – und später zu einem der ganz grossen Maler des 20. Jahrhunderts wurde. Der Bannspruch hat sich indessen Chaim Soutine, diesem obsessiven, farbtrunkenen Künstler, als immerzu brennende Androhung eingeprägt. Und es mag ein Hauptgrund dafür gewesen sein, dass er viele seiner bedeutenden Werke verbrannt oder aufgeschlitzt hat, dass er als «Mörder» seiner Bilder galt. Chaim Soutine (1893–1943) war Zeitgenosse von Modigliani, Chagall, Picasso, hat mit ihnen in Paris zeitweise das Atelier geteilt, hat Meisterwerke geschaffen – unverwechselbare, leidverzerrte, zur Fratze gesteigerte Porträts, ausgeblutete Schlacht- und Opfertiere, sturmversehrte Bäume… Doch wer kennt hierorts seinen Namen, geschweige denn diese expressiven Zeugnisse eines Malers, der mit dem Pinsel sein verzehrendes Mitleid und seine schreiende Wut gleichermassen auf die Leinwand geworfen hat?

Ralph Dutli, bisher vor allem bekannt als Übersetzer, Lyriker, Biograph und Ossip-Mandelstam-Herausgeber, setzt nun seine Leser mit seiner Romanbiographie «Soutines letzte Fahrt» ins Bild: behutsam sich annähernd, mit viel Fachwissen und grosser Erfindungskraft. Die gewählte Form, die Mischung aus Fiktion und Faktum, gewährt ihm den nötigen Freiraum dazu. Schon die Erzählanlage ist Manifest der belle-tristischen Spielerei: Soutines letzte Fahrt findet in einem Leichenwagen statt: Von Chinon an der Loire, wohin es den Juden und «entarteten Künstler» auf der Flucht vor den deutschen Besatzern verschlagen hat, wird der schwer Magenkranke, getarnt als Leiche, im Sommer 1943 zur Operation nach Paris gefahren. Obschon es längst zu spät ist für den Eingriff – und für die abenteuerliche Fahrt auf Umwegen, den Kontrollposten ausweichend –, besteht Marie-Berthe, die «furiose Katholikin» und jetzige Gefährtin Soutines, darauf.

Modiglianis die Schönheit feiernde Darstellung war nicht Chaim Soutines Welt, ebenso wenig wie die traumverlorene, surrealistische Chagalls. Soutines Bilder erzählen die Realität der Heillosen, der Beleidigten und Erniedrigten. Auch und vor allem seine eigene. In qualvollen Morphiumträumen erleidet er während der Fahrt noch einmal Stationen seines Lebens. Noch einmal kehrt er ins immerzu teerfarbige, hässliche Schtetl Smilowitschi in Weissrussland zurück. Er ist wieder Kind, wird gezüchtigt, hat – wie so oft auch später – Hunger, flüchtet als 16jähriger nach Wilna, dann nach Paris-Montparnasse. Er sitzt in der «Rotonde» und wartet darauf, dass ihm jemand Kaffee spendiert, und er mischt im Atelier «La Ruche» tage-, nächtelang fiebrig alle Rottöne, die er besitzt. Dazwischen krümmt er sich, um den Bauchschmerz auszuhalten.

«Couleur und douleur», diese Wörter, so heisst es im Buch, gehörten zusammen – unabdingbar. Dagegen hält Soutine die Reinheit der Milch. Ihr Weiss besänftigt, sie ist Medizin, bis auch das nichts mehr bringt. Bis das Geschwür durch die Magenwand bricht.Ralph Dutli hält sich nicht an das Bildnisverbot. Er hat ein Portrait «gemalt», der Realität spielerisch verpflichtet – und Soutines grossem schöpferischem Können. Damit rückt er den Maler ins rechte Licht: in das der ganz Grossen seiner Zeit.