Alles nur Po?

Wenn von der Poesie nur der Po übrigbleibt: Die Fachexperten Dr. Noah Erle und O. R. Leerhand im Gespräch.

Dr. N.E.: Herr Leerhand, ich habe Sie in unsere Sendung eingeladen als Herausgeber der Anthologie «Pornografie in der deutschen Literatur». Sagen Sie uns: Was ist denn eigentlich Pornografie?

O.R.L.: Ich könnte auf den Kirchenvater Augustinus rekurrieren: «Wenn niemand mich danach fragt, weiss ich’s, will ich’s aber einem Fragenden erklären, weiss ich’s nicht.» Er bezog sich damit allerdings auf das Wesen der Zeit, nicht der Pornografie.

Dr. N.E.: Das befriedigt wenig.

O.R.L.: Begreiflich. Nun – der Begriff ist arg unscharf, weil stark von historisch wechselnden Diskursen und auch persönlichen Geschmacksvorlieben geprägt. Aber immerhin ist statistisch signifikant: Je weniger spröd, komplex, ambivalent oder mehrschichtig ein Text ist, der von Sexualität handelt, desto eher bietet er sich behufs Triebabfuhr an zu handgreiflich lüsterner Verwendung, nenne man das nun Missbrauch des Textes oder gerade seinen eigentlich intendierten Gebrauch – sprich umso pornografischer wird er also sein.

Dr. N.E.: Das haben Sie jetzt fast jugendfrei zu formulieren hingekriegt. Viel Erkenntnis-gewinn erziele ich damit trotzdem nicht. Was sagen denn andere zum Thema?

O.R.L.: Nun, es gibt natürlich reichlich saloppe Beantwortungsversuche: Lore Erdnah zum Beispiel schrieb: «Pornografie ist, wenn von Poesie nur der Po übrigbleibt.»

Dr. N.E.: Ich bitte Sie – soll ich jetzt lachen oder weinen?

O.R.L.: Zielführend in Sachen Pornografie wäre beides nicht. Erna Herold versuchte es ähnlich anekdotisch: «Pornografie hat kurze Beine, aber einen langen Schwanz.»

Dr. N.E.: Da verschlägt es mir kurz die Sprache. Ich bitte Sie!

O.R.L.: Dann versuchen wir es eben mit Karl Kraus, der in Analogie zur Psychoanalyse schrieb: «Pornografie ist die laufend neue Erzeugung der Lust, die sie zu stillen vorgibt.»

Dr. N.E.: Das ist doch so was von abgelutscht. Bringen Sie uns stattdessen bitte konkrete Beispiele aus Ihrer Anthologie.

O.R.L.: Gerne. Der Kürze halber habe ich Gedichte ausgewählt. Das erste stammt von Harro Elend, der aus der Spoken-Word-Szene kommt:

 

Wonach du DORT schmöckscht

nach warmem teer nach glaubersalz nach wildschweinwechsel

grünem holz nach blütenstaub nach redbullwhisky

heilandsack nach crème-de-nuit nach erdgeschoss

nach mangochutney schlüsselloch

nach slimlinedrink nach kapernbusch

atlantikschaum mit mann-im-boot

nach druckerschwärze pfirsichspalt

nach frauenklo orchestergraben platons höhle

filet mignon eselsohren totenzucker

engelspöitz nach gletscherfalte schneckenwein

nach sapperlot & testament nach opium

nach gruppensex de sade nach karawane

schuhabtreter schwingerclub nach balzgrimasse

one-and-only-schmerzmadam nach herzprinzessin neuschnee feucht

nach schwarzem loch nach flügelkot nach seelenbrot

rapunzelmein nach fut & ebbe schluft & schlund

nach himmel & hölle

nach hin & zurück

nach anfang & ende vom nichts

 

Dr. N.E.: Ja, das ist bildstark und gut rhythmisiert, in der Tat, aber lang geraten. Und sehr eindimensional gereiht.

O.R.L.: Einverstanden, das ist nichts als eine lineare Abfolge von Assoziationen. Die ungewöhnlich grosse Diversität der verwendeten Bilder springt einen aber doch an und führt den Text womöglich aus platter Pornografie hinaus.

Dr. N.E.: Obszön ist es aber auf jeden Fall, Geruch und Geschmack des weiblichen Genitals zum alleinigen Inhalt eines Textes zu machen.

O.R.L.: Ja – aber obszön und pornografisch ist nicht das Gleiche. Poesie kann durchaus obszön sein, aber Pornografie nicht Poesie. Harro Elends Gedicht mag da umstritten sein. Ich habe aber eben auch kontroverse Beispiele reingenommen – wegen der schon erwähnten Unschärfe oder historischen Relativität des Begriffs der Pornografie.

Dr. N.E.: Zurück zu Ihrer Anthologie: Nicht wenige der ausgewählten Texte verweisen mehr oder weniger klar auf die Tradition – woher kommt das?

O.R.L.: Diese Tradition ist ein grosses Reservoir, aber auch ein Deckel, der einen erstickt. Da kann das Verhohnepiepeln eines kanonischen Textes wohltuend sein. Auch wenn damit schwerlich Ansätze zu einer neuen Ästhetik sichtbar werden. Ich konstatiere eine gewisse Rückwärtshaltung – eine wenig produktive und kaum zukunftsträchtige Fixierung auf eine Tradition, die bloss als verklemmt zu bezeichnen dieser jedenfalls nicht gerecht würde.

Nehmen wir als erstes Beispiel dazu folgendes Gedicht von A.N. Edelrohr:

 

Lecke, Homo!

Ja, ich weiss, warum ich stammle,

Unersättlich weiterrammle:

Blühender, verzehre mich!

WIR wird alles, was wir fassen,

ICH ist alles, was wir lassen:

Rammeln tun wir sicherlich!

 

Dr. N.E.: Reichlich platt, oder etwa nicht? Viel Spass macht mir das nicht.

O.R.L.: Der Titel ist ganz klar misslungen – sonst ist das als Unterhaltungstext aber durchaus brauchbar. Wir dürfen ja nicht vergessen, dass solche Lyrik nicht Schullektüre werden will, sondern in der Regel einfach im lockeren Rahmen vorgelesen bzw. performt wird. Wie wohl auch das nächste Gedicht, wiederum von A.N. Edelrohr:

 

Mondnacht, als ob

Es war, als hätt dein Schimmel

Die Gerte mir geküsst,

Dass sie im Blütenbimmel

Auf ihm nun bäumen müsst.

 

Die Lust ging durch die Glieder,

Die Leere wogte sacht,

Es flauschte leis dein Mieder,

Wie flutschig war dein Schacht!

 

In deine Kehle sandte

Ich meinen Prügel aus,

Du sogst in schriller Schande,

Als drögten wir im Braus.

 

Dr. N.E.: Edelrohr zeigt sich da doch aber vor allem als Epigone, nicht? Und er versucht das nicht mal ernsthaft hinter billiger Mimikry und effekthascherischen Wortspielen zu verstecken.

O.R.L.: Zugeben muss man allerdings, dass seine klangliche Verhunzung tatsächlich überraschend ähnlich klingt wie das Original.

Dr. N.E.: Trotzdem ist der generierte neue inhaltliche Wert praktisch gleich null.

O.R.L.: Aber das Imitat, das Substitut, von mir aus die Fälschung, ist als Text doch immerhin eigenständig – auch wenn man den verballhornten Originaltext nicht kennt, ist das vielleicht kein so schlechtes Gedicht. Wie auch das folgende Beispiel von Rena del Roh, das ein ähnlich bekanntes und kanonisches Gedicht ins Pornografische zieht – mit ebenfalls deutlich ironischem Bezug auf die Tradition:

 

Zwei Flegel, erwischt in flagellanti

Zwei Flegel arg schwellend

In triefblauer Sucht!

Zwei Flegel so gellend

In bluesiger Wucht!

 

Wie einer im Schinden

Sich wölbt und bewegt,

Wird auch das Sichwinden

Des andern gepflegt.

 

Begehrt er zu hasten,

Verkehrt sie auch schnell,

Verlangt sie zu rasten,

So ruht sein Gesell.

 

Dr. N.E.: Von der Bauart her gewissermassen gekonnt, von mir aus, doch sehr oberflächlich. Das Bemühen, nahe beim Original zu bleiben und trotzdem möglichst viel Sprachwitz zu generieren, wirkt jedenfalls angestrengt.

O.R.L.: Nun ja – sagen wir es so: Das ist «Fifty Shades of Grey» im C.-F.-Meyer-Ton für Lyrik- und Sadomaso-Anfänger.

Dr. N.E.: Das wäre jetzt aber gar billiges Werbedeutsch. Herr Leerhand: Gewisse Gedichte aus Ihrer Anthologie haben trotz des Themas der Sammlung für Proteste gesorgt.

O.R.L.: In der Tat. Zum Beispiel das folgende Gedicht von E. Adlerhorn. Inhalt ist, Entschuldigung, ein flotter Dreier inklusive Natursekt, sprich die orale Einnahme von Flüssigkeitsausscheidungen aus Geschlechtsteilen, wie das im einschlägigen Jargon eben heisst. Würde Michel Houellebecq Gedichte schreiben, kämen sie vielleicht so daher:

 

Böhmischer Brunnen

(gewidmet euch zwei tschechischen Prostituierten von der Langstrasse)

Aufsteigt der Ersten Strahl und schiesst

Hernach mir voll in meinen Mund,

Der, sich verschluckend, überfliesst,

Der andern in des Nabels Grund;

Jetzt gibt die Zweite ihren Seich

Mir Drittem frisch aus ihrer Fut,

Und jede gibt und nimmt zugleich,

Es strömt die Flut, Mann, tut das gut!

 

Dr. N.E.: Oh mein Gott – C. F. Meyer würde sich im Grab umdrehen!

O.R.L.: Täte er das – sähe er dann etwas Schöneres?

Dr. N.E.: Entschuldigung – aber das ist doch nur noch pure Sauerei. Provokation à discrétion. Amoralisch und unhygienisch, auch ahistorisch – weil der Mensch sich ja entwickelt, müsste man jedenfalls meinen.

O.R.L.: Ich verstehe Ihre Empörung in gewisser Weise. Rein formal ist dieses Remake aber überzeugend. Allerdings fehlt ihm schon so etwas wie der doppelte Boden oder eine symbolische Vertiefung – das macht es eindimensional und letztlich wohl pornografisch.

Dr. N.E.: Wollen Sie das Ganze abrunden mit einem letzten Text?

O.R.L.: Gerne. Er stammt aus den lacrimae vulvae von H. O. Randleer:

…als ich, als ich ihr die Zunge, als ich ihr meine Zunge reinstecke, komme ich fürchterlich, es kommt mir, aber es kommt mir nichts in den Sinn.

Als ich ihr die Zunge reinsteckte, kam ich auf die Welt.

Kaum ward ich geboren, war die Unsterblichkeit im Arsch, in den ich ihr die Zunge steckte.

Je länger der Text wird, desto kürzer werde ich.

Der Text macht mich fertig, aber ich sterbe vorher.

Doch der Text ist nicht er selbst. Dies zu erfahren ist er unterwegs.

Gäbe es keinen Text, man müsste ihn erfinden.

Die einzige Entschuldigung für den Text ist, dass er existiert.

Dr. N.E.: O weh – wie ungeniessbar und deprimierend! Überfüllt mit literarischen Anspielungen, die zuletzt jeglichen Sinn in einem semantisch beliebigen Raunen, im bedeutungsfernen Ungefähren verhallen lassen.

O.R.L.: So sah es in der Tat die Mehrheit der Rezensenten. Randleer gilt wohl auch darum als der ausgestorbenste Autor der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Im inzwischen eingegangenen Blog litter@hur wurde er aber immerhin der «geteerteste und gefedertste Hoffnungsträger in Sachen experimenteller Pornografie» genannt.

Dr. N.E.: Danke fürs Gespräch, Herr Leerhand.

O.R.L.: Nichts zu danken, Herr Dr. Erle.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»