Das Hörbuch «Liebe, Lust, Leidenschaft: Eine Ohren-Orgie der literarischen Hocherotik».

Wie mich
Gerd Haffmans verführte

Gemeinsam mit dem Verleger Gerd Haffmans nahm Monika Schärer das Hörbuch «Liebe, Lust, Leidenschaft: Eine Ohren-Orgie der literarischen Hocherotik» auf.

 

Er hatte eine neue Idee.

«Pass mal auf, du legst dich jetzt nach oben und
steuerst das selbst.»

Begeistert war ich nicht von der Idee. Ich wusste nicht, wie ich mich oben verhalten sollte.

Ich fand es unbequem. Geradezu unmöglich,
ohne Geländer auf den Knien zu balancieren.

«Ich hänge hier wie ein Spanferkel, das gerade
vom Grill fällt.»

«Hör auf mit deinen Scherzen, sonst fällt mir gleich
wieder alles zusammen.»

«Meine Güte, bist du empfindlich.»

(Linda Verhaelen: «Das erste Mal»)

 

Wir waren nichts für zarte Gemüter – Gerd Haffmans und ich – auf der Bühne beim Vortrag der «schärfsten Stellen» aus der Weltliteratur von Goethe bis Monty Python. Unsere «Ohren-Orgie» der literarischen Hocherotik war nie platt. Wir präsentierten feinste Kost. Wir «vögelten verhalten tief im Schosse einer alten, liebgewordenen Bekannten» (F. W. Bernstein), voll bekleidet, in angemessenem Abstand, vor zwei Mikrophonen. Oder wie die «Basler Zeitung» 2003 vermerkte: «Artig und auf ihren Stühlen sitzend, präsentierten Schärer und Haffmans mit Witz und Lesefreude Auszüge aus ihrer Sammlung.»

Kennengelernt hatte ich den Verleger Gerd Haffmans (auch bekannt als «literarisches Trüffelschwein») zu meiner Zeit als «neXt»-Kultursendungs-Moderatorin beim Schweizer Fernsehen. Er kam mit seinem Autor David Sedaris zum Studiogespräch vorbei. Kein Jahr später, 2002, fragte mich Gerd, ob ich mit ihm eine CD mit lustig erotischen Texten aus der Weltliteratur von der Antike bis zur Gegenwart einsprechen möchte.

Unser verbales Liebesspiel war anfänglich noch verhalten, doch bald liessen wir die Hüllen fallen, ergötzten uns am Spiel mit den literarischen Anstössigkeiten, verfasst von ehrenvollen Schriftstellern wie Thomas Mann oder F. W. Bernstein oder der Sexkolumnistin Sophie Andresky.

Es folgte eine Lesereise durch alpine Luxushotels, wo wir unser meist älteres Publikum erquickten und manch einer oder eine im Dunkeln sitzend lustvoll errötete.

Gerd ist ein begnadeter Vorleser, ihm zuzuhören ein Genuss. Er raunzt und schmachtet, grunzt und säuselt. Ich erinnere mich an eine unserer legendären Valentintagslesungen
im Hotel Waldhaus Flims. Gerd und ich durchlebten verbal «Das erste Mal» von Linda Verhaelen. Im Text hockten wir also aufeinander und probierten die Entjungferung. Das war so komisch! Der ältere Herr – Gerd Haffmans – und eine etwas jüngere Dame – ich – üben den Geschlechtsverkehr vor dreissig sittsam an weiss gedeckten Tischchen sitzenden Pärchen. Das Gelächter war gross.

Leider zog Gerd Haffmans dann irgendwann zurück nach Hamburg. Unsere gemeinsamen Höhepunkte sind rar geworden. Oder um es mit den Worten des eben verstorbenen Tomi Ungerer zu sagen: «Orgasmen sind das Einzige, was die Lücke bis zur Ewigkeit auf angenehme Weise ausfüllt.»

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»