Henriette Vásárhelyi: «Seit ich fort bin»

Henriette Vásárhelyi:
«Seit ich fort bin»

 

Nach zwanzig Jahren reist Mirjam das erste Mal wieder in die Stadt, in der sie aufgewachsen ist. Die Reise in die alte Heimat hat von allem Anfang an etwas Unheimliches: an jeder Strassenecke blitzt die Vergangenheit auf, die nach einer Auseinandersetzung verlangt, die Zeit scheint ihrer linearen Logik enthoben und auf dem Weg vorbei an altvertrauten Fassaden ziehen lang vergessene Erinnerungen die Protagonistin in ihren Bann. Durch lakonisch erzählte Rückblenden zeichnet Henriette Vásárhelyi in ihrem zweiten Roman «Seit ich fort bin» die Jugend von Mirjam, Driew und Anis nach, die gemeinsam in einer kleinen Stadt in der DDR aufwuchsen, von Freiheit träumten und von Sehnsucht erfüllt waren.

Ständiges Unbehagen begleitet Mirjams Erzählung – wenn auch nicht immer so drastisch wie an jenem Morgen, als sie ihre Wohnung verwüstet vorfindet: alle Schubladen wurden aus den Kommoden gerissen und die Festplatte ihres PC fehlt. Noch dazu findet sie ein Photo, das sie mit Driew und Anis zeigt, bis zur Unkenntlichkeit entstellt und zerknüllt auf dem Boden liegend. «Diese weissen Linien auf dem Abzug, die durch das Zerknüllen entstanden waren, veränderten mein Erinnern. Diese Linien waren zu Lebenslinien des Bildes, dieser Erinnerungen geworden.» Das zerknitterte Photo wird zum bezeichnenden Element in Mirjams Erzählung: Die fixierte Erinnerung, die sich jederzeit reproduzieren lässt, entzieht sich plötzlich der Kontrolle, und so hinterlässt der Einbruch nicht nur tiefe Spuren in der Erzählung, sondern legt auch eine grosse Angst frei. Und lässt keinen Zweifel: hier wird früher oder später Verborgenes und Verdrängtes an die Oberfläche treten. Zu oft fallen Wörter wie «Vergangenheit» und «Zukunft», zu zahlreich sind die Metaphern des Erinnerns und Vergessens. Zu oft wird auch gefragt: Wie funktioniert Erinnerung? Was schlummert in den Tiefen unseres Gedächtnisses? Welche Tricks verwendet das Gedächtnis, «um die in der Gegenwart lauernde Wirklichkeit zu ertragen»?

Vásárhelyi knüpft hier an die Motive ihres mit dem Berner Literaturpreis ausgezeichneten Debütromans «immeer» (2013) an. Hier wie da zerbricht eine Dreiecksbeziehung, hier wie dort ist die Hauptperson der Geschichte eine andere, als es auf den ersten Blick scheint. «Seit ich fort bin» gehört ferner thematisch in die Reihe deutscher Heimatliteratur, die sich dem Motiv einer prekären, wenn nicht unmöglichen Heimkehr widmet. Es werden Veränderungen und Verwerfungen thematisiert, die der deutschen Geschichte eigen sind. Die Art und Weise, wie Vásárhelyi Politisches und Persönliches verwebt und Erinnerung als symbolische Prägung von Vergangenheit und Gegenwart als durchlässig aufzeigt, verleiht dem Roman an den besten Stellen eine durchaus beklemmende Tiefe. An anderen Stellen wiederum ist die Metaphorik so augenscheinlich, dass für Überraschendes kaum Raum bleibt.

Henriette Vásárhelyi: Seit ich fort bin. Zürich: Dörlemann, 2017.

 

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
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Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
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