Ein einig Volk von Kriegern?

Als Wink Gottes deutete Bullinger die eidgenössischen Schlachtsiege, und Lavater besang die heldenhaften Schweizer Kämpfer in pathetischen Liedern: Seit dem Mit-telalter prägt das Reden, Schreiben und Singen vom Krieg das helvetische Selbstbild – Anklänge daran sind bis heute zu vernehmen.

Ein einig Volk von Kriegern?
Diebold Schilling: Schlacht von Sempach, in: Amtliche Berner Chronik, Band 1, S. 236 / Burgerbibliothek Bern – Signatur: Mss.h.h.I.1, S. 236.

Das Reden und Schreiben vom Krieg verfügt in der Schweiz über eine lange Tradition. Das Interesse gilt dabei ausschliesslich dem eigenen Krieg. Man schreibt und singt von den eigenen Schlachten, den denkwürdigen Siegen und – wo es nicht anders geht – den ruhmreichen Niederlagen. Aber diese Rede vom Krieg hat im Laufe der Zeit unterschiedliche Funktionen erfüllt. Und sie hat im schweizerischen Selbstverständnis eine je unterschiedliche Bedeutung gehabt.

 

Die Schlacht als Gottesurteil (15./16. Jahrhundert)

Als Heinrich Bullinger in seiner 1528 erschienenen Streitschrift «Anklag und ernstlich Ermanen Gottes allmächtigen zuo einer gemeinen Eydgnosschaft» die katholischen Innerschweizer zum neuen Glauben bewegen will, bedient er sich einer uns zunächst unverständlichen Argumentation. Er lässt Gott selber sprechen, und dieser erzählt ihnen die Geschichte ihrer Schlachten. Aus der langen Reihe seien hier nur jene bei Sempach und Därstetten zitiert: «Zuo Sempach gab ich üch Hertzog Lüpolden selbs in üwer Händ mittsampt vierhundert gekrönten Helmen. Die ihr uff die Waalstat leytend» und, obwohl ihr zahlenmässig weit unterlegen wart, gab «ich üch doch der eeren und des grossen guotes, das ir do gewunnent. Noch grössers hab ich unlängst davor üch lieben sönen von Zürich geton», bei Därstetten. Trotz geringer Zahl und ohne Hauptmann habt ihr gesiegt, «dann ich denselben hintan gefüert hatt, dass ich allein üwer houptman wäre». Und die Quintessenz dieser langen Aufzählung: Die Wunder, die Gott an den Israeliten vollbracht habe, würden von aller Welt bestaunt – doch «nitt minders hab ich mit üch verwürckt».

Die Eidgenossen also das aktuelle «auserwählte Volk»? Ein antieidgenössisches Traktat von 1505 legte ihnen jedenfalls in den Mund: «Wir sind jenes auserwählte Volk, welches das Volk Israel präfigurierte und welches der allmächtige Gott gegen
Könige und Fürsten verteidigte, da es seine Gesetze und seine Gerechtigkeit beachtet.» In der Tat gibt es seit den Burgunderkriegen zahlreiche Zeugnisse für dieses Selbstverständnis der Eidgenossen. Das «Spiel von den alten und jungen Eidgenossen» von 1514 lässt erahnen, wie es dazu kam: Es argumentiert mit der Umkehrung der althergebrachten christlichen Ständeordnung. In der Eidgenossenschaft seien die einfachen, gottesfürchtigen und rechtschaffenen Bauern an die Stelle des pflichtvergessenen Adels getreten. Das sei keinesfalls gegen die göttliche Ordnung, sondern – gerade umgekehrt – von Gott gewollt: «Denn Paulus eigentlich gschprochen hatt, Gott hat die Unedlen usserwellt, darmitt der edlen hoffart werd abgstellt» (1. Kor. 1, 27 f.). Und der Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme? Die zahlreichen gewonnenen Schlachten: «Bitz her mit krieg wir hand gewunnen.» Im Schlachtensieg erkannte man nämlich nichts weniger als ein Gottesurteil zugunsten der Eidgenossen. Diese Auffassung ist mehrfach bezeugt. Der reichstreue Humanist Jakob Wimpfeling stellte 1505 fest: «Ihr mögt der festen Überzeugung sein, dass ihr aufgrund eures Sieges die Gnade und Freundschaft Gottes sicher besitzt.» Doch bedenkt das Ende, denn Gottes Rache schreitet langsam voran.

Der Rede vom Krieg kam also im Selbstverständnis der Eidgenossen eine zentrale, legitimierende Bedeutung zu. Wenn Heinrich Bullinger die Kriegsgeschichte als Hauptargument der «Anklag Gottes» einsetzte, dann konnte er mit einer entsprechenden Wirkung rechnen.

 

Die Schlacht als Ausdruck schweizerischer Eigenart und Tugend (18.…

Die Schweiz im Krieg

«Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. – Nachmittag Schwimmschule.» Das lakonische Notat vom 2. August 1914 steht nicht in einem Schulgemeindeprotokoll, sondern im Tagebuch eines der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts: Mit zwei Sätzen, scheint es, handelt Franz Kafka das Weltereignis ab und taucht ins Privatleben ein. Hat die Schweizer Literatur mehr zum Krieg zu […]

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Kriegsbegeisterung und Grenzkoller
Beobachtungsposten im Wald mit Feldtelefon, photographiert von Edouard Senne / Schweizerisches Bundesarchiv, CH-BAR#E27#1000/721#14093#935* / CC-BY-SA 3.0/CH
Kriegsbegeisterung und Grenzkoller

Zwischen 1914 und 1976 haben sich hiesige Autoren auf vielfältige Weise mit dem erhofften, durchlebten, stilisierten oder verdammten Krieg auseinandergesetzt. Ein Spaziergang durch Kriegstexte aus helvetischen Federn.