Blick in den Abgrund

Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums. Zürich: Diogenes, 2013.

Blick in den Abgrund

Urs Widmer ist 45 Jahre alt und wohnt, so steht es in seinen Poetikvorlesungen, im Land der Dichter. Dort, wo es noch hell ist. Andere, die «Ungewisseren», wohnen bereits im Zwielicht, und wenige nur sind im «Schwarzen», am Abgrund, angesiedelt. Nun hat sich Widmer in seiner Autobiographie genau dorthin aufgemacht, zum Abgrund, hat also eine «Reise an den Rand des Universums» angetreten, dahin, wo Robert Walser und Hölderlin wohnen und Kafka – bereits über den Rand hinaus – im freien Fall schreibt.

45 Jahre jung ist der 75jährige Widmer, rechnet man nach Joseph Conrads Losung, wonach ein Schriftsteller so alt ist, wie die Zahl der Jahre, die seit seinem ersten Buch verstrichen sind. Und genau mit diesem ersten Buch endet die Autobiographie Widmers, die 30 Jahre davor sind der schwarz tosende Abgrund, in den er nun zu blicken wagt. 

Aber, so könnten wir fragen, tat er das nicht immer schon? Doch, doch. Widmers Gesamtwerk speist sich aus dieser Zeit. Deshalb lohnt es sich, vor der Lektüre zurückzuschauen. Einsame Spitzenreiter des Personalkabinetts bis heute: die eigenen Eltern. Schon in seinem Erstling «Alois» liess Widmer einen Ich-Erzähler vom Banküberfall mit Freund Alois, dessen Schwester und dessen Mutter berichten. Und zum Vater: eines der Pseudonyme Karl Walter Widmers war Aloysius Xavier Weintraub – ein anderes: Urs Usenbenz. Die zweite Erzählung, «Die Amsel im Regen im Garten», handelt von Karl (sic!) und seinem Vater Karl, von ihrer Beziehung und – in einer Spiegelung – von ihrer Freundschaft. Die Geschichten aus jener Zeit sind mehrfach erzählt, immer wieder anders, neu zusammengeworfen und -gesetzt – ein psychologischer Legobaukasten aus Biographie und Phantasie. 

Es ist, was die Themen angeht, also eigentlich müssig, die Autobiographie Urs Widmers zu lesen. Sollte man meinen. Stimmt aber nicht. Denn kein im textgenetischen Sinne «Widmersches Werk» ist diese Autobiographie geworden, eher ist sie eine Herleitung, ja beinahe eine eigene Poetikvorlesung. Der Stoff der ersten 30 Jahre war es, der Urs Widmer jedes Buch gefährlich gemacht hat und an dem er den nötigen Widerstand fand, um zu schreiben. 

In der Biographie nun bleibt das Pathos – das er bei ihrem Verfassen selbst vermisst und das die verschiedenen Versionen seiner Biographie aufs neue lesenswert macht – aus. Die Figuren, die Schauplätze und auch die Zeiten, die für gewöhnlich verschwimmen, werden durch die Autobiographie plötzlich verortbar. Wir erhalten also hiermit nichts weniger als eine Karte des Widmeruniversums – bisweilen aber auch unerwünschterweise. Da nämlich, wo dies unter Verlust der archaischen Tiefe geschieht: Ist Freund Eugen jener Eugen, der in der «Liebesnacht» übers Feld gelaufen kommt und mit dem am grossen Tisch getrunken und reihum Episoden aus dem Leben aufgetischt werden? Hat Urs Widmer seine Frau May wirklich nicht in einem entlegenen Schulhaus am Waldrand gefunden und behalten? Und den gewaltigen italienischen Über-vater der Mutter soll er nie kennengelernt haben? Die literarischen Verfremdungen des eigenen Lebens: hier werden sie entlarvt.

Wie sehr das Topographische Leben und Werk strukturiert, erhellt am anschaulichsten die Episode mit Freund Bachi – die Freunde, bei ihnen ist erfreulicherweise das Pathos sogar in Autobiographien erlaubt –, mit dem er das Land «Bubien» begründet, das aus den Ortschaften «Bachi» und «Ulle» – Widmers Rufname zu Kinderzeiten – besteht. Verbunden ist dieses föderalistische Gebilde durch die BUB – die Bachi-Ulle-Bahn.

Der Blick in den Abgrund, so lernen wir, ist Urs Widmer mit heute gut 45 Jahren nicht mehr bedrohlich und sogar für eine Reise lang aushaltbar geworden. Dass er damit aber die Schäfchen im Trockenen belässt, ist nicht zu erwarten. Viel zu viele dunkle Ecken – biographische? historische? – harren noch ihrer Ausleuchtung, ja ihrer «Forschungsreise» – und wir mit ihnen.