Zerfall, Zorn, Zukunft

Wie mich das 1980er Kultbuch «Mars» von Fritz Zorn vor dem Wahnsinn rettete, zumindest aber vor dem frühen Tod.

Zerfall, Zorn, Zukunft
(c) Christof Moser

Die glückliche Fügung wollte es, dass ich während der Lektüre von Fritz Zorns «Mars» krank wurde. Zunächst ging ich von einer leichten Grippe aus – erhöhte Temperatur, Gliederschmerzen, Husten. Ich hielt mich an das, was ich in derlei Situationen immer tue, obwohl mir alle Warnungen einleuchten, es nicht zu tun: ignorieren und weiterarbeiten. Ich bin ein protestantisch-gewerkschaftlich geprägtes Bauern- und Arbeiterkind. In der Endlosschlaufe der Geschichte ist Stachanow mein Held. Ausserdem geht das in neun von zehn Fällen gut.

Ich las also von Zerfall, Krankheit und Tod, und ich spürte meinen eigenen Zerfall. Die Krankheit, von der ich erst Symptome kannte. Und als Hypochonder auch den Tod. Ich lebte meinen Alltag möglichst unbeirrt weiter. Wenn ich mich morgens nicht vom Bett ins Bad bewegen konnte, blieb ich im Bett. Anlässe nach Büroschluss verliess ich vorzeitig, wenn Kopfweh jede Konversation wegätzte. Einen Termin in Berlin rang ich meinem entzündeten Körper trotzig ab. Ich blieb so produktiv wie möglich, steigerte die tägliche Dosis Panadol, trank Tee mit Honig, Ingwer und Zitrone, selten Rum, schlief möglichst viel. Ich ging inzwischen von einer schweren Grippe aus. Ich war krank, aber noch lange nicht am Ende.

Mich verunsichert das totalitäre Streben nach Gesundheit, Schönheit und Leistungsfähigkeit, das die Gesellschaft durchzieht wie blutrote Äderchen meine Haut. Was heisst heute «normal gesund» leben? Lebe ich ungesünder als mein Grossvater, der als Bergbauer im Emmental 80 geworden ist? Wo beginnt «rücksichtslos mit seinem Körper umgehen»? Wie spürt man das? Macht es einen Unterschied, ob meine Grossmutter sich an Steilhängen körperlich abnutzte oder ich beim Schreiben von Texten drei Päckchen Zigaretten pro Tag reinziehe? Was bitte ist gesund in einer Welt, in der sich eine Schauspielerin aus Angst vor Krebs ihre Brüste ausspachteln lässt?  Mit Zorns wucherndem Lymphom am Hals wuchs auch meine Erkenntnis: Je weniger ich Opfer des Gesundheitswahns sein wollte, umso mehr bin ich’s geworden. Die Verweigerung fällt auf mich zurück, das Verdrängte holt mich ein. Ich lebe in einem chronischen Unverhältnis zu mir selbst. Was als Selbstschutz gegen Fragen ohne Antworten gedacht war, endet in einem sinnlosen Siechtum.

Ich litt inzwischen in der dritten Woche. Es waren lange Wochen der Isolation. Ich ging abends nicht mehr aus, traf mich nicht mehr mit Freunden. Mal weil ich mich zu elend fühlte, mal weil ich ahnte, dass ich meinen Zustand nicht hätte verbergen können und erst recht nicht meine Angst. Kein Freund hätte mir zugehört. Jeder hätte mich zum Arzt geschickt. Und dort wollte ich nicht hin. Ich hielt mich an die Weisheit meines besten Freundes, der einmal sagte: «Wenn du einen tödlichen Tumor hast, erzählst du am besten keinem davon. Keiner, der nicht auch einen tödlichen Tumor hat, wird dich trösten können.» Von diesem Moment an taten wir beide so, als gäbe es seinen Tumor nicht. Ich glaube, wir wollten nicht scheitern. Ich nicht im Trösten, mein Freund nicht im Getröstetwerden können. «Man darf sich nicht trösten lassen, solange der Trost nur ein fauler Trost ist», schreibt Fritz Zorn, der daran umkam.

Ich trank jetzt jeden Morgen die Schüsseler Salze 3, 5 und 7, aufgelöst in einem Glas Wasser, aufgeschwatzt von einer fürsorglichen Apothekerin, der ich mich mit meinen Symptomen anvertraute. Ich trug Bart und immer mindestens eine Schicht Kleidung zu viel, als könnte ich damit den kranken Körper, den ich längst zum kranken Geist mutiert hatte, mit genügend Abschirmung aus sich heraus zur Selbstheilung zwingen. Stündliche Messungen der Körpertemperatur.

Ich lud mir eine «Was fehlt mir?»-App aufs iPhone und tippte die täglich in neuen Kombinationen auftretenden Symptome neu kombiniert ein. Mal schlug mir die App «Gicht» als wahrscheinlichstes Körperleiden vor, mal «Pfeiffersches Drüsenfieber». Als sich eine Nackenstarre bemerkbar machte, blinkte dann auch «Borreliose» auf dem Display auf. In meinem Kopf kamen Tumor, Leukämie und HIV dazu, alles Optionen, die bei mir bei jeder noch so kleinen Erkältung ins Spiel kommen. 

Ich las von Zorns langsamem Niedergang, seinem Ersticken im höflichen Schweigen seiner Zeit und seiner Klasse, die doch nur eigene Feigheit war, wie er am Ende seiner Tage schonungslos erkannte. Und ich las über mich, der glaubte, man könne seine Prägungen hinter sich lassen, abstreifen wie einen Kokon, und jetzt merkte, dass ich auch nicht mehr kann als sterben daran.

Ein Hypochonder war ich schon immer, ernsthaft krank vielleicht zweimal. Ich wurde mit einer Gelbsucht geboren, was sich in den Leberwerten niederschlägt. Einmal schleppte mich meine Freundin mit Malaria aus dem Mekong-Delta. Ins Krankenhaus habe ich mich bisher nur selber eingeliefert. Mit 16, 17, als ich überzeugt war, an einem Herzinfarkt zu sterben, und zehn Jahre später, als ich bei mir selber eine Thrombose diagnostizierte und völlig gesund zwei Tage am Infusionstropf im Treppenhaus einer französischen Klinik verbrachte. Damals ängstigte mich der Tod. Ich musste mich mit grosser Willenskraft daran hindern, jede meiner Einbildungen ärztlich abklären zu lassen. Seit ich die Grausamkeit eines angekündigten Todes erlebte und die Schönheit des Sterbens, dieses letzte, tiefe Röcheln meines sterbenden Freundes, das wie ein erleichtertes Seufzen klang, möchte ich den Tod ohne Vorankündigung erleben. Ich hatte auf einmal keine Angst mehr vor dem Tod, jetzt hatte ich Angst vor ärztlichen Diagnosen. Die Hypochondrie hat sich verlagert, und das nicht zu meinen Gunsten. Ich suche Ärzte erst auf, wenn ich selber zu wissen glaube, was ich habe. Hypochonder wie ich haben keinen Hausarzt. Sie ziehen von Notfallpraxis zu Notfallpraxis wie Nomaden durch die Wüste. Getragen vom irrationalen Glauben, sich bis zum schnellen Tod vor schweren Krankheiten verstecken zu können. Ein Patient ohne Vergangenheit, ohne Zukunft, eine Momentaufnahme der Dia-gnostik, vielleicht todkrank, vielleicht kerngesund, dem Zufall des Schicksals überlassen. Und eben doch nur ein Körper mit Gedächtnis, gefangen im Geist der Angst. Ich fühlte mich inzwischen als Notfall.

Konstant erhöhte Körpertemperatur. Ein Ziehen im linken Arm, das an der Computertastatur zu einem stechenden Schmerz auswuchs. Der Husten wurde schleimig. Ich war einsam, gelähmt in der Sprachlosigkeit des erwarteten Schreckens der tödlichen Selbstdiagnose. Die App diagnostizierte jetzt häufiger «Autoimmunreaktion». Ich las von Fritz Zorn, seiner Unfähigkeit, sich dem frucht-baren und vielleicht auch furchtbaren Chaos der Lebendigkeit zu stellen, von seinem exzessiven Bemühen, mit seinem Innersten niemanden zu irritieren, sein Umfeld nicht unangenehm zu berühren und noch weniger sich selbst. Ich las über mich. Mein schlechtes Gewissen über zu viele Zigaretten, zu wenig Schlaf, unregelmässiges Essen, über meine rasend schnellen Wechsel zwischen Arbeits- und Vergnügungssucht, mein ungesundes Leben. Wie viel von diesem schlechten Gewissen ist ein Krankheitssymptom der Gesellschaft, wie viel mein Schicksal und wie viel mein fahrlässiges Versagen?

«Er war nicht dazu erzogen, auf Versäumnisse zu achten, es hatte schon zu viel davon gegeben», schreibt Adolf Muschg in einem Vorwort zu «Mars» über den dahinsiechenden Fritz Zorn. So weit hatte ich es inzwischen auch mit meiner Krankengeschichte getrieben. Ich hatte jetzt Blut im Urin. Und mit dem Blut kam auch die Einsicht, dass die melancholische Wahrheit, wir würden nur um den Preis des Lebens die Kunst lernen, das Leben zu geniessen, für Hypochonder wie mich mit durchlebten tausend Toden – auch gilt. Dass die nackte Angst des gequälten Hypochonders, einmal durchlebt und bis zum nächsten Aufbäumen überwunden, durch ihre existenzielle Wucht das Bewusstsein für das Glück des gesunden Daseins steigert, ist der kitschige Selbstbetrug einer geschönten Selbstwahrnehmung. «Todesangst ist ein Gefühl, aber ein unbedeutendes im Vergleich zu den emotionalen Ausbrüchen, die mich wirklich quälen», schreibt Zorn. Drei Wochen hatte ich jetzt auf den Tod gewartet. Ich war krank. Aber noch am Leben.

Wer «Mars» als politische Abrechnung mit der Gesellschaft liest, wird heute nur noch wenig aus diesem Buch lesen können. «Ich bin in der besten und heilsten und harmonischsten und falschesten aller Welten aufgewachsen: heute stehe ich vor einem Scherbenhaufen. Womit ich zur Moral dieser Geschichte kommen kann: Lieber Krebs als Harmonie», schleudert Fritz Zorn mir, krank und einsam wie er, entgegen. Fritz Zorn versteckte sein Leid und ging daran zugrunde. «Mars» ist seine Selbstanklage. Geschrieben in Zeiten, in denen es angesagter war, sich als Opfer der Umstände zu sehen, entlarvte sich Fritz Zorn, mit bürgerlichem Namen Federico Angst, als Opfer seiner selbst. Er erweiterte die kollektive Befreiung aus Konventionen, die seine Zeit Ende der 1970er Jahre prägte, um die Dimension der persönlichen Verantwortung für sich selbst und irritierte damit posthum die 1980er Bewegten, die kollektiv die Individualität vorantrieben und noch nicht ahnen konnten, was sie damit auch auf sich luden: das Leiden und Sterben an uns selbst – als Lebenserfahrung einer neuen Zeit. Früher war man Opfer der Umstände. Es waren die Götter, die krank machten, gesund, tot. Der Staub in der Lunge der Tunnelbauer war tödlich, aber auch tröstlich: es war ihr Schicksal. Heute, als Getriebene unserer Individualität, nach unserer eigenen Befreiung aus dem, was wir Familie nannten, Klasse, Gesellschaft, sind wir auch selbst für unseren Tod verantwortlich. Aber jetzt fehlt uns der Trost.

Man muss «Mars» als Gesundheitsbuch lesen. Fritz Zorn, sein Tod mit 32, ruft auf zu Radikalität mit sich selbst. Als Antwort auf die ausweglose Endlichkeit. Und weist einen Weg aus der Trost-losigkeit. Wie gesund ist radikal? Ebenso ungesund wie brav. Nur das Verpasste, Verdrängte und Vermiedene ist am Ende unserer Tage eine Qual. Am nächsten Tag ging ich zum Arzt.