Lust auf Utopie

Bern – Ascona: 4 Stunden, 11 Minuten

Ich habe Lust auf Utopie. Grosse Lust. In ihr liegt eine unheimliche Kraft, ich bin ihr ausgeliefert, Widerstand zwecklos. Sie ist ebenso stark wie die Lust nach Sonne. Das «ich muss» überfällt mich meistens in einem Augenblick, in dem ich nicht genug aufmerksam oder stark war. Also: Auf nach Ascona, auf zum Monte Verità! Wenn die Sonne scheint, umso besser. Utopie, Wahrheit und Wärme. Und schon sitze ich im Zug, ohne Gepäck, dafür mit einem Buch in der Hand. «Lea und Siegfried» von François Loeb. «Die Geschichte einer Liebe. Die nicht sein durfte und doch denkbar war.» Wenn das kein Wegbegleiter ist hin zum Verità! Das Buch wurde mir kürzlich von Nicole Loeb überreicht, wir haben beide bei den städtischen Aktionstagen gegen Rassismus mitgewirkt. Vor Olten verschärfen Plakate mal wieder das Asylgesetz. «Kein Schutzmann stand auf dem Markt. Auch keine Inschrift, die an Lea erinnert hätte. Oder an Siegfried.» Die Schweiz von damals sagte: «Das Boot ist voll.» Und der Panettone mit Kaffee von der Minibar – mir serviert von einem Kurden – erinnert mich an den Monte Verità. Ich beschliesse, auch meinem Freund Rico einen Besuch abzustatten. Wir wollten seit langem zusammen auf dem Mosaikweg stehen. «Es sind die Splitter vergangener Lieben, / die in den Strahlen der Sonne / sich tausendfach auf allen Steinen spiegeln. / Die Steine des Salesi Bloch. / Die Steine Leas. / Die Steine Siegfrieds. / Die Steine der Hoffnung.» Im Gotthardtunnel verlieren sich die letzten Erinnerungen an die immer wieder erscheinende Kirche von Wassen. Zauberei. All das wird verschwinden, wenn erst der Basistunnel fertig ist. Kein Platz für Zauberei mehr, dann, nur Zeitverkürzung, Geschwindigkeit. Ich träume davon, mein Buch dem Monte Verità zu schenken. Einem findigen Leser auf dem Weg zur Utopie vielleicht, denn auf diesem Weg sollten die Zeiten der Unmenschlichkeit nicht vergessen gehen. Statt der ersehnten südlichen Gerüche liegt hier nun aber Schnee in der Luft. «Und jeder lege seinen Stein dazu», sagt mein Buch. Für eine bessere Welt. Si! Per un mondo migliore. 

 


Francesco Micieli ist Schriftsteller und hat bei Reisen stets ein Buch für uns in der Tasche.