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Zsuzsanna Gahse: «Siebenundsiebzig Geschwister»

Zsuzsanna Gahse:
«Siebenundsiebzig Geschwister»

 

Grenzen überschreiten – die im Thurgau lebende Zsuzsanna Gahse tut genau das immer wieder. Zum Beispiel die Grenzen zwischen Lyrik, Prosa und Essay. Oder die zwischen den Sprachen – ihre Literatursprache ist ein Deutsch, das offen ist für Spanisches, Englisches oder Ungarisches. Da wird ein fensterloses Zimmer zum Fisch, denn wenn man das ungarische «hal», was einfach nur «Fisch» bedeutet, falsch ausspricht, wird eine englische «hall» daraus.

Für die Budapester Geschwister ist klar: «Mein Vater schlief Nacht für Nacht im Fisch, diesen Gedanken wird uns niemand versagen können.» Derartige Sprachzaubereien durchziehen auch das jüngste Buch der 1946 in Budapest geborenen Literatin, die, wie nur wenige andere Gegenwartsschriftstellerinnen, das Erbe der künstlerischen Moderne des 20. Jahrhunderts hochhält und kreativ weiterentwickelt.

«Geschwistergeschichten beginnen mit zwei Kindern und sind zu steigern.» Genau das passiert in diesem Buch, wobei es unsicher ist, ob wirklich siebenundsiebzig Geschwister vorkommen. Das erzählende Ich ist ein unzuverlässiges, ein Ich mit mehreren Gesichtern und Gestalten, das plötzlich verschwindet und jäh wieder auftaucht. Dass es um unterschiedliche Geschwisterkonstellationen geht, wird bald klar, auch weil die aus je vier Buchstaben bestehenden Kapitelüberschriften, von «CTGA» bis «CGTA», ein «vereinfachtes Spiel mit den Buchstaben der DNA» darstellen, wie uns eine kleine Zeichnung auf der letzten Buchseite zu verstehen gibt.

Mit «Spiel» bekommt man einen nicht nur fürs neue Buch zentralen Begriff von Zsuzsanna Gahses Poetik zu fassen. Sie sieht die Wörter als Gene der Sprache – und sie spielt mit ihnen, mit Sätzen und mit Kontexten. Allerdings auf sehr andere Weise als beispielsweise die Konkrete Poesie. Einen durchgängigen Plot braucht auch Gahse nicht, doch gibt es bei ihr wiedererkennbare Personen, auch halbwegs realistische Handlungsstränge, präzise Daten, denn es gilt: «Jahr und Ort der Geburt sind nicht gleichgültig.» – Auch finden sich klare Hinweise auf Zeitgeschichtliches. Songzeilen von Elvis, den Beatles oder den Eagles werden ebenso in diesen eigenwillig rhythmisierten Textteppich eingeflochten wie die Erfahrung der amerikanischen Präsidentschaftswahlen von 2016, nach denen man Passagen wie «Was mache ich nun? Bin ratlos. Derzeit sagen auffallend viele, sie seien ratlos» auch politisch verstehen kann.

Vielfalt ist ein wichtiges Thema, die Vielfalt des Kosmos, die oft immer noch rätselhafte Vielfalt der Pflanzen- und der Tierwelt, die vielfältigen Beziehungen zwischen Personen und Sprachen, die Vielfalt der Literatur – Tolstoi, Tschechow, Aichinger, Brodsky –, die wundersam variantenreichen genetischen Kombinationsmöglichkeiten. Man kann «Siebenundsiebzig Geschwister» auf vielerlei Art lesen. Wer nicht nach einer stringenten Story sucht und ein polyperspektivisches, multikulturelles, buntes, finten und ideenreiches Sprachfest geniessen kann, wird grosse Freude haben an diesem staunenswerten Buch.

Zsuzsanna Gahse: Siebenundsiebzig Geschwister. Wien: Edition Korrespondenzen, 2017.

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