Nicht lustig

Warum es im Pantheon der Schweizer Literatur nichts zu lachen gibt

Nicht lustig
Marco Ratschiller, photographiert von Tiziana Secchi.

Damals, Mitte der Neunziger an der Universität Freiburg, im selben Germanistenjahrgang wie die längst etablierten Schriftsteller Gion Mathias Cavelty oder Raphael Urweider, waren es Romane wie Thomas Manns «Doktor Faustus», die ich mit Passion und Bewunderung las. Und das selbst gewählte Thema meines Schlussexamens war «Die Ästhetik des Widerstands» von Peter Weiss. Das 1000-Seiten-Werk des Nachkriegsliteraten, den hierzulande kaum jemand mehr kennt, ist gewiss vieles, aber bestimmt nicht humorvoll. In den mauerziegeldicken Büchern war das enthalten, was mich von der Literatur abgesehen überhaupt noch an die Uni gezogen hat: Zeitgeschichte und ihre Zäsuren. Wenn mir das Studium neben dem Wissen, dass «Pommes rissolées» für eine Mensa die günstigste Sättigungsbeilage überhaupt sind, eine Sache erfolgreich vermittelt hat, dann ist das der Wandel von einem normativen zu einem deskriptiven Wissenschaftsbild: Moderne Geisteswissenschaft legt nicht fest, sondern beschreibt, wie es ist. Während ich mich mit Hans Castorp und Adrian Leverkühn in Geschichten verlor, die im «Grossen Ganzen» die Realität zur Kenntlichkeit entstellen, taten die Kollegen Cavelty und Urweider dann noch vor Ende des Studiums etwas Unerhörtes: Sie machten selbst Literatur – ganz real und mit einigem Erfolg. 

Den Gedanken, es meinen Kollegen gleich zu tun, habe ich zwar bis heute nicht verworfen. Meine Arbeit in der Chefredaktion des Satiremagazins «Nebelspalter» spannt mich aber nun seit fast 10 Jahren ein. Ich beschäftige mich quasi hauptberuflich mit dem Humor, hier geht es nicht mehr ums «Grosse Ganze» – doch in politischer Satire wird im Kleinen unmittelbare Zeitgeschichte künstlerisch verarbeitet. Vor allem ist in mir seither die Erkenntnis gereift, dass der Humor meiner Leserschaft sehr heterogen ist. Gerade deshalb erstaunt mich der heilige Ernst, mit dem hierzulande eine Humordebatte nach der anderen ausgetragen wird, bis heute stets aufs neue. Im Zentrum dieser nahezu jährlichen Debatten steht ja die These, dass die Schweiz – wahlweise nur ihre Unterhaltungsbranche – keinen Humor hat. Oder bestenfalls einen unterentwickelten. Und am Anfang dieser Debatten tritt stets ein Kritiker auf, der sein persönliches Humorempfinden zur Messlatte für alle anderen erhebt. Der normative Ansatz eben, den mir schon das Studium austrieb.

Was müssen wir zur Beurteilung der Humordebatte in bezug auf die Gegenwartsliteratur der Schweiz wissen? Zunächst: Lachen hat in erster Linie mit sozialer Interaktion zu tun. Wir lachen deshalb in Gesellschaft um ein Vielfaches häufiger als allein. Wer lachen will, geht in 99 von 100 Fällen unter Leute – und kauft sich eben kein Buch. Sodann: Humor ist in der Fülle dessen, was uns zum Lachen bringt, nur ein Bereich unter vielen. Selbst wer durch Humor zum Lachen gebracht werden will, erlebt dies im Kollektiv – vor einer Bühne oder Leinwand – intensiver als zu Hause unter der Leselampe. Machen Sie die Vergleichsprobe, wenn wieder einmal irgendwo die Physiker eingesperrt werden oder die alte Dame zu Besuch kommt.

Und was zuletzt den Humor selbst angeht, ist sein eigentliches Substrat immer das Unerwartete – eine überraschende Wendung, die zu einem neuen Sinn führt. Einzig: was genau als «sinnvoll überraschend» wahrgenommen wird, ist vor allem eine Frage der persönlichen Bildung und Lebenswelt. Können Sie sich vorstellen, dass jemand mit einem angeborenen Kunstsinn für Schönbergs Zwölftontechnik oder Joseph Beuys’ Filzinstallationen zur Welt kommt? Eben. Das entsprechende Genussvermögen muss man sich, wie beim garantiert sauren ersten Schluck Wein, zuerst aneignen. Viele Humorkritiker ignorieren, dass unsere Lachmuskeln eben keine angeborene Neigung zu Robert Gernhardt bzw. natürliche Abscheu vor Stammtischwitzen aufweisen. Dementsprechend fordern Kulturschaffende oder Journalisten, die sich täglich mit Humor und Satire auseinandersetzen, mehr «Pipilotti Rist» und «Roman Signer», während der gerne so betitelte Pöbel kunst- und humortechnisch leider einfach nicht über die Chiffren «Albert Anker» oder «Claude Monet» hinauskommt. Und natürlich leidet da die Humor-Avantgarde, die jede allzu naheliegende Wortspielerei oder aufgesetzte Alliteration mit mitleidigem Kopfschütteln ahndet und nur noch die Antipointe als bewussten Verstoss gegen die Pointen-Erwartung mit einem anerkennenden Nicken zu quittieren vermag.

Gut möglich, dass ein gewisser Elitedünkel im hiesigen Kulturbetrieb dem Humor regelrecht im Weg steht. Lang ist die Liste jener Autoren, die Komik und seriöses Schreiben nicht unter einen Hut bringen können oder wollen. Im Pantheon der Schweizer Literatur treffen wir gerade mal wieder auf Martin Suter, den aktuell zumindest an der Kasse erfolgreichsten Schweizer Belletristen. Er begegnet uns in Porträts stets als ernsthafte und betont nachdenkliche Persönlichkeit – kaum zu glauben, dass sich über seiner «Business Class»-Kolumne einst die halbe Schweiz kringelte. Peter Stamm, mit seinem nicht eben heiteren Œuvre im vergangenen Jahr auf der «Man Booker Prize»-Shortlist, war Mitte der Neunziger einer der «Nebelspalter»-Hauptautoren. Hohler, zweifellos einer der besten Kabarettisten der letzten Jahrzehnte, hängte 2002 die Narrenkappe an den Nagel. Emil hatte schon 1993 entschieden, nicht mehr Emil sein zu wollen. Selbst Andreas Thiel, seit Jahren der erfolgreichste politische Kabarettist im Land, lässt sich in seiner «Weltwoche»-Kolumne bereits als Schriftsteller ausweisen. So unterschiedlich die genannten Autoren sind, allen gemeinsam ist der Punkt in ihrer Biographie, an dem helvetisches Humorschaffen offenbar ernsthafter – oder besser: ernst genommener – Schriftstellerei im Weg steht. Dazu fünf Anmerkungen.

Erstens: Der Schweizer Literaturbetrieb ist noch stärker dem «E versus U»-Denken verhaftet als der ohnehin stark daran krankende deutsche Sprachraum. «Nur schwere Gedanken sind auch gewichtige Gedanken.» Wer nach oben will, so lernen wir, sollte deshalb die Lachgasflasche im Basislager zurücklassen. Das Perfide: wer sein Können allzu lange in komisch-satirischen Fingerübungen ausgelebt hat, kriegt seine Herkunft immer wieder genüsslich unter die Nase gerieben – «Melnitz»-Lewinsky wird immer noch gerne an «Fascht e Familie»-Lewinsky erinnert.

Zweitens: Es gibt tatsächlich weniger dauerlustige Leute, als wir uns vormachen. Auch unter Satirikern! Tucholsky hat diesen Menschenschlag vor bald hundert Jahren als gekränkte Idealisten charakterisiert. Sie sind nicht «einfach so» lustig, sondern weil ihnen nur dann jemand zuhört, wenn sie das, was sie sagen wollen, unterhaltsam verpacken. Das geht so lange gut, bis Satiriker erkennen, dass sie mit ihren Trojanischen Pferden die Mauern gegnerischer Ideologien doch meist nicht überwinden können. Dann wechseln sie, beflügelt von einer gewissen Bekanntheit, ins Fach seriöser, aufwendigerer Wortsetzerei. Der Einsicht, dass man auch hier meist keinen Einfluss auf den Lauf der Dinge ausübt, kommt infolge aufwendigerer Produktionszyklen dann nicht selten der eigene Tod zuvor. 

Drittens: Die These, dass Schweizer aufgrund ihres durch die ausgeprägte Mundartkultur erschwerten Zugangs zur Schriftsprache weniger leichtfüssig und eloquent, sprich: witzig und humorvoll schreiben könnten als etwa Deutsche, ist Humbug. Wenn Schweizer Autoren schreiben, kann gerade das Spannungsverhältnis zur Schriftsprache als Ausgangspunkt für Komik und Ironie den scheinbaren Mangel an «deutscher» Eloquenz längst ausgleichen. Die Frage ist nur, ob sich das die Autoren und Verlage – mit Blick auf den gesamtdeutschen Absatzmarkt – überhaupt gestatten.

Viertens: Warum sollten Menschen, deren wahrer Lohn tatsächlich das Lachen anderer ist, überhaupt Bücher schreiben? Nach einer DACH-Studie von 2009 werden in der Schweiz pro Kopf und Jahr noch acht Bücher gelesen. Lässt man die absatzstärksten Segmente Sachbuch und Krimi aussen vor, sieht es für die Reichweite von Belletristik ziemlich trist aus. Wer mit seinem Humor Menschen erreichen will, dem steht eine exponentiell angestiegene Zahl von alternativen Möglichkeiten offen, welche die reine Sprache um zusätzliche Dimensionen erweitern und/oder welche von der unmittelbaren sozialen Interaktion profitieren. Wenn also die klassische Wasserglaslesung im Kaminzimmer, schlimmstenfalls mit anschliessender 2stündiger Fragerunde, auf lange Sicht das Mass aller Verlagslesereisen bleibt, so darf sich doch niemand wundern, wenn das Publikum andere Orte zum Lachen sucht. 

Fünftens: Das Urteil über den Humor in der Schweizer Literatur fiele bestimmt weit weniger ernüchternd aus, würde sich der Literaturbegriff nicht nur auf das beschränken, was zwischen zwei Buchdeckeln geklemmt und mit einer ISBN-Nummer versehen wird. In der Spoken-Word-Szene findet man seit Jahren Lust am Experiment sowie entsprechendes Sprachtalent. Sogar in den 140 Zeichen mancher Tweets verdichten sich Geistesblitze von der Strahlkraft eines Lichtenberg-Aphorismus – nur, dass das irgendwie im Kulturkuchen (noch) niemand als Spracherzeugnis von künstlerischer Qualität verorten würde. Hat sich der vermisste Humor am Ende nicht einfach verabschiedet, sondern nur in neue Textsorten und Mischformen verlagert?

Ich hätte an dieser Stelle gerne bekanntgegeben, wann nun endlich mit meinem ersten eigenen Roman zu rechnen ist. Sicher ist nur: Mit jedem weiteren Jahr in der Satirebranche wächst – wie bei manch oben erwähnten Kollegen – der innere Druck, die ganze Lustigkeit auf einen Schlag mit viel Nachdenklichkeit und heiligem Ernst zu kompensieren. Ich wundere mich, warum mich bei solchen Aussichten nicht schon längst ein Verlag unter Vertrag genommen hat.