Thomas Sandoz: «Ruhe sanft»

Thomas Sandoz: «Ruhe sanft»

Aufruhr in den Kindergräbern.

Zwanzig Jahre lang hat er die Gärten der Stadt gepflegt, bevor er sich auf dem Friedhof wiederfand. Die anderen Angestellten wissen nicht genau, was sie von dem eigensinnigen Arbeitskollegen halten sollen, aber weil er beflissen und anständig ist, wird er geduldet. Sein «Revier» sind die Kindergräber, die er mit Hingabe pflegt. Es ist mehr als nur Gartenarbeit: Er spricht mit den Kindern, erfüllt ihnen ihre «Wünsche», denkt an sie, wenn es draussen stürmt. Gleichzeitig hadert er mit seiner eigenen Kindheit: mit der Gewalt und der Gefühlskälte, mit dem Vater, der Mutter.

Nachts schläft der Friedhofsgärtner wenig. Aus den Bettlaken treiben ihn Szenen, in denen die Kinder sterben: Sie werden von rasenden Autos überfahren, von heissem Wasser verbrüht oder stürzen kopfüber zu Boden. Um ihnen etwas von ihrer Einsamkeit und der Rauheit des Lebens «da draussen» zu nehmen, tut er alles für sie – besorgt ihnen sogar signierte CDs, die er auf ihre Gräber legt. Als bekannt wird, dass der Friedhof grundlegend umstrukturiert wird, kriecht Panik in ihm auf: Was wird mit den Kindern passieren? Wohin werden ihre Seelen gehen? Lange fackelt er nicht und zieht kurzerhand «gemeinsam mit ihnen» in ein altes baufälliges Haus. Endlich sind sie alle gemeinsam die Familie, die er so nie hatte.

Feinfühlig schreibt Thomas Sandoz die Geschichte des namenlosen Friedhofsgärtners. Beinahe minutiös, als würde er ihm mit der Kamera und dem Mikrophon folgen, beobachtet und dokumentiert er dessen Tun, beschreibt seine Ecken und Kanten, seine Andersartigkeit, die ihn trotz all dieser Macken so liebenswürdig macht. Gleichzeitig schont Sandoz seine Lesenden nicht, sondern bringt sie dazu, über ein grosses Thema nachzudenken: über den Tod, der stets präsent ist – auch wenn es manchmal scheint, als könne man ihn an einem Ort wie dem Friedhof zumindest die meiste Zeit des Lebens deponieren. Indem er die Toten wieder aus ihren Gräbern holt, mit ihnen mitfühlt, wenn Stürme über die Gräber preschen und die Temperaturen fallen, gibt er ihnen ihre verlorene Stimme zurück. Sandoz zeichnet den Friedhofsgärtner als empathische und liebende Person, die vielleicht deshalb auch so hervortritt, weil sie in ihrer eigenen Biografie ebendiese Liebe nie gespürt hat.

Die Sprache des Autors ist unaufgeregt und doch präzise: Beinahe riecht man die nasse Erde, wenn es mal wieder geregnet hat und die Arbeiter mit den Schaufeln die Gräber graben. Wenn die Träume den Protagonisten um den Schlaf bringen, leidet man mit ihm mit und spürt seinen Aufruhr, als er erfährt, was man mit «seinen» Kindern im Sinne hat. Es sind die kleinen Szenen, fast schon die Nebensächlichkeiten, von denen der Roman lebt – und die ihn gleichzeitig gerade so gross machen.


Thomas Sandoz: Ruhe sanft. Aus dem Französischen übersetzt von Yves Raeber. Biel: verlag die brotsuppe, 2018.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
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Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»