Leo Tuor: «Die Wölfin»

Leo Tuor: «Die Wölfin»

Nackt mit Prinzessin.

Hört ihr’s wohl? Habt ihr den Seufzer bemerkt? Steht er nicht da, als wollte er – nun, was will er denn? Aus der Ferne ist das schwer zu sagen. Leo Tuor erscheint jederzeit in sehr gewählter Pose: Alphirte, rätoromanische Stimme, Graubünden, Surselva. Dem Schweizer mag das Herz aufgehen, aber hier, in der Ferne? Da schreibt einer Bücher in einer seltenen Sprache, hat noch einen weiteren Beruf und wohnt in den Bergen. Nicht gerade ein Alleinstellungsmerkmal. Und diese Surselva? War das nicht eine Prinzessin bei «Game of Thrones»?

Was an der Person und Pose Tuors womöglich besonders schweizerisch ist, wirkt auf den fernen Leser wie ein flatterndes Banner – bunt, aber belanglos. Dahinter steht der Autor Leo Tuor ziemlich nackt im Wind. Alles, was ihm bleibt, ist «Die Wölfin», ins Deutsche übersetzt von Peter Egloff und vom Verlag als Roman bezeichnet. Hier in der Ferne würde man es eher als eine Anekdotensammlung ohne abgeschlossene Handlung bezeichnen, aber mit diesem Untertitel kauft es kein Mensch. Der «Roman» also erzählt in assoziativ verknüpften Episoden von einem achtjährigen Jungen, seiner Urgrossmutter, der «Wölfin» aus den mysteriösen Weiten des Ostens (Ukraine, nicht Österreich), seiner patenten Grossmutter und seines einarmigen Grossvaters. Letzterer hat fast die gesamte Weltliteratur gelesen auf der Suche nach Stellen, die von grossen Charakteren und dem Verlust von Gliedmassen handeln. Tuor zitiert dessen Lektüre seitenlang, ohne dass sich erschliesst, was diese Einschübe erhellen – eine der Schwächen der «Wölfin». Eine weitere ist das häufige bedeutungsschwangere Namedropping, vermutlich aus früheren Werken des Autors. Offensichtlich weiss die treue Tuor-Gefolgschaft, wer «Pieder Paul Tumera, genannt Turengia» ist, und ruft sofort: Folge 7, Staffel 2 – der hat die Prinzessin Surselva geheiratet. Der ferne Leser aber stutzt und stört sich daran.

Um es vom Tisch zu haben: Eine dritte Schwäche der «Wölfin» ist Tuors professorales Faible für lange Aufzählungen, beispielsweise der Gerüche in der Kirche (als literarische Arabeske abgeguckt bei Süskinds «Parfüm»), der Vogelarten im Dorf («Spatz, Buchfink … Ringeltaube ») oder der Nachnamen seiner Bewohner («Beer, Berther… Foppa und Fontana»). Auch hier bleibt unklar, was diese Wortlisten bezwecken.

Aber hört ihr es wohl: Der ferne Leser schafft es auch, sich zu amüsieren. Ohne Posen und Manierismen hat Leo Tuor nämlich ein lobenswertes Talent: den direkten, unprätentiösen Humor. Er kalauert. Verläuft sich dabei nicht in wortreichen Ausschmückungen, sondern schreibt kurz, klar und komisch. Er führt seine Figuren mit Wortwitz oder Situationskomik vor und weiss genau, wen er in Würde scheitern lässt und wen er vollends blamiert. Die Zwangsjacken von Kirche, Staat und Schulwesen sowie «Onkel Blau» als Platzhalter für die allgegenwärtigen bornierten Nationalisten werden derart derb niedergemacht, dass auch der ferne Leser gehässig grinst. Da muss man ihn mögen, den nackten Tuor, wenn er zeigt, mit welcher Leichtigkeit er Personen prägnant charakterisieren oder Situationen punktgenau beschreiben kann. Steht er nicht da als ebenso grossmütiger wie garstiger Satiriker, wenn er einfach nur erzählt und nicht moussiert und posiert als tiefschürfender Hirte, der in einer seltenen Sprache schreibt und der den Pieder Paul Tumera kennt? Letzterer hat…

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