Joseph Incardona: «Asphaltdschungel»

Joseph Incardona: «Asphaltdschungel»

Sterben im Auto braucht Zeit.

Der Ex-Rechtsmediziner Pierre Castan sitzt völlig dehydriert in seinem hermetisch abgeschlossenen Auto. Er will sterben. Im Nirgendwo, auf einer französischen Autobahnraststätte. Doch Sterben im Auto braucht Zeit. Und die Zeit ist dafür noch nicht reif. Castan hat ohnehin noch etwas zu erledigen: Er will den Mörder seiner Tochter finden, bevor weitere Mädchen sterben müssen. Seit Monaten ist er hinter ihm her. Denn Tochter Lucie ist eine offene Wunde. «Ein verschwundenes Kind. Ihm genommen, ihm gestohlen. Das hätte er nicht gebraucht, um zu verstehen, wie sehr er sie geliebt hat.»

Gerade als Castan eigentlich vor Verzweiflung schon aufgegeben hat, packt ihn eine innere Unruhe. Er riecht förmlich, dass er dem Täter so nahe ist wie nie zuvor. Dass dieser binnen Stunden erneut zuschlagen wird und dann die Zeit für seine Rache gekommen ist. Einige Stunden später ist es so weit: Marie, zwölf Jahre alt, weisses Spaghetti-Top, Hot Pants, gelbe Flipflops, verschwindet an der Aire des Lilas. Pierre, 80 km entfernt, hört es im Radio und nimmt die Jagd auf, genau wie Julie Martinez, Capitaine der Gendarmerie. Ohne es zu wissen, arbeitet sie Castan in die Hand. Ein mörderischer Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

Der Lausanner Joseph Incardona sticht mit «Asphaltdschungel» aus der Krimi-Landschaft nicht nur der Schweiz heraus. Sein achter Roman ist dermassen knüppelhart, abgründig und brutal, dass es fast nicht auszuhalten ist. Die harten Staccato-Sätze rauben einem den Atem. In schnellen, raffinierten Perspektivenwechseln legt der Autor ein Netz um den Mörder. «Asphaltdschungel», 2015 mit dem Grand Prix de littérature policière für den besten französischsprachigen Kriminalroman ausgezeichnet, ist ein Roman noir, der in den Knochen wehtut. Der nicht nur wegen Überschneidungen in der Anlage (kleines Mädchen verschwindet an Raststätte…), sondern auch in seiner Unerbittlichkeit an «Das Versprechen» von Friedrich Dürrenmatt erinnert. Und so wie Dürrenmatts Werk ist auch «Asphaltdschungel» ein zeitloser Klassiker. Denn bei jeder erneuten Lektüre kommen neue Facetten der psychologisch komplexen Geschichte ans Tageslicht. Und hat man erst diese seelisch verdaut, dann lässt sich Incardonas prosaische Sprache so richtig geniessen. Darum: Lesen Sie dieses Buch unbedingt – am besten zweimal.


Joseph Incardona: Asphaltdschungel. Aus dem Französischen von Lydia Dimitrow.Basel: Lenos, 2019.

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Peter Stamm, Schriftsteller,
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